Autismus bei Kindern & Jugendlichen: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Alle autistischen Kinder und Jugendlichen benötigen uneingeschränkten Zugang zu Gesundheits- und Sozialdiensten.
- •Für die Kernsymptome werden primär spielbasierte, sozial-kommunikative Interventionen empfohlen.
- •Medikamente oder Ausschlussdiäten (z. B. glutenfrei) sollen für die Kernsymptome nicht eingesetzt werden.
- •Bei herausforderndem Verhalten ist primär eine psychosoziale Intervention (basierend auf einer Funktionsanalyse) indiziert.
- •Antipsychotika bei herausforderndem Verhalten sind nur als Reservemittel und unter fachärztlicher Kontrolle einzusetzen.
- •Die Transition in die Erwachsenenmedizin sollte ab dem 14. Lebensjahr geplant und bis zum 18. Lebensjahr abgeschlossen sein.
Hintergrund
Autismus beschreibt qualitative Unterschiede in der sozialen Interaktion und Kommunikation, kombiniert mit eingeschränkten Interessen und repetitiven Verhaltensweisen. Die Prävalenz liegt bei mindestens 1 %. Etwa 70 % der Betroffenen haben mindestens eine weitere psychiatrische Begleiterkrankung (z. B. ADHS oder Angststörungen), und bei ca. 50 % liegt eine intellektuelle Beeinträchtigung (IQ < 70) vor.
Anpassung der Umgebung und Versorgung
Die physische Umgebung und die Versorgungsabläufe sollten an die Bedürfnisse der Patienten angepasst werden, um negative Auswirkungen zu minimieren:
- Bereitstellung visueller Hilfen (Wörter, Bilder, Symbole)
- Anpassung des persönlichen Raums
- Berücksichtigung sensorischer Empfindlichkeiten (Licht, Lärm, Farben)
- Anpassung von Terminen (z. B. Randzeiten zur Vermeidung von Wartezeiten)
Therapie der Kernsymptome
Als primäre Maßnahme sollte eine spezifische sozial-kommunikative Intervention erwogen werden. Diese umfasst spielbasierte Strategien mit Eltern, Betreuern und Lehrern, um die gemeinsame Aufmerksamkeit und reziproke Kommunikation zu fördern.
Nicht empfohlene Interventionen
Folgende Maßnahmen dürfen für die Behandlung der Kernsymptome nicht eingesetzt werden:
| Interventionsart | Beispiele / Spezifische Maßnahmen |
|---|---|
| Pharmakologisch | Antipsychotika, Antidepressiva, Antikonvulsiva |
| Diätetisch | Ausschlussdiäten (z. B. gluten- oder kaseinfrei) |
| Alternativmedizin | Sekretin, Chelattherapie, hyperbare Sauerstofftherapie |
| Apparativ/Training | Neurofeedback, auditorisches Integrationstraining |
Herausforderndes Verhalten
Herausforderndes Verhalten entsteht oft durch Kommunikationsdefizite, Schmerzen, Begleiterkrankungen oder Umweltfaktoren.
Stufenschema bei herausforderndem Verhalten
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Ursachensuche | Behandlung von Auslösern | Schmerzen, Umweltfaktoren oder psychische Probleme adressieren |
| 2. Psychosozial | Psychosoziale Intervention | Erste Wahl, wenn keine spezifischen Auslöser identifizierbar sind. Basiert auf einer Funktionsanalyse des Verhaltens. |
| 3. Pharmakologisch | Antipsychotika (Off-Label) | Nur wenn psychosoziale Interventionen unzureichend sind. Start mit niedriger Dosis, Überprüfung nach 3-4 Wochen. Abbruch bei Non-Response nach 6 Wochen. |
Begleiterkrankungen
Angststörungen
Für Kinder und Jugendliche mit ausreichenden verbalen und kognitiven Fähigkeiten sollte eine kognitive Verhaltenstherapie (CBT) erwogen werden. Diese muss angepasst werden (z. B. durch visuelle Hilfen, strukturierte Arbeitsblätter, Einbezug von Spezialinteressen und regelmäßige Pausen).
Schlafstörungen
Zunächst muss ein detailliertes Assessment erfolgen und ein Schlafplan (verhaltensbezogene Intervention) erstellt werden.
- Pharmakotherapie: Medikamente sollen nur eingesetzt werden, wenn der Schlafplan nicht wirkt.
- Melatonin: Darf nur nach Rücksprache mit einem Spezialisten (Pädiater/Psychiater) und in Kombination mit nicht-pharmakologischen Maßnahmen eingesetzt werden. Omega-3-Fettsäuren sind zur Behandlung von Schlafstörungen nicht empfohlen.
Ernährungsprobleme
Fütterstörungen und eingeschränkte Diäten können zu ernsthaften Nährstoffmängeln führen. Eine regelmäßige Überprüfung von Wachstum und Ernährung (ggf. inkl. Blutuntersuchungen) ist erforderlich.
Transition in die Erwachsenenversorgung
Der Übergang in die Erwachsenenmedizin erfordert eine frühzeitige und strukturierte Planung:
- Ab ca. 14 Jahren: Reevaluation des Bedarfs für eine fortgesetzte Behandlung im Erwachsenenalter.
- Bis 18 Jahre: Die Transition sollte in der Regel bis zum 18. Lebensjahr abgeschlossen sein.
- Assessment: Umfassende Beurteilung der persönlichen, schulischen und sozialen Funktionen sowie von Begleiterkrankungen (Depression, Angst, ADHS).
💡Praxis-Tipp
Verschreiben Sie bei Schlafstörungen autistischer Kinder nicht primär Medikamente. Erstellen Sie stattdessen zuerst einen strukturierten Schlafplan und erwägen Sie Melatonin erst bei Therapieversagen und nach fachärztlicher Rücksprache.