Neurodermitis bei Kindern: Diagnostik & Stufentherapie
Hintergrund
Die atopische Dermatitis (Neurodermitis) ist eine chronisch-entzündliche, juckende Hauterkrankung, die meist in der frühen Kindheit beginnt. Sie verläuft typischerweise in Schüben mit Exazerbationen und Remissionen.
Eine genetische Komponente führt häufig zu einer Störung der Hautbarriere. Dadurch wird die Haut anfälliger für Triggerfaktoren wie Irritanzien und Allergene, welche die Symptome verschlechtern können.
Viele Fälle bessern sich im Laufe der Kindheit, während andere bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Die Erkrankung kann die Lebensqualität der betroffenen Kinder und ihrer Familien erheblich einschränken und ist oft der Beginn des sogenannten atopischen Marsches (Entwicklung von Asthma oder allergischer Rhinitis).
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie CG57 formuliert detaillierte Empfehlungen zur Diagnose und Behandlung der atopischen Dermatitis bei Kindern unter 12 Jahren.
Diagnostik und ganzheitliche Beurteilung
Laut Leitlinie wird die Diagnose gestellt, wenn ein juckender Hautzustand vorliegt und zusätzlich mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sind:
-
Sichtbare Beugedermatitis (oder an Wangen/Streckseiten bei Kindern unter 18 Monaten)
-
Frühere Beugedermatitis (oder an Wangen/Streckseiten bei Kindern unter 18 Monaten)
-
Trockene Haut in den letzten 12 Monaten
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Asthma oder allergische Rhinitis (oder atopische Familienanamnese bei Kindern unter 4 Jahren)
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Symptombeginn vor dem 2. Lebensjahr (nicht anwendbar bei Kindern unter 4 Jahren)
Es wird empfohlen, bei jeder Konsultation eine ganzheitliche Beurteilung vorzunehmen. Dabei sollte sowohl die physische Schwere als auch die psychosoziale Lebensqualität erfasst werden.
| Schweregrad | Hautbefund | Einfluss auf Lebensqualität |
|---|---|---|
| Klar | Normale Haut, keine aktive Ekzemaktivität | Keiner |
| Mild | Trockene Haut, seltener Juckreiz, leichte Rötung | Geringer Einfluss auf Alltag und Schlaf |
| Moderat | Trockene Haut, häufiger Juckreiz, Rötung, Exkoriation | Moderater Einfluss, häufig gestörter Schlaf |
| Schwer | Ausgedehnte trockene Haut, ständiger Juckreiz, Rötung, Nässen, Risse | Starke Einschränkung, nächtlicher Schlafverlust |
Triggerfaktoren und Allergien
Die Leitlinie empfiehlt, mögliche Triggerfaktoren wie Seifen, Detergenzien, Hautinfektionen sowie Kontakt- und Nahrungsmittelallergene zu identifizieren.
Bei flaschenernährten Säuglingen unter 6 Monaten mit moderater bis schwerer, therapieresistenter Neurodermitis wird ein 6- bis 8-wöchiger Versuch mit einer extensiv hydrolysierten Formel oder Aminosäureformel empfohlen. Von kommerziellen Allergietests aus dem Internet oder von der Straße wird ausdrücklich abgeraten.
Stufentherapie
Es wird ein stufenweises Vorgehen empfohlen. Emollientien bilden die Basis und sollten laut Leitlinie immer angewendet werden, auch in symptomfreien Phasen.
| Therapiestufe | Empfohlene Behandlungsoptionen |
|---|---|
| Milde Neurodermitis | Emollientien, milde topische Kortikosteroide |
| Moderate Neurodermitis | Emollientien, moderate topische Kortikosteroide, topische Calcineurininhibitoren, Verbände |
| Schwere Neurodermitis | Emollientien, potente topische Kortikosteroide, topische Calcineurininhibitoren, Verbände, Phototherapie, systemische Therapie |
Topische Therapie
Es wird empfohlen, großzügige Mengen an Leave-on-Emollientien (250 g bis 500 g wöchentlich) zu verschreiben. Die Leitlinie rät ausdrücklich davon ab, Emollientien als Badezusätze zu verwenden.
Topische Kortikosteroide sollten gemäß Leitlinie nur ein- bis zweimal täglich auf aktive Ekzemareale aufgetragen werden. Die Potenz sollte an den Schweregrad und die Körperregion angepasst werden (z.B. milde Potenz für Gesicht und Hals).
Überweisung zum Spezialisten
Eine sofortige Überweisung am selben Tag wird empfohlen, wenn der Verdacht auf ein Eczema herpeticum besteht. Eine dringende Überweisung innerhalb von 2 Wochen sollte erfolgen, wenn ein schweres Ekzem nach einer Woche nicht auf eine optimale topische Therapie anspricht.
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt folgende Kontraindikationen und Warnhinweise:
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Potente topische Kortikosteroide: Dürfen bei Kindern unter 12 Monaten nicht ohne fachärztliche dermatologische Aufsicht angewendet werden.
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Badezusätze: Emollientien als Badezusätze werden nicht empfohlen, da sie keinen klinischen Zusatznutzen bieten.
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Okklusivverbände: Dürfen nicht bei infizierten atopischen Ekzemen angewendet werden.
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Topische Calcineurininhibitoren: Sollen nicht unter Okklusion (Verbände) ohne fachärztliche Aufsicht verwendet werden und sind nicht als Erstlinientherapie zugelassen.
-
Tiermilch: Diäten basierend auf unmodifizierten Proteinen anderer Tierarten (z.B. Ziegen- oder Schafsmilch) sollen bei Verdacht auf Kuhmilchallergie nicht verwendet werden.
💡Praxis-Tipp
Ein häufiger Fehler in der Praxis ist die unzureichende Verschreibung von Basiscremes. Die Leitlinie betont, dass wöchentlich große Mengen (250 g bis 500 g) an Leave-on-Emollientien verordnet werden sollten, während von der Verordnung von Emollientien als Badezusätze aufgrund mangelnden Nutzens explizit abgeraten wird.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt die Verschreibung von großen Mengen an Leave-on-Emollientien. Es werden Mengen von 250 g bis 500 g pro Woche empfohlen, die auch in der Schule oder im Kindergarten verfügbar sein sollten.
Laut Leitlinie sollten für das Gesicht und den Hals grundsätzlich nur milde topische Kortikosteroide verwendet werden. Bei schweren Schüben kann kurzzeitig (für 3 bis 5 Tage) ein moderat potentes Präparat erwogen werden.
Eine sofortige Überweisung wird bei Verdacht auf ein Eczema herpeticum empfohlen. Eine dringende Überweisung innerhalb von zwei Wochen sollte laut Leitlinie erfolgen, wenn ein schweres Ekzem nach einer Woche optimaler topischer Therapie nicht anspricht oder eine bakterielle Infektion therapierefraktär ist.
Die Leitlinie rät ausdrücklich davon ab, Emollientien als Badezusätze zu verwenden. Studien haben gezeigt, dass sie im Vergleich zur Standardtherapie mit Leave-on-Emollientien und seifenfreien Waschlotionen nicht klinisch wirksam sind.
Es wird empfohlen, orale Antihistaminika nicht routinemäßig einzusetzen. Bei starkem Juckreiz oder Schlafstörungen kann laut Leitlinie ein einmonatiger Versuch mit einem nicht-sedierenden oder ein 7- bis 14-tägiger Versuch mit einem sedierenden Antihistaminikum erwogen werden.
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Quelle: NICE Guideline on Atopic Eczema in Under 12s (NICE, 2007). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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