Sedierung bei Kindern & Jugendlichen: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Vor jeder Sedierung muss eine strukturierte Risikobewertung (inkl. ASA-Klassifikation und Atemweg) erfolgen.
- •Für minimale Sedierung und Lachgas ist keine Nüchternheit erforderlich.
- •Bei tiefer Sedierung ist ein kontinuierliches Monitoring inkl. Kapnographie, EKG und regelmäßiger Blutdruckmessung zwingend.
- •Für schmerzfreie Bildgebung sollten primär Chloralhydrat (<15 kg) oder Midazolam verwendet werden, keine Opioide oder Ketamin.
- •Bei schmerzhaften Eingriffen sollte die Sedierung immer mit einer Lokalanästhesie kombiniert werden.
Hintergrund
Die Sedierung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen (unter 19 Jahren) ist häufig notwendig, da diagnostische oder therapeutische Eingriffe oft zu beängstigend oder schmerzhaft sind, um sie nur mit lokaler Betäubung und gutem Zureden durchzuführen. Ziel ist es, Angst zu nehmen, die Schmerzkontrolle zu verbessern und Bewegungen zu minimieren. Die Leitlinie unterscheidet folgende Sedierungstiefen:
| Sedierungstiefe | Bewusstsein & Reaktion | Atemwege & Herz-Kreislauf |
|---|---|---|
| Minimale Sedierung | Wach und ruhig, normale Reaktion auf Ansprache | Spontanatmung und Herz-Kreislauf-Funktion unbeeinträchtigt |
| Moderate Sedierung | Schläfrig, aber gezielte Reaktion auf Ansprache oder leichte Berührung | Keine Atemwegssicherung nötig, Spontanatmung adäquat |
| Tiefe Sedierung | Schläft, schwer weckbar, gezielte Reaktion nur auf wiederholte/schmerzhafte Reize | Atemwegssicherung evtl. nötig, Spontanatmung evtl. inadäquat |
Hinweis: Die "bewusste Sedierung" (Conscious Sedation) wird oft in der Zahnmedizin verwendet und entspricht der moderaten Sedierung, wobei der verbale Kontakt stets erhalten bleibt.
Prä-Sedierungs-Assessment
Vor der Sedierung muss die Eignung des Patienten durch geschultes Personal beurteilt und dokumentiert werden.
Folgende Faktoren müssen evaluiert werden:
- Aktuelle medizinische und chirurgische Probleme
- Gewicht (Wachstumsbeurteilung)
- Medizinische Vorgeschichte (inkl. Probleme bei früheren Sedierungen/Narkosen)
- Aktuelle Medikation und Allergien
- Körperlicher Status (insbesondere die Atemwege)
- Psychologischer und entwicklungsbezogener Status
Spezialisten hinzuziehen: Ein Experte muss konsultiert werden bei potenziellen Atemwegsproblemen, einem ASA-Status $\ge$ 3 sowie bei Säuglingen und Neugeborenen.
Nüchternheitsregeln
Die Notwendigkeit der Nüchternheit hängt von der geplanten Sedierungstiefe ab:
| Sedierungsart | Nüchternheit erforderlich? | Bemerkung |
|---|---|---|
| Minimale Sedierung | Nein | - |
| Lachgas (in Sauerstoff) | Nein | - |
| Moderate Sedierung (mit verbalem Kontakt) | Nein | - |
| Tiefe Sedierung / Moderate Sedierung (ohne verbalen Kontakt) | Ja | Es gelten die Regeln der Allgemeinanästhesie (z.B. 2-4-6 Regel, bzw. Reduktion auf 1h für klare Flüssigkeiten laut aktuellen Konsensus-Statements) |
Bei Notfalleingriffen an nicht-nüchternen Patienten muss die Dringlichkeit gegen das Risiko der angestrebten Sedierungstiefe abgewogen werden.
Personelle Anforderungen und Monitoring
Es müssen stets eine geschulte Fachkraft zur Sedierung sowie eine Assistenz anwesend sein. Die Anforderungen an das Monitoring steigen mit der Sedierungstiefe:
| Parameter | Moderate Sedierung | Tiefe Sedierung |
|---|---|---|
| Sedierungstiefe, Atmung, SpO2, Herzfrequenz | Kontinuierlich | Kontinuierlich |
| Schmerzbewältigung und Distress | Kontinuierlich | Kontinuierlich |
| 3-Kanal-EKG | Nicht routinemäßig | Kontinuierlich |
| Endtidales CO2 (Kapnographie) | Nicht routinemäßig | Kontinuierlich* |
| Blutdruck | Nicht routinemäßig | Alle 5 Minuten* |
*Vorausgesetzt, das Monitoring weckt den Patienten nicht auf und verhindert so den Eingriff. Bei tiefer Sedierung darf die verabreichende Person ausschließlich für das Monitoring zuständig sein.
Medikamentöse Empfehlungen nach Eingriffsart
Die Wahl der Medikamente richtet sich stark nach der Art des Eingriffs (schmerzhaft vs. schmerzfrei).
Schmerzfreie Bildgebung
- Nicht empfohlen: Routinemäßiger Einsatz von Ketamin oder Opioiden.
- 1. Wahl: Chloralhydrat (für Kinder <15 kg) oder Midazolam.
- Spezialverfahren (bei Toleranzversagen): Propofol oder Sevofluran (nur durch speziell geschultes Personal/Anästhesisten).
Schmerzhafte Eingriffe (z.B. Wundnaht, Reposition)
- Grundregel: Immer die Kombination mit einem Lokalanästhetikum erwägen.
- Minimale/Moderate Sedierung: Lachgas (in Sauerstoff) und/oder Midazolam (oral/intranasal).
- Alternative (falls ungeeignet): Ketamin (i.v. oder i.m.) oder i.v. Midazolam +/- Fentanyl.
- Spezialverfahren: Propofol +/- Fentanyl.
Endoskopie
- Obere GI-Endoskopie: Intravenöses Midazolam (für minimale bis moderate Sedierung).
- Untere GI-Endoskopie: Fentanyl (oder ein äquivalentes Opioid) in Kombination mit i.v. Midazolam (für moderate Sedierung).
Zahnmedizinische Eingriffe
- Zur bewussten Sedierung primär Lachgas (in Sauerstoff) oder Midazolam erwägen.
Entlassungskriterien
Patienten dürfen erst entlassen werden, wenn die Vitalparameter auf Normalniveau zurückgekehrt sind, der Patient wach ist (oder sein Ausgangsbewusstsein erreicht hat) und Übelkeit, Erbrechen sowie Schmerzen adäquat behandelt wurden.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei schmerzfreien Untersuchungen wie dem MRT auf Ketamin oder Opioide. Nutzen Sie bei Kindern unter 15 kg stattdessen Chloralhydrat oder Midazolam, da diese eine größere therapeutische Breite aufweisen.