Endometriose: Diagnostik & Therapie (NICE-Leitlinie 2024)
📋Auf einen Blick
- •Ein transvaginaler Ultraschall sollte allen Patientinnen mit Verdacht auf Endometriose als primäre Bildgebung angeboten werden.
- •Ein unauffälliger Ultraschall oder Tastbefund schließt eine Endometriose nicht aus.
- •Die Bestimmung des Tumormarkers CA125 zur Diagnosestellung wird explizit nicht empfohlen.
- •Die Therapieplanung richtet sich nach den Symptomen und Präferenzen der Patientin, nicht nach dem anatomischen Stadium der Erkrankung.
- •Bei alleinigem Kinderwunsch wird von einer hormonellen Therapie abgeraten, da diese die spontane Schwangerschaftsrate nicht verbessert.
Hintergrund
Endometriose ist eine chronische Erkrankung, die erhebliche physische, sexuelle, psychologische und soziale Auswirkungen haben kann. Die Diagnose wird oft verzögert gestellt. Ein Verdacht auf Endometriose sollte geäußert werden, wenn eines oder mehrere der folgenden Leitsymptome vorliegen:
| Symptom / Anzeichen | Klinische Beschreibung |
|---|---|
| Chronischer Beckenschmerz | Schmerzen im Beckenbereich, die ≥ 6 Monate anhalten |
| Dysmenorrhoe | Zyklusabhängige Schmerzen, die den Alltag und die Lebensqualität einschränken |
| Tiefe Dyspareunie | Schmerzen während oder nach dem Geschlechtsverkehr |
| Gastrointestinale Symptome | Zyklische Beschwerden, insbesondere schmerzhafter Stuhlgang |
| Urologische Symptome | Zyklische Beschwerden, insbesondere Hämaturie oder Schmerzen beim Wasserlassen |
| Infertilität | In Kombination mit mindestens einem der obigen Symptome |
Zudem sollte nach einer Familienanamnese (Verwandte ersten Grades) gefragt werden, da dies die Wahrscheinlichkeit für eine Endometriose erhöht.
Diagnostik und Überweisung
Die apparative Diagnostik und medikamentöse Initialtherapie können parallel erfolgen.
| Diagnostikum | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Transvaginaler Ultraschall (TVUS) | Primäre Bildgebung | Allen Patientinnen anbieten, auch bei unauffälliger Untersuchung. Dient der Identifikation von Endometriomen und tiefer Endometriose. |
| Transabdominaler Ultraschall | Alternative | Falls TVUS abgelehnt wird oder ungeeignet ist. |
| Serum-CA125 | Nicht empfohlen | Darf nicht zur Diagnose der Endometriose verwendet werden. |
| MRT / Spezial-Ultraschall | Erweiterte Diagnostik | Zur Diagnose und Ausdehnungsbestimmung bei Verdacht auf tiefe Endometriose. |
| Diagnostische Laparoskopie | Goldstandard | Kann auch bei unauffälliger Bildgebung erwogen werden. Befunde müssen systematisch dokumentiert werden. |
Wichtig: Ein unauffälliger Ultraschall oder Tastbefund schließt eine Endometriose nicht aus.
Stufenschema zur Überweisung
| Zielstruktur | Indikation zur Überweisung |
|---|---|
| Gynäkologie | Ineffektive Initialtherapie, starke Alltagseinschränkung, persistierende Symptome, Beckenbefunde (ohne Verdacht auf tiefe Endometriose) |
| Endometriosezentrum | Endometrioma, tiefe Endometriose (Darm, Blase, Ureter), extragenitale Endometriose |
| Kinder- & Jugendgynäkologie | Patientinnen ≤ 17 Jahre mit Verdacht auf oder bestätigter Endometriose |
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie zielt primär auf die Schmerzkontrolle ab.
| Wirkstoffgruppe | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Analgetika | Paracetamol oder NSAR (allein oder in Kombination) | Kurzer Therapieversuch (z.B. 3 Monate) als First-Line-Schmerztherapie. |
| Hormonelle Therapie | Kombinierte orale Kontrazeptiva oder Gestagene | Reduziert Schmerzen, hat keinen permanenten negativen Effekt auf spätere Fertilität. |
| GnRH-Antagonisten | Linzagolix, Relugolix | Gemäß spezifischen NICE-Vorgaben nach erfolgloser medikamentöser/chirurgischer Therapie. |
Chirurgische Therapie
Die Therapieentscheidung richtet sich nach den Symptomen, Präferenzen und Prioritäten der Patientin (insbesondere bzgl. Schmerz und Fertilität), nicht nach dem Stadium der Erkrankung.
- Eingriffe sollten standardmäßig laparoskopisch erfolgen.
- Bei Endometriomen sollte eine Exzision einer Ablation vorgezogen werden, wobei der Kinderwunsch und die Ovarialreserve individuell berücksichtigt werden müssen.
- Postoperativ kann eine hormonelle Therapie (z.B. kombiniertes orales Kontrazeptivum) erwogen werden, um den Nutzen der Operation zu verlängern und Symptome zu kontrollieren.
- Bei tiefer Endometriose (Darm, Blase, Ureter) kann eine 3-monatige Vorbehandlung mit GnRH-Agonisten vor der Operation erwogen werden.
- Falls eine Hysterektomie indiziert ist (z.B. bei Adenomyose), sollten alle sichtbaren Endometrioseherde zeitgleich exzidiert werden.
Management bei Kinderwunsch
Das Management bei Infertilität sollte interdisziplinär mit Reproduktionsmedizinern erfolgen.
| Maßnahme | Empfehlung | Begründung |
|---|---|---|
| Exzision / Ablation + Adhäsiolyse | Empfohlen bei Endometriose (ohne Darm-/Blasen-/Ureterbeteiligung) | Verbessert die spontane Schwangerschaftsrate. |
| Zystektomie vs. Ablation/Drainage | Individuell abwägen bei Endometriomen | Zystektomie verbessert Schwangerschaftsrate; Ablation/Drainage schont ggf. die Ovarialreserve besser. |
| Hormonelle Therapie | Nicht empfohlen (weder allein noch perioperativ) | Verbessert die spontane Schwangerschaftsrate nicht. |
💡Praxis-Tipp
Lassen Sie sich von einer unauffälligen Bildgebung nicht in die Irre führen: Ein normaler transvaginaler Ultraschall oder Tastbefund schließt eine Endometriose nicht aus. Überweisen Sie symptomatische Patientinnen bei persistierenden Beschwerden zur weiteren Abklärung.