Endokarditis-Prophylaxe: Aktuelle Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Eine Antibiotika-Prophylaxe wird bei zahnärztlichen und nicht-zahnärztlichen Eingriffen nicht mehr routinemäßig empfohlen.
- •Patienten mit erworbenen Klappenerkrankungen, HCM, stattgehabter Endokarditis oder Klappenersatz gelten als Hochrisikopatienten.
- •Gute Mundhygiene und die Aufklärung über Endokarditis-Symptome sind zentrale Präventionsmaßnahmen.
- •Chlorhexidin-Mundspülungen werden zur Prophylaxe vor zahnärztlichen Eingriffen nicht empfohlen.
- •Bestehende Infektionen bei Risikopatienten müssen umgehend behandelt werden, um das Endokarditis-Risiko zu senken.
Hintergrund
Die infektiöse Endokarditis ist eine seltene Erkrankung mit hoher Morbidität und Mortalität. Historisch wurde Risikopatienten vor zahnärztlichen und bestimmten anderen Eingriffen routinemäßig eine Antibiotika-Prophylaxe verabreicht. Die aktuelle NICE-Leitlinie empfiehlt jedoch, den routinemäßigen Einsatz von Antibiotika zur Endokarditis-Prophylaxe einzustellen.
Risikopatienten
Folgende kardiale Vorerkrankungen bei Erwachsenen und Kindern gehen mit einem erhöhten Risiko für eine infektiöse Endokarditis einher:
| Risikogruppe | Eingeschlossene Erkrankungen | Ausnahmen (kein erhöhtes Risiko) |
|---|---|---|
| Erworbene Herzklappenerkrankungen | Mit Stenose oder Insuffizienz | - |
| Kardiomyopathien | Hypertrophe Kardiomyopathie (HCM) | - |
| Vorerkrankungen | Stattgehabte infektiöse Endokarditis | - |
| Angeborene Herzfehler | Strukturelle angeborene Herzfehler (auch chirurgisch korrigiert/palliativ) | Isolierter ASD, vollständig reparierter VSD oder PDA, endothelialisierte Verschluss-Systeme |
| Klappenersatz | Alle Formen des Herzklappenersatzes | - |
Prophylaxe-Empfehlungen
Eine Antibiotika-Prophylaxe gegen infektiöse Endokarditis wird nicht routinemäßig empfohlen für:
- Zahnärztliche Eingriffe (Hinweis: Für Hochrisikopatienten verweist NICE auf die Implementierungshinweise des Scottish Dental Clinical Effectiveness Programme).
- Nicht-zahnärztliche Eingriffe an folgenden Organsystemen:
- Oberer und unterer Gastrointestinaltrakt
- Urogenitaltrakt (inkl. urologische, gynäkologische und geburtshilfliche Eingriffe sowie Entbindungen)
- Oberer und unterer Respirationstrakt (inkl. HNO-Eingriffe und Bronchoskopie)
Zudem wird Chlorhexidin-Mundspülung als Prophylaxe vor zahnärztlichen Eingriffen bei Risikopatienten nicht empfohlen.
Patientenaufklärung und Prävention
Medizinisches Personal muss Risikopatienten klare und konsistente Informationen zur Prävention anbieten. Diese umfassen:
- Erklärung von Nutzen und Risiken der Antibiotika-Prophylaxe und warum diese nicht mehr routinemäßig empfohlen wird.
- Die immense Bedeutung einer guten Mundhygiene.
- Aufklärung über Symptome einer infektiösen Endokarditis und wann ärztliche Hilfe aufzusuchen ist.
- Aufklärung über die Risiken invasiver Eingriffe, einschließlich nicht-medizinischer Eingriffe wie Piercings oder Tätowierungen.
Management bei bestehenden Infektionen
- Jede Infektionsepisode bei Risikopatienten muss umgehend untersucht und behandelt werden, um das Endokarditis-Risiko zu senken.
- Erhält ein Risikopatient eine antimikrobielle Therapie aufgrund eines gastrointestinalen oder urogenitalen Eingriffs an einer Stelle mit Verdacht auf eine Infektion, muss das gewählte Antibiotikum Erreger abdecken, die eine infektiöse Endokarditis verursachen können.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Endokarditis-Risikopatienten aktiv darüber auf, dass eine gute tägliche Mundhygiene wichtiger ist als eine Antibiotika-Prophylaxe vor zahnärztlichen Eingriffen. Raten Sie zudem explizit von Piercings und Tätowierungen ab.