NICE-Leitlinie NG124: Neonatale Atemwegsversorgung bei Frühgeborenen
📋Auf einen Blick
- •CPAP wird als primäre nicht-invasive Atemunterstützung zur Stabilisierung empfohlen.
- •Volumengesteuerte Beatmung (VTV) ist die bevorzugte invasive Beatmungsmethode.
- •Koffeincitrat soll bei Frühgeborenen unter 30 Wochen routinemäßig und frühzeitig eingesetzt werden.
- •Dexamethason kann ab dem 8. Lebenstag zur Reduktion einer bronchopulmonalen Dysplasie (BPD) erwogen werden.
- •Die Ziel-Sauerstoffsättigung (SpO2) liegt nach der initialen Stabilisierung bei 91 bis 95 %.
Spezialisierte neonatale Atemwegsversorgung für Frühgeborene (NICE NG124)
Diese Zusammenfassung basiert auf der NICE-Leitlinie NG124 und behandelt die Beurteilung und das Management der Atemwegsversorgung bei Frühgeborenen.
1. Risikofaktoren für Bronchopulmonale Dysplasie (BPD)
Behandelnde Ärzte sollen sich der Risikofaktoren für die Entwicklung einer BPD bewusst sein. Die Faktoren "Behandlung mit Surfactant" und "Behandlung eines persistierenden Ductus arteriosus (PDA)" spiegeln wahrscheinlich die Schwere der Erkrankung wider.
| Gestationsalter | Identifizierte Risikofaktoren für BPD |
|---|---|
| Vor 32 Wochen | Niedriges Gestationsalter, niedriges Geburtsgewicht, "Small for gestational age" (SGA), männliches Geschlecht, Körperkerntemperatur < 35°C bei Aufnahme, invasive Beatmung innerhalb von 24h nach Geburt, klinische Sepsis, Fütterung mit Formulanahrung, Behandlung mit Surfactant, Behandlung eines PDA |
| Vor 30 Wochen | Kardiopulmonale Reanimation bei der Geburt |
2. Atemunterstützung und Beatmung
2.1 Stabilisierung vor Aufnahme auf die Neugeborenenstation
Bei der Stabilisierung von Frühgeborenen, die kurz nach der Geburt Atemunterstützung benötigen, soll klinisch angemessen primär CPAP (Continuous Positive Airway Pressure) anstelle einer invasiven Beatmung verwendet werden.
2.2 Surfactant-Gabe
- Frühgeborene, die zur Stabilisierung invasiv beatmet werden müssen, sollen Surfactant erhalten.
- Benötigt das Frühgeborene keine invasive Beatmung, sollte eine minimal-invasive Verabreichungstechnik genutzt werden. Ist dies nicht möglich, soll eine endotracheale Intubation zur Surfactant-Gabe mit anschließender früher Extubation erfolgen.
2.3 Sauerstofftherapie
- Für zusätzlichen Sauerstoff soll eine Nasenkanüle oder Inkubatorsauerstoff verwendet werden.
- Bei höheren Flussraten (≥ 2 Liter pro Minute) soll der Sauerstoff befeuchtet werden.
2.4 Beatmungstechniken auf der Neugeborenenstation
- Nicht-invasiv: Es sollte nasales CPAP oder nasale High-Flow-Therapie als primäre Atemunterstützung erwogen werden.
- Invasiv: Als primäre Methode soll die volumengesteuerte Beatmung (VTV) in Kombination mit synchronisierter Beatmung eingesetzt werden. Ist dies nicht effektiv, sollte die Hochfrequenz-Oszillationsventilation (HFOV) erwogen werden. Stehen VTV und HFOV nicht zur Verfügung, sollte SIMV (Synchronised Intermittent Mandatory Ventilation) erwogen werden.
- Kontraindikation: Synchronisierte drucklimitierte Beatmungsformen (z. B. AC, SIPPV, PTV, PSV, STCPLV) sollen nicht verwendet werden.
3. Medikamentöse Therapie
3.1 Kortikosteroide
- Dexamethason: Sollte zur Reduktion des BPD-Risikos bei Frühgeborenen ab dem 8. Lebenstag erwogen werden, die weiterhin invasiv beatmet werden. Die Risiken (z. B. Hypertonie) sollen mit den Eltern besprochen werden. Der Blutdruck soll überwacht werden.
- Bei Frühgeborenen unter 8 Tagen erhöht Dexamethason das Risiko für gastrointestinale Perforationen.
- Dexamethason soll nicht zusammen mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) angewendet werden.
3.2 Koffeincitrat
Koffeincitrat soll bei Frühgeborenen (geboren ≤ 30 Wochen) routinemäßig und so früh wie möglich (idealerweise vor dem 3. Lebenstag) eingesetzt werden. Ein Absetzen sollte bei klinischer Stabilität zwischen der 33. und 35. korrigierten Schwangerschaftswoche erwogen werden.
| Indikation | Dosierungsempfehlung für Koffeincitrat |
|---|---|
| Apnoe bei Frühgeborenen | Ladedosis: 20 mg/kg. Erhaltungsdosis (nach 24h): 5 mg/kg einmal täglich. |
| Persistierende Apnoe | Erhöhung auf bis zu 20 mg/kg täglich. |
| Therapieversagen | Erhaltungsdosis > 20 mg/kg täglich kann erwogen werden (Plasmaspiegel überwachen!). |
3.3 Weitere Medikamente
- Inhaliertes Stickstoffmonoxid (NO): Soll nicht routinemäßig bei Atemnotsyndrom (RDS) eingesetzt werden, außer bei Lungenhypoplasie oder pulmonaler Hypertonie.
- Persistierender Ductus arteriosus (PDA): Ein PDA soll nicht behandelt werden, es sei denn, er verursacht signifikante klinische Probleme (z. B. Schwierigkeiten bei der Entwöhnung vom Beatmungsgerät).
- Morphin: Soll nicht routinemäßig bei Atemunterstützung eingesetzt werden, sollte aber bei Schmerzen erwogen werden. Regelmäßige Reevaluation ist erforderlich.
- Prämedikation vor Intubation: Vor einer elektiven Intubation sollte eine Prämedikation (Opioid + Muskelrelaxans oder Propofol allein) erwogen werden.
4. Monitoring
4.1 Sauerstoff und Kohlendioxid
- Sauerstoff: Die kontinuierliche Pulsoximetrie soll verwendet werden. Nach der Stabilisierung liegt der Zielbereich für die Sauerstoffsättigung bei 91 % bis 95 %. Bei klinisch instabilen, invasiv beatmeten Frühgeborenen sollte ein transkutanes Sauerstoffmonitoring erwogen werden.
- Kohlendioxid (PCO2): Bei invasiver Beatmung gelten folgende Zielwerte:
| Lebenstag | PCO2-Zielbereich |
|---|---|
| Tag 1 bis 3 | 4,5 kPa bis 8,5 kPa |
| Ab Tag 4 | 4,5 kPa bis 10,0 kPa |
Bei niedrigem PCO2 soll das Atemminutenvolumen unverzüglich reduziert und der Wert innerhalb einer Stunde kontrolliert werden.
4.2 Blutdruck
Frühgeborene sollen nicht ausschließlich basierend auf spezifischen Blutdruckschwellenwerten wegen Hypotonie behandelt werden. Andere Faktoren wie eine schlechte Gewebeperfusion sollen berücksichtigt werden. Das Ziel der Behandlung ist die Verbesserung der Perfusion.
5. Einbindung der Eltern und Entlassung
Eltern sollen als Partner in die Pflege einbezogen werden. Das non-nutritive Saugen (Schnuller) während Wachphasen soll erklärt werden, da es bei Magensonden-Ernährung die Verweildauer im Krankenhaus verkürzen kann. Haut-zu-Haut-Kontakt soll gefördert werden. Für die Entlassung sollte ein designierter Entlassungskoordinator ernannt werden, der die Eltern im Umgang mit medizinischen Geräten schult und Notfallmaßnahmen (z. B. Reanimation) trainiert.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei der kontinuierlichen Pulsoximetrie darauf, dass einige Geräte die Sauerstoffsättigung über- oder unterschätzen können, insbesondere bei grenzwertigen Werten und bei Patienten mit dunkler Hautfarbe.