Kinder mit komplexen Behinderungen: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Wünsche und Kommunikationspräferenzen des Kindes oder Jugendlichen müssen im Zentrum aller Entscheidungen stehen.
- •Die Erstellung von Education, Health and Care (EHC) Plänen erfordert eine enge interdisziplinäre Abstimmung und muss innerhalb von 20 Wochen abgeschlossen sein.
- •Die Transition in die Erwachsenenversorgung muss frühzeitig, spätestens ab dem 9. Schuljahr, geplant werden.
- •Jedem Patienten soll ein fester Ansprechpartner (Key Worker) zur Koordination des interdisziplinären Teams zugewiesen werden.
- •Spezialisierte Hilfsmittel (z. B. Kommunikationshilfen) müssen dem Kind direkt zur Verfügung gestellt werden, damit sie lebensweltübergreifend nutzbar sind.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie (NG213) adressiert die integrierte Versorgung von Kindern und Jugendlichen bis 25 Jahren mit schweren, komplexen Behinderungen. Im Fokus steht die nahtlose Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen, Sozialfürsorge und Bildungseinrichtungen, um die Lebensziele, die gesellschaftliche Teilhabe und die Unabhängigkeit der Betroffenen bestmöglich zu fördern.
Prinzipien der Zusammenarbeit
Die Wünsche, Lebensziele und Präferenzen des Kindes oder Jugendlichen müssen immer im Zentrum der Planung stehen.
- Kommunikation: Individuelle Kommunikationswege (z. B. Augmentative und Alternative Kommunikation [AAC], Fototagebücher) sind zu ermitteln und in einem Kommunikationspass zu dokumentieren.
- Einbindung der Familie: Eltern und Betreuer sind als Experten für die Bedürfnisse ihres Kindes anzuerkennen und aktiv in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.
- Entscheidungsfindung: Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Kind und Eltern ist bei unter 16-Jährigen das Wohl des Kindes vorrangig. Jugendliche über 16 Jahren mit entsprechender Einsichtsfähigkeit treffen Entscheidungen selbstständig.
Education, Health and Care (EHC) Pläne
Die Ermittlung des Förderbedarfs und die Erstellung eines EHC-Plans unterliegen strikten Fristen und erfordern eine interdisziplinäre Abstimmung.
| Phase | Zeitrahmen | Kernmaßnahmen |
|---|---|---|
| Entscheidung über Assessment | Innerhalb von 6 Wochen | Prüfung des Antrags durch die zuständige Behörde. |
| Informationsbeschaffung | Innerhalb von 6 Wochen | Fachkräfte aus Bildung, Gesundheit und Soziales liefern strukturierte Einschätzungen. |
| Ablehnung | Innerhalb von 16 Wochen | Information an die Familie, falls kein EHC-Plan erstellt wird. |
| Finaler EHC-Plan | Innerhalb von 20 Wochen | Abschluss des Assessments und Übergabe des finalen Plans. |
Kernaussagen zum EHC-Plan:
- Ziele müssen SMART (spezifisch, messbar, erreichbar, relevant, terminiert) formuliert sein.
- Erwartungen sollen auf den Ambitionen des Kindes basieren, nicht primär auf der Diagnose.
- Leistungen dürfen nicht reduziert werden, nur weil das Kind Fortschritte macht, da diese oft auf der bestehenden Unterstützung beruhen.
Transition in die Erwachsenenversorgung
Die Vorbereitung auf das Erwachsenenalter muss frühzeitig beginnen, um Brüche in der Versorgung zu vermeiden.
- Startzeitpunkt: Die Transition muss ab dem 9. Schuljahr (ca. 13-14 Jahre) in den EHC-Plan-Reviews thematisiert werden.
- Ziele: Fokus auf langfristige Ziele wie unabhängiges Wohnen und Beschäftigung (z. B. unterstützte Praktika).
- Verantwortlichkeit: Ein benannter Ansprechpartner koordiniert den Übergang und übergibt die Verantwortung geordnet an einen Kollegen der Erwachsenenversorgung.
Spezialisierte Unterstützung
Die Leitlinie definiert spezifische Anforderungen für besondere Bedarfslagen:
| Bereich | Empfohlene Maßnahmen | Wichtige Prinzipien |
|---|---|---|
| Palliativversorgung | Parallele Planung (Beibehaltung von sozialen Aktivitäten neben Palliativmaßnahmen). | EHC-Plan umgehend anpassen; Wünsche des Kindes priorisieren. |
| Kommunikationshilfen (AAC) | Bereitstellung der Geräte direkt an das Kind (nicht an die Einrichtung). | Muss in allen Umgebungen (Schule, Zuhause) nutzbar sein; Backup-Systeme (Papier) für elektronische Hilfen bereitstellen. |
| Umgebungsanpassungen | Regelmäßige (mind. jährliche) Barrierefreiheits-Assessments. | Schulung von Familie und Personal in der Nutzung der Anpassungen. |
| Beschäftigung | Erstellung eines Berufsprofils; Einsatz von Job-Coaches. | Frühzeitige Diskussion von Karriereoptionen; Einbindung lokaler Arbeitgeber. |
Service-Organisation und Interdisziplinäre Teams
Für eine effektive Versorgung müssen Silos zwischen den Sektoren aufgebrochen werden.
- Key Working Support: Jedem Kind/Jugendlichen muss ein fester Ansprechpartner (Key Worker) zugewiesen werden, der als Koordinator fungiert und die Familie durch das System navigiert.
- Delegierte klinische Aufgaben: Wenn Pflegekräfte, Betreuer oder Familienmitglieder klinische Aufgaben übernehmen, müssen registrierte medizinische Fachkräfte die Schulung, Kompetenzprüfung und kontinuierliche Supervision sicherstellen.
- Gemeinsame Schulungen: Fachkräfte aus Bildung, Gesundheit und Soziales sollten gemeinsame Trainings absolvieren (z. B. zu sicherer Nahrungsaufnahme oder AAC-Nutzung) und Hospitationen in den jeweils anderen Sektoren durchführen.
💡Praxis-Tipp
Stellen Sie Kommunikationshilfen (AAC) oder Umgebungsanpassungen immer direkt dem Patienten zur Verfügung, nicht der Institution (z. B. Schule), damit diese lebensweltübergreifend genutzt werden können. Beginnen Sie die Transitionsplanung in die Erwachsenenmedizin spätestens im 9. Schuljahr.