Neurologische Symptome: Erkennung und Überweisung
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG127 befasst sich mit der initialen Beurteilung von Symptomen, die auf eine neurologische Erkrankung hinweisen könnten. Sie richtet sich an nicht-spezialisierte medizinische Fachkräfte in der Primär- und Sekundärversorgung.
Etwa zehn Prozent der Vorstellungen in Hausarztpraxen und Notaufnahmen erfolgen aufgrund neurologischer Symptome. Die Leitlinie soll dabei unterstützen, Personen zu identifizieren, die eine fachärztliche Untersuchung benötigen.
Gleichzeitig zielt das Dokument darauf ab, unnötige Überweisungen zu vermeiden und Verzögerungen bei der Diagnostik behandelbarer oder potenziell schwerwiegender Erkrankungen zu reduzieren.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert spezifische Überweisungskriterien für verschiedene neurologische Leitsymptome.
Erwachsene: Schwindel und Vertigo
Bei plötzlich einsetzendem Schwindel mit fokal-neurologischen Ausfällen (z. B. Nystagmus, neue Taubheit) wird eine sofortige Überweisung zum Ausschluss eines posterioren Schlaganfalls empfohlen. Zuvor sollte laut Leitlinie eine Hypoglykämie ausgeschlossen werden.
Bei akutem vestibulärem Syndrom wird die Durchführung eines HINTS-Tests empfohlen, sofern entsprechend geschultes Personal verfügbar ist. Die Leitlinie nennt folgende Befunde als Hinweise auf einen Schlaganfall:
| HINTS-Test Komponente | Befund mit Verdacht auf Schlaganfall |
|---|---|
| Kopfimpulstest (Head-Impulse) | Normaler Befund |
| Nystagmus | Richtungswechselnder Nystagmus |
| Abdecktest (Test-of-Skew) | Vertikale Blickdeviation (Skew Deviation) |
Zeigt der Test einen dieser Hinweise, wird eine sofortige Überweisung zur Bildgebung empfohlen.
Erwachsene: Paresen und Sensibilitätsstörungen
Die Leitlinie empfiehlt bei plötzlich einsetzender Schwäche oder einseitigem Taubheitsgefühl eine sofortige Beurteilung gemäß den lokalen Schlaganfall-Pfaden.
Eine sofortige neurologische Überweisung wird in folgenden Fällen empfohlen:
-
Rasch progrediente (innerhalb von 4 Wochen), symmetrische Schwäche der Extremitäten
-
Rasch progrediente (Stunden bis Tage) symmetrische Taubheit und Schwäche
-
Sehr rasch progrediente (Stunden bis Tage) Schwäche einer einzelnen Extremität oder Hemiparese
Bei schweren tiefen Rückenschmerzen mit Ausstrahlung ins Bein und neu aufgetretenen Blasen-, Darm- oder Sexualfunktionsstörungen wird eine sofortige Überweisung zum Ausschluss eines Cauda-equina-Syndroms empfohlen.
Erwachsene: Gedächtnisverlust
Bei Erwachsenen unter 50 Jahren mit Gedächtnisproblemen ohne weitere neurologische Auffälligkeiten wird von einer routinemäßigen Überweisung abgeraten, wenn Kurztests unauffällig sind. Die Leitlinie weist darauf hin, dass Konzentrationsstörungen häufig durch Stress, affektive Störungen oder Substanzgebrauch bedingt sind.
Kinder: Kopfschmerzen
Bei Kindern unter 12 Jahren mit Kopfschmerzen wird eine sofortige Beurteilung am selben Tag empfohlen, wenn eines der folgenden Merkmale vorliegt:
-
Nächtliches Erwachen durch Kopfschmerzen oder Kopfschmerzen direkt nach dem Aufwachen
-
Progrediente Verschlechterung
-
Auslösung oder Verstärkung durch Husten, Niesen oder Bücken
-
Begleitendes Fieber mit Meningismus, Erbrechen, Ataxie oder Bewusstseinsveränderungen
-
Auftreten innerhalb von 5 Tagen nach einem Schädel-Hirn-Trauma
Für alle Kinder unter 4 Jahren mit Kopfschmerzen wird eine dringliche neurologische Überweisung empfohlen.
Kinder: Akute Verwirrtheit und Schielen
Bei unerklärlicher akuter Verwirrtheit im Kindesalter wird eine notfallmäßige Krankenhauseinweisung sowie die sofortige Messung des Blutzuckers empfohlen. Die Leitlinie warnt, dass dies ein Symptom für Meningitis, Enzephalitis oder Vergiftungen sein kann.
Ein neu aufgetretenes Schielen, das mit dem Verlust des roten Fundusreflexes einhergeht, erfordert laut Leitlinie eine sofortige Überweisung in die Augenheilkunde. Tritt das Schielen zusammen mit Ataxie, Erbrechen oder Kopfschmerzen auf, wird eine sofortige Überweisung in die akute Pädiatrie empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass funktionelle neurologische Störungen eine häufige Ursache für rezidivierende Symptome wie Schwindel, Schwäche oder Sensibilitätsstörungen sind. Es wird empfohlen, Personen mit einer bereits fachärztlich gesicherten funktionellen Störung nicht bei jeder Symptomepisode erneut zu überweisen, sofern keine neuen neurologischen Zeichen auftreten. Stattdessen sollte darüber aufgeklärt werden, dass die Symptome fluktuieren und sich bei Stress verstärken können.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie rät von einer routinemäßigen Überweisung bei einer unkomplizierten Bell-Parese ohne Hinweise auf andere Erkrankungen ab. Eine Überweisung wird jedoch erwogen, wenn sich nach 5 Monaten oder später Symptome einer fehlgeleiteten Reinnervation (z. B. gustatorisches Schwitzen) entwickeln.
Laut Leitlinie deutet ein Schwindel ohne Gleichgewichtsstörungen oder andere fokal-neurologische Ausfälle selten auf eine schwerwiegende neurologische Erkrankung hin. Bei transientem Drehschwindel bei Kopfbewegungen wird die Prüfung auf einen benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel empfohlen.
Es wird empfohlen, Kinder mit einfachen motorischen Tics, die nicht störend sind, nicht routinemäßig zu überweisen. Eine Überweisung wird erst erwogen, wenn die Tics die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen oder mit Angststörungen, Zwangssymptomen oder Autismus assoziiert sind.
Eine dringliche Überweisung wird bei Symptomen empfohlen, die auf neu aufgetretene nächtliche epileptische Anfälle hindeuten. Bei Kindern über 5 Jahren mit neu aufgetretenem Pavor nocturnus (Nachtschreck) wird ebenfalls eine Überweisung empfohlen.
Die Leitlinie empfiehlt, den Abstand zwischen dem äußeren Augenwinkel und dem Tragus auf beiden Seiten zu messen. Sind die Abstände unterschiedlich, liegt meist eine gutartige lagebedingte Plagiozephalie vor, die bei normaler Entwicklung keine Überweisung erfordert.
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Quelle: Suspected neurological conditions: recognition and referral (NICE, 2025). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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