Menschen- und Tierbisse: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Eine Antibiotika-Prophylaxe ist nicht indiziert, wenn die Haut durch den Biss nicht durchtrennt wurde.
- •Bei Menschen- und Katzenbissen, die bluten, sollte immer eine Antibiotika-Prophylaxe angeboten werden.
- •Hundebisse erfordern eine Prophylaxe bei tiefen Wunden, Kontamination oder Beteiligung tiefer Strukturen.
- •Mittel der ersten Wahl für Prophylaxe (3 Tage) und Therapie (5 Tage) ist Amoxicillin/Clavulansäure.
- •Bei Wundsekretion (eitrig oder nicht-eitrig) sollte vor Therapiebeginn ein Abstrich erfolgen.
Hintergrund
Menschen- und Tierbisse bergen ein hohes Risiko für Wundinfektionen. Die meisten Infektionen durch Tierbisse sind polymikrobiell und enthalten sowohl aerobe als auch anaerobe Erreger (z. B. Pasteurella, Streptococcus, Staphylococcus, Neisseria und Bacteroides). Bei Menschenbissen sind häufig Streptococcus, Staphylococcus aureus, Haemophilus und Eikenella corrodens beteiligt.
Diagnostik und Wundversorgung
Bei der Erstvorstellung müssen Wundart, Tiefe, Lokalisation und die verursachende Tierart dokumentiert werden.
- Risikobewertung: Tetanus-, Tollwut- und Blutübertragbare-Viren-Risiko prüfen und entsprechend handeln.
- Wundversorgung: Ausgiebige Spülung (Irrigation) und Debridement nach Bedarf.
- Abstrich: Bei jeglicher Sekretion (eitrig oder nicht-eitrig) muss ein Abstrich zur mikrobiologischen Testung entnommen werden, da einige Erreger (wie Eikenella) keinen Eiter bilden.
- Spezialist hinzuziehen: Bei Bissen von Wild- oder exotischen Tieren (inkl. Vögeln, Schlangen, Affen) sollte ein Mikrobiologe konsultiert werden, da ein abweichendes Erregerspektrum und das Risiko für schwere nicht-bakterielle Infektionen (z. B. Herpes-B-Virus bei Affen) besteht.
Indikationen zur Antibiotika-Prophylaxe
Die Indikation zur Prophylaxe richtet sich nach der Bissart und der Wundtiefe.
| Bissart | Haut intakt | Haut durchtrennt (ohne Blutung) | Haut durchtrennt (mit Blutung) |
|---|---|---|---|
| Mensch | Keine Prophylaxe | Erwägen bei Hochrisikobereich oder Komorbidität | Prophylaxe anbieten |
| Katze | Keine Prophylaxe | Erwägen, falls die Wunde tief sein könnte | Prophylaxe anbieten |
| Hund / Haustier | Keine Prophylaxe | Keine Prophylaxe | Anbieten bei tiefen/kontaminierten Wunden. Erwägen bei Hochrisiko. |
Hinweis zu Hochrisikobereichen und Komorbiditäten:
- Hochrisikobereiche: Hände, Füße, Gesicht, Genitalien, Haut über Knorpelstrukturen, Bereiche mit schlechter Durchblutung.
- Komorbiditäten: Diabetes, Immunsuppression, Asplenie, dekompensierte Lebererkrankung.
- Kriterien für Hundebisse (mit Blutung): Prophylaxe anbieten, wenn Knochen, Gelenke, Sehnen oder Gefäße beteiligt sind, es sich um eine tiefe Punktions- oder Quetschwunde handelt oder die Wunde sichtbar kontaminiert ist (z. B. Schmutz oder Zahn in der Wunde).
Wahl des Antibiotikums
Die Wahl des Antibiotikums ist für Prophylaxe und Therapie identisch. Orale Antibiotika sind zu bevorzugen, sofern der Patient diese einnehmen kann und die Schwere der Infektion keine intravenöse Gabe erfordert.
Erwachsene (ab 18 Jahren)
| Indikation | 1. Wahl | Alternative (z. B. bei Penicillin-Allergie) |
|---|---|---|
| Oral | Amoxicillin/Clavulansäure (250/125 mg oder 500/125 mg 3x tägl.) | Doxycyclin (200 mg Tag 1, dann 100-200 mg) + Metronidazol (400 mg 3x tägl.) |
| Intravenös | Amoxicillin/Clavulansäure (1,2 g 3x tägl.) | Cefuroxim + Metronidazol ODER Ceftriaxon + Metronidazol |
Kinder und Jugendliche (< 18 Jahre)
| Alter | 1. Wahl (Oral) | Alternative (Oral, bei Penicillin-Allergie) |
|---|---|---|
| < 12 Jahre | Amoxicillin/Clavulansäure | Cotrimoxazol (Off-Label-Use) |
| 12 bis 17 Jahre | Amoxicillin/Clavulansäure | Doxycyclin + Metronidazol |
Therapiedauer
| Stufe | Dauer | Bemerkung |
|---|---|---|
| Prophylaxe | 3 Tage | Kürzestmögliche effektive Dauer zur Vermeidung von Resistenzen. |
| Therapie | 5 Tage | Bei schweren Gewebeschäden oder Beteiligung tiefer Strukturen auf bis zu 7 Tage verlängerbar (mit Reevaluation). |
Überweisung und Reevaluation
Eine sofortige Überweisung ins Krankenhaus ist indiziert bei:
- Symptomen einer schweren Erkrankung (schwere Zellulitis, Abszess, Osteomyelitis, septische Arthritis, nekrotisierende Fasziitis, Sepsis).
- Penetrierenden Wunden mit Beteiligung von Arterien, Gelenken, Nerven, Muskeln, Sehnen, Knochen oder dem ZNS.
Eine Reevaluation sollte erfolgen, wenn sich die Symptome rasch verschlechtern, innerhalb von 24 bis 48 Stunden nach Therapiebeginn keine Besserung eintritt, der Patient systemisch krank wird oder unverhältnismäßig starke Schmerzen auftreten.
💡Praxis-Tipp
Katzenbisse sind durch die nadelartigen Zähne oft tiefer als sie imponieren und schwer zu spülen. Stellen Sie die Indikation zur Prophylaxe hier großzügig. Denken Sie bei nicht-verbalen Patienten (z. B. Kleinkindern) an Verhaltensänderungen als Zeichen für unverhältnismäßige Schmerzen.