ClariMedClariMed

Thromboseprophylaxe im Krankenhaus: NICE-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf NICE Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Alle Patienten müssen bei Aufnahme oder spätestens nach 12 Stunden in der Notaufnahme auf ihr VTE- und Blutungsrisiko untersucht werden.
  • Die Entscheidung zur medikamentösen Prophylaxe erfordert stets eine individuelle Abwägung zwischen VTE- und Blutungsrisiko.
  • Niedermolekulares Heparin (NMH) ist die medikamentöse Therapie der ersten Wahl für die meisten medizinischen und chirurgischen Patienten.
  • Mechanische Prophylaxe (z.B. intermittierende pneumatische Kompression) wird besonders bei hohem Blutungsrisiko oder als Kombinationstherapie empfohlen.
  • Anti-Thrombose-Strümpfe sind bei bestimmten Vorerkrankungen (z.B. pAVK, periphere Neuropathie, akuter Schlaganfall) kontraindiziert.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Venöse Thromboembolien (VTE), einschließlich tiefer Venenthrombosen (TVT) und Lungenembolien, gehören zu den häufigsten und potenziell vermeidbaren Komplikationen bei Krankenhausaufenthalten. Die vorliegende NICE-Leitlinie bietet evidenzbasierte Empfehlungen zur Reduktion des VTE-Risikos bei Patienten ab 16 Jahren, die stationär oder tagesklinisch behandelt werden.

Risikobewertung (VTE und Blutung)

Die Basis jeder Prophylaxe ist eine strukturierte Risikobewertung.

  • Alle Patienten müssen auf ihr VTE- und Blutungsrisiko untersucht werden.
  • Zeitpunkt: So bald wie möglich nach der Aufnahme, spätestens bei der ersten fachärztlichen Visite oder in der Notaufnahme, falls sie dort länger als 12 Stunden verbleiben.
  • Abwägung: Das individuelle VTE-Risiko muss immer gegen das Blutungsrisiko abgewogen werden, bevor eine medikamentöse Prophylaxe angeordnet wird.
  • Reevaluation: Das Risiko muss bei jeder Änderung des klinischen Zustands oder bei der fachärztlichen Visite neu bewertet werden (auf Intensivstationen täglich oder häufiger bei schnellen Veränderungen).

Patientenaufklärung und Entlassungsplanung

Patienten und Angehörige müssen über die VTE-Prophylaxe aufgeklärt werden.

  • Vor der Prophylaxe: Aufklärung über VTE-Risiken, Bedeutung der Prophylaxe, mögliche Nebenwirkungen (z.B. Blutungen) und allgemeine Maßnahmen (Hydratation, Mobilisation).
  • Tierische Bestandteile: Patienten müssen darüber informiert werden, dass Heparine tierischen Ursprungs sind. Bei Bedenken sind Alternativen zu besprechen.
  • Bei Entlassung: Aufklärung über korrekte Anwendung (z.B. von Strümpfen oder Injektionen), Erkennung von VTE-Symptomen oder Nebenwirkungen und Kontaktdaten bei Problemen.

Mechanische Prophylaxe

Zur mechanischen Prophylaxe gehören Anti-Embolie-Strümpfe (AES) und die intermittierende pneumatische Kompression (IPK).

Anti-Embolie-Strümpfe (AES)

Strümpfe müssen einen graduierten Druck aufbauen (Waden-Druck von 14-15 mmHg). Sie sollten Tag und Nacht getragen und täglich zur Hautinspektion entfernt werden.

Kontraindikationen für Anti-Embolie-Strümpfe
Verdacht auf oder nachgewiesene periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)
Periphere arterielle Bypass-Operationen
Periphere Neuropathie oder andere sensorische Einschränkungen
Lokale Hauterkrankungen (z.B. Pergamenthaut, Dermatitis, Gangrän, frische Transplantate)
Bekannte Allergie gegen das Material
Schwere Beinödeme oder extreme Deformitäten/Beinformen
Akuter Schlaganfall (generell nicht empfohlen)

Hinweis: Bei Schmerzen, Blasenbildung oder Hautverfärbungen müssen die Strümpfe sofort entfernt und ggf. auf IPK umgestellt werden.

Intermittierende pneumatische Kompression (IPK)

Die IPK sollte so lange wie möglich getragen werden. Sie ist oft die Methode der Wahl, wenn medikamentöse Prophylaxen kontraindiziert sind (z.B. bei hohem Blutungsrisiko) oder als Kombinationstherapie.

Medikamentöse Prophylaxe nach Patientengruppen

Wenn eine medikamentöse Prophylaxe indiziert ist, sollte diese so bald wie möglich und innerhalb von 14 Stunden nach der Aufnahmeentscheidung begonnen werden (sofern nicht anders spezifiziert).

Akut kranke medizinische Patienten & Intensivmedizin

PatientengruppeEmpfohlene TherapieDauer / Bemerkung
Akut kranke medizinische PatientenNMH (1. Wahl) oder FondaparinuxMindestens 7 Tage
IntensivpatientenNMHBis zur ausreichenden Mobilisation
NiereninsuffizienzNMH oder UFHDosisanpassung nach multidisziplinärer Absprache/Protokoll
PalliativpatientenNMH oder FondaparinuxIndividuelle Abwägung; keine Prophylaxe in den letzten Lebenstagen

Neurologie und Psychiatrie

  • Akuter Schlaganfall: Keine Anti-Embolie-Strümpfe. Einsatz von IPK innerhalb von 3 Tagen für 30 Tage oder bis zur Mobilisation/Entlassung erwägen.
  • Akute Psychiatrie: NMH (oder Fondaparinux bei Kontraindikation) erwägen, bis das erhöhte VTE-Risiko nicht mehr besteht.

Orthopädische Chirurgie und Trauma

Eingriff / ZustandEmpfohlene ProphylaxeDauer
Ruhigstellung der unteren ExtremitätNMH oder FondaparinuxGgf. absetzen, wenn Ruhigstellung >42 Tage
Becken-, Hüft-, FemurfrakturenNMH (6-12h post-op) oder Fondaparinux (6h post-op)1 Monat
Elektiver HüftgelenkersatzNMH (10 Tage) + Aspirin (75/150 mg, 28 Tage) ODER NMH (28 Tage) + AES ODER RivaroxabanJe nach gewähltem Schema
Elektiver KniegelenkersatzAspirin (75/150 mg, 14 Tage) ODER NMH (14 Tage) + AES ODER RivaroxabanJe nach gewähltem Schema
Schweres TraumaIPK bei Aufnahme. Medikamentös sobald Blutungsrisiko es zulässtMindestens 7 Tage (medikamentös)

Hinweis: Bei arthroskopischen Knie-OPs oder Venen-OPs unter 90 Minuten und niedrigem Risiko ist generell keine Prophylaxe nötig.

Allgemeine, Viszeral- und Neurochirurgie

EingriffMechanische ProphylaxeMedikamentöse Prophylaxe
Abdominal- / Bariatrische ChirurgieAES oder IPK bei AufnahmeNMH oder Fondaparinux für mind. 7 Tage (bei großen Tumor-OPs bis 28 Tage erwägen)
Thorax- / HNO- / KieferchirurgieAES oder IPK bei AufnahmeNMH für mind. 7 Tage
Elektive WirbelsäulenchirurgieAES oder IPK bei Aufnahme (für 30 Tage)NMH (Start 24-48h post-op) für 30 Tage erwägen
Kraniale ChirurgieAES oder IPK bei Aufnahme (für 30 Tage)NMH prä-op (letzte Dosis >24h vor OP) und post-op (Start 24-48h nach OP) für mind. 7 Tage erwägen

Sonderfall kraniale Blutungen: Keine medikamentöse Prophylaxe bei rupturierten kranialen Gefäßmalformationen oder intrakraniellen Blutungen, bis die Läsion gesichert oder der Zustand stabil ist.

Schwangerschaft und Wochenbett

  • Aufnahme: Risikobewertung bei allen schwangeren Frauen oder Frauen bis 6 Wochen nach Geburt/Fehlgeburt/Abbruch.
  • Medikamentös: NMH erwägen, wenn das VTE-Risiko das Blutungsrisiko übersteigt.
  • Unter der Geburt: Medikamentöse Prophylaxe stoppen. Keine Prophylaxe bei aktiver Wehentätigkeit.
  • Postpartal: NMH 4 bis 8 Stunden nach dem Ereignis starten (sofern nicht kontraindiziert) und für mindestens 7 Tage fortführen.
  • Kaiserschnitt / Immobilisation: Kombination aus NMH und mechanischer Prophylaxe (bevorzugt IPK) erwägen, wenn die Patientin voraussichtlich für 3 oder mehr Tage immobilisiert ist.

💡Praxis-Tipp

Überprüfen Sie das VTE- und Blutungsrisiko bei jeder klinischen Veränderung des Patienten neu. Bei Patienten mit akutem Schlaganfall dürfen keine Anti-Thrombose-Strümpfe verwendet werden; nutzen Sie stattdessen die intermittierende pneumatische Kompression.

Häufig gestellte Fragen

So bald wie möglich nach der Aufnahme, spätestens bei der ersten fachärztlichen Visite oder nach 12 Stunden in der Notaufnahme.
Nein, bei akutem Schlaganfall sind sie kontraindiziert. Stattdessen sollte eine intermittierende pneumatische Kompression (IPK) erwogen werden.
Niedermolekulares Heparin (NMH) oder unfraktioniertes Heparin (UFH), wobei die Dosis entsprechend der Nierenfunktion und lokalen Protokollen angepasst werden muss.
Für mindestens 7 Tage, sofern das VTE-Risiko das Blutungsrisiko übersteigt.

Verwandte Leitlinien