Multiple Sklerose (MS): Diagnostik, Therapie und Schübe
Hintergrund
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische, immunvermittelte entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie ist die häufigste Ursache für schwere körperliche Behinderungen bei Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter.
Die Erkrankung beginnt typischerweise im späten 20. Lebensjahr mit Symptomen wie Sehstörungen, sensiblen Ausfällen, Schwäche und Gangproblemen. Auf eine anfängliche Erholungsphase folgt oft eine fortschreitende Behinderung.
Die vorliegende Leitlinie behandelt die Diagnostik, Symptomkontrolle und das Management von Schüben bei Erwachsenen. Krankheitsmodifizierende Therapien (DMT) werden in separaten Technologiebewertungen behandelt.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie NG220 formuliert folgende Kernempfehlungen:
Diagnostik
Die Leitlinie empfiehlt die Diagnose anhand einer Kombination aus Anamnese, Untersuchung, MRT und Laborbefunden gemäß den revidierten McDonald-Kriterien von 2017.
Eine Diagnose darf laut Leitlinie nicht allein auf Basis von MRT-Befunden gestellt werden.
Es wird empfohlen, bei Verdacht auf MS eine Überweisung an einen Neurologen zur Diagnosestellung zu veranlassen.
Allgemeine Maßnahmen und Lebensstil
Die Leitlinie empfiehlt, körperliche Bewegung zu fördern, da diese vorteilhafte Effekte hat und der MS nicht schadet.
Zudem wird dringend geraten, auf das Rauchen zu verzichten, da dies die Progression der Behinderung beschleunigt.
Impfungen sollen gemäß den aktuellen Empfehlungen für Infektionskrankheiten angeboten werden.
Symptommanagement: Fatigue und Mobilität
Bei Fatigue wird eine personalisierte Beratung zur Selbsthilfe empfohlen, die Strategien zur Energieeinsparung und kognitive Verhaltenstechniken umfasst.
Für die medikamentöse Therapie der Fatigue können nach gemeinsamer Entscheidungsfindung Amantadin, Modafinil oder SSRI erwogen werden.
Zur Behandlung von Mobilitätsproblemen wird von der Gabe von Fampridin abgeraten, da es bei den aktuellen Preisen nicht kosteneffektiv ist.
Symptommanagement: Spastik und Schmerz
Als Erstlinientherapie bei Spastik wird orales Baclofen empfohlen, um spezifische Ziele wie Schmerzlinderung oder Mobilitätsverbesserung zu erreichen.
Bei Unverträglichkeit oder unzureichender Wirkung von Baclofen kann Gabapentin als Zweitlinienoption eingesetzt werden.
Neuropathische Schmerzen sollen gemäß der spezifischen Leitlinie für neuropathische Schmerzen behandelt werden.
Management von akuten Schüben
Ein Schub wird diagnostiziert, wenn neue oder sich verschlechternde Symptome für mehr als 24 Stunden ohne Infektion nach einer stabilen Phase von mindestens einem Monat auftreten.
Die Leitlinie empfiehlt eine frühzeitige Behandlung innerhalb von 14 Tagen nach Symptombeginn.
Es wird davon abgeraten, Personen mit MS Steroide zur Selbstverabreichung für zukünftige Schübe mit nach Hause zu geben.
Strukturierte Nachsorge
Es wird eine umfassende Überprüfung aller Versorgungsaspekte mindestens einmal jährlich empfohlen.
Diese Überprüfung soll folgende Bereiche abdecken:
-
MS-Symptome (Mobilität, Blase, Kognition, Fatigue)
-
Krankheitsverlauf (Progression, Schübe, DMT-Eignung)
-
Allgemeine Gesundheit (Gewicht, Rauchen, Bewegung)
-
Soziale Aktivität und Pflegebedürfnisse
Dosierung
Die Leitlinie nennt folgende Dosierungen für die akute Schubtherapie und das Symptommanagement:
Akute Schubtherapie
| Medikament | Dosierung | Indikation / Anmerkung |
|---|---|---|
| Methylprednisolon (oral) | 0,5 g täglich für 5 Tage | Standardtherapie bei akuten Schüben |
| Methylprednisolon (intravenös) | 1 g täglich für 3 bis 5 Tage | Alternative bei schwerem Schub oder oraler Unverträglichkeit |
Medikamentöses Symptommanagement
| Symptom | Erstlinientherapie | Zweitlinientherapie / Alternativen |
|---|---|---|
| Spastik | Baclofen (oral) | Gabapentin |
| Fatigue | Amantadin, Modafinil oder SSRI | Keine spezifische Zweitlinie genannt |
| Oszillopsie | Gabapentin | Memantin |
| Emotionale Labilität | Amitriptylin | Keine spezifische Zweitlinie genannt |
Kontraindikationen
Modafinil wird bei Schwangeren oder Frauen, die eine Schwangerschaft planen, nicht empfohlen.
Die Leitlinie warnt davor, Vitamin B12-Injektionen oder hyperbare Sauerstofftherapie zur Behandlung von MS-bedingter Fatigue einzusetzen.
Es wird von der Gabe von Omega-3- oder Omega-6-Fettsäuren zur Behandlung der MS abgeraten, da keine Evidenz für eine Wirkung auf Schubrate oder Progression vorliegt.
Die Leitlinie warnt vor der Kombination von Baclofen und Gabapentin ohne Vorsicht, da ein Risiko für schwere Atemdepression besteht.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt davor, Fatigue, Depressionen oder Schwindel ohne fokale neurologische Symptome routinemäßig als MS zu diagnostizieren. Zudem wird betont, dass vor der Diagnose eines akuten Schubs zwingend Infektionen (insbesondere Harnwegs- und Atemwegsinfektionen) ausgeschlossen werden müssen. Diese können zu einer vorübergehenden Verschlechterung der Symptome führen und einen Schub imitieren.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie darf die Diagnose nicht ausschließlich auf Basis von MRT-Befunden gestellt werden. Es wird eine Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung, MRT und Laborbefunden gemäß den McDonald-Kriterien empfohlen.
Die Leitlinie empfiehlt die orale Gabe von 0,5 g Methylprednisolon täglich über einen Zeitraum von 5 Tagen. Niedrigere Dosierungen sollen zur Behandlung eines akuten Schubs nicht verschrieben werden.
Es wird betont, dass MS kein Hindernis für die Familienplanung darstellt und die Fruchtbarkeit nicht beeinträchtigt wird. Die Leitlinie weist darauf hin, dass eine Schwangerschaft das Risiko für eine Krankheitsprogression nicht erhöht.
Die Leitlinie stellt klar, dass regelmäßige Bewegung keine schädlichen Auswirkungen auf die MS hat. Es wird empfohlen, Patienten zu körperlicher Aktivität zu ermutigen, da dies vorteilhafte Effekte auf Symptome wie Fatigue und Mobilität haben kann.
Es wird davon abgeraten, Vitamin D ausschließlich zum Zweck der MS-Behandlung anzubieten. Eine Supplementierung wird laut Leitlinie nur im Rahmen der allgemeinen Gesundheitsvorsorge oder bei Schwangerschaft empfohlen.
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Quelle: Multiple sclerosis in adults: management (NICE, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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