Betreute Kinder und Jugendliche: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Prävalenz psychischer Störungen liegt bei betreuten Kindern bei 45 %, in Heimeinrichtungen sogar bei 72 %.
- •Ein trauma-informierter Ansatz und stabile, positive Beziehungen sind essenziell für die Betreuung und Pflege.
- •Die Biografiearbeit (Life Story Work) sollte so früh wie möglich nach der Aufnahme in das Pflegesystem beginnen.
- •Unbegleitete minderjährige Asylsuchende benötigen ein maßgeschneidertes Gesundheitsassessment (inkl. Tuberkulose, HIV, Trauma).
- •Der Übergang in die Selbstständigkeit (Care Leavers) sollte durch persönliche Berater bis zum 25. Lebensjahr unterstützt werden.
Hintergrund
Betreute Kinder und Jugendliche (Looked-after children) haben oft traumatische Erfahrungen wie Missbrauch oder Vernachlässigung (65 %) gemacht. Diese sogenannten "Adverse Childhood Events" (ACEs) beeinträchtigen die physische und psychische Gesundheit massiv. Die Prävalenz psychischer Störungen liegt bei betreuten Kindern bei 45 % (in Heimeinrichtungen sogar bei 72 %), verglichen mit 10 % in der Allgemeinbevölkerung.
| Unterbringungsart | Anteil |
|---|---|
| Pflegefamilien (Foster placements) | 72 % |
| Verwandtenpflege (Connected care) | 14 % |
| Heime/Betreutes Wohnen (Residential care) | 13 % |
| Bei den leiblichen Eltern | 7 % |
Beziehungsaufbau und Kontakt
Ein zentraler Aspekt der Betreuung ist der Aufbau positiver, verlässlicher Beziehungen. Häufige Wechsel der Unterbringung verschlechtern die psychische Gesundheit und das Zugehörigkeitsgefühl.
- Geschwisterbeziehungen: Interventionen zur Verbesserung der Beziehungen zwischen leiblichen und nicht-leiblichen Geschwistern sollten gefördert werden, sofern keine Sicherheitsbedenken bestehen.
- Leibliche Familie: Die Wünsche des Kindes bezüglich des Kontakts zur leiblichen Familie sind zu respektieren. Bei Bedarf sind geschulte Kontaktbetreuer (Contact supervisors) einzusetzen, die in trauma-informierter Pflege ausgebildet sind.
- Sozialarbeiter: Um die Fluktuation zu verringern, müssen Sozialarbeiter besser unterstützt werden (z. B. durch Supervision und Reduzierung administrativer Aufgaben).
Anforderungen an Pflegepersonen
Pflegepersonen (Carers) benötigen umfassende Unterstützung und Schulungen, um den komplexen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden.
| Schulungsbereich | Wichtige Inhalte |
|---|---|
| Trauma-informierte Pflege | Verständnis von Verhalten als Kommunikation, Erkennen von Trauma-Triggern, Bindung und Verlust |
| Biografiearbeit (Life story work) | Konsistenter, kindzentrierter Ansatz zur Förderung einer positiven Identität |
| Gesundheit & Hygiene | Mundgesundheit, Ernährung, sexuelle Identität, Zustimmung zu medizinischen Behandlungen |
| Selbstfürsorge | Prävention von Burnout, Umgang mit dem Ende einer Unterbringung |
Gesundheit und Wohlbefinden
Die physische und psychische Gesundheit muss systematisch erfasst und gefördert werden.
- Initiales Gesundheitsassessment: Muss zeitnah nach Aufnahme in das Pflegesystem erfolgen. Die Historie sollte aus allen verfügbaren Akten zusammengetragen werden.
- Unbegleitete minderjährige Asylsuchende: Benötigen ein maßgeschneidertes Assessment.
| Bereich | Spezifische Diagnostik bei unbegleiteten Asylsuchenden |
|---|---|
| Infektionen | Tuberkulose-Screening, HIV, Hepatitis, Impfstatus |
| Ernährung | Mangelernährung, Vitamin-D-Mangel |
| Spezifische Traumata | Weibliche Genitalverstümmelung (FGM), Missbrauch, Schlafstörungen |
| Sensorik | Hör- und Sehtests (oft im Herkunftsland nicht gescreent) |
- Biografiearbeit (Life story work): Sollte so früh wie möglich nach der Aufnahme beginnen und nicht erst, wenn die Platzierung stabil ist. Sie umfasst die Aufarbeitung der Vergangenheit, Gegenwart (Identität, Stärken) und Zukunft (Hoffnungen, Karriere).
Bildung und Schule
Betreute Kinder haben ein erhöhtes Risiko für schlechte schulische Leistungen und Schulverweise.
- Virtual Schools: Sollen die Bildungsangebote für betreute Kinder koordinieren und überwachen. Sie benötigen Expertise für frühkindliche Bildung, Sonderpädagogik (SEN) und Post-16-Bildung.
- Designated Teachers: Dienen als konstante Fürsprecher für den schulischen Fortschritt des Kindes und arbeiten eng mit Pflegepersonen und Sozialarbeitern zusammen.
Übergang in die Selbstständigkeit (Care Leavers)
Der Übergang aus dem Pflegesystem in die Unabhängigkeit ist eine kritische Phase.
- Verlängerte Betreuung: Jugendliche sollten ermutigt werden, mindestens bis zum 18. Lebensjahr in ihrer aktuellen Unterbringung zu bleiben.
- Bedarfsermittlung: Persönliche Berater (Personal advisers) müssen praktische Fähigkeiten (Finanzkompetenz, Haushaltsführung), Gesundheitsbedürfnisse und das soziale Netzwerk bewerten.
- Unterstützung bis 25: Care Leavers haben das Recht auf weitreichende Unterstützung (inklusive Rückkehr in die Bildung) bis zum 25. Lebensjahr.
💡Praxis-Tipp
Beginnen Sie die Biografiearbeit ('Life Story Work') so früh wie möglich nach der Aufnahme in das Pflegesystem. Warten Sie nicht, bis die Platzierung stabil ist, da die Arbeit selbst zur emotionalen Stabilität beiträgt.