Organspende & Spenderidentifikation: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Organspende sollte als regulärer Bestandteil der Betreuung am Lebensende (End-of-Life Care) betrachtet werden.
- •Potenzielle Spender sind frühzeitig anhand definierter klinischer Trigger (z.B. GCS ≤ 4 ohne Sedierung) zu identifizieren.
- •Die Kontaktaufnahme mit einer spezialisierten Fachkraft für Organspende muss erfolgen, sobald die klinischen Kriterien erfüllt sind.
- •Gespräche über Therapiebegrenzung und Organspende sollten zeitlich getrennt voneinander geführt werden.
- •Ein multidisziplinäres Team (MDT) unter ärztlicher Leitung plant und führt die Gespräche mit den Angehörigen.
Hintergrund
Die Organspende sollte als regulärer Bestandteil der Betreuung am Lebensende (End-of-Life Care) betrachtet werden. Die NICE-Leitlinie fokussiert sich auf die frühzeitige Identifikation potenzieller Spender und einen strukturierten, empathischen Prozess zur Einholung der Zustimmung, da die meisten potenziellen Spender zum Zeitpunkt des Todes nicht mehr einwilligungsfähig sind.
Identifikation potenzieller Spender
Krankenhäuser müssen einen systematischen Ansatz zur Spenderidentifikation verfolgen. Die Identifikation sollte auf folgenden Kriterien basieren:
| Kriterium | Klinische Bedingung |
|---|---|
| Katastrophale Hirnschädigung | Fehlen von mindestens einem Hirnnervenreflex UND Glasgow Coma Scale (GCS) ≤ 4 (nicht durch Sedierung erklärt) |
| Geplante Therapiebegrenzung | Absicht, lebenserhaltende Maßnahmen bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu beenden, was voraussichtlich zum Kreislaufstillstand führt |
Sobald diese Kriterien erfüllt sind, muss das Behandlungsteam Diskussionen mit einer spezialisierten Pflegekraft für Organspende initiieren.
Beurteilung des Patientenwillens
Wenn ein Patient nicht einwilligungsfähig ist, muss ermittelt werden, ob vorbereitende Maßnahmen für eine Organspende in seinem besten Interesse (Best Interests) sind.
- Den Patienten in einem geeigneten intensivmedizinischen Setting klinisch stabilisieren, während das Spendenpotenzial evaluiert wird.
- Lebenserhaltende Maßnahmen nicht vorzeitig beenden, bis der Wunsch zur Organspende geklärt und das klinische Potenzial beurteilt wurde (sofern eine Verzögerung im besten Interesse des Patienten ist).
- Zur Ermittlung des Willens: Patientenverfügungen prüfen, Organspenderegister abfragen und Angehörige nach geäußerten Wünschen befragen.
Kommunikation mit Angehörigen
Die Ansprache der Angehörigen erfordert höchste Sensibilität und sollte stets von einem multidisziplinären Team (MDT) geplant und in einem privaten Rahmen durchgeführt werden.
| Teammitglied | Rolle im MDT |
|---|---|
| Behandelnder Arzt (Consultant) | Leitung des Prozesses und medizinische Aufklärung |
| Pflegepersonal | Kontinuität der Patientenversorgung |
| Spezialisierte Pflegekraft | Expertise für den Organspendeprozess |
| Geistlicher Vertreter | Bei Bedarf für religiöse/kulturelle Unterstützung |
Wichtige Grundregeln für das Angehörigengespräch:
- Voraussetzung: Das Gespräch über Organspende darf erst stattfinden, wenn eindeutig geklärt ist, dass die Angehörigen verstanden haben, dass der Tod unvermeidlich ist oder bereits eingetreten ist.
- Zeitliche Trennung: Die Diskussion über die Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen und die Organspende müssen zu unterschiedlichen Zeiten stattfinden, es sei denn, die Angehörigen initiieren das Thema selbst.
- Sprache: Offene Fragen stellen und positive Formulierungen wählen (z.B. "Chance, das Leben anderer zu transformieren"). Entschuldigende oder negative Sprache zwingend vermeiden.
- Zusicherung: Explizit versichern, dass die Qualität und Würde der Patientenversorgung unabhängig von der Entscheidung zur Organspende gleich bleibt.
Organisatorische Anforderungen
- Jedes Krankenhaus benötigt eine Richtlinie und ein Protokoll zur Spenderidentifikation und zum Zustimmungsprozess.
- Intensivstationen (Erwachsene und Kinder) müssen einen benannten ärztlichen Leiter für Organspende haben.
- Das Personal muss spezifische Kompetenzen aufweisen, insbesondere im Verständnis der Unterschiede zwischen Spende nach Herztod (DCD) und Spende nach Hirntod (DBD) sowie in der Hirntoddiagnostik.
💡Praxis-Tipp
Trennen Sie das Gespräch über die Einstellung lebenserhaltender Maßnahmen strikt von der Frage nach einer Organspende. Sprechen Sie die Organspende erst an, wenn die Angehörigen die Unvermeidlichkeit des Todes sicher verstanden haben.