Mehrlingsschwangerschaft: Diagnostik und Geburtsplanung
Hintergrund
Mehrlingsschwangerschaften gehen mit einem erhöhten Risiko für mütterliche und fetale Komplikationen einher. Dazu zählen Frühgeburten, fetale Wachstumsrestriktionen und spezifische Komplikationen wie das fetofetale Transfusionssyndrom (FFTS) oder die Zwillingsanämie-Polyzythämie-Sequenz (TAPS).
Die NICE-Leitlinie NG137 bietet evidenzbasierte Empfehlungen für die pränatale und intrapartale Betreuung von Zwillings- und Drillingsschwangerschaften. Ein zentraler Fokus liegt auf der frühzeitigen Bestimmung von Chorionizität und Amnionizität, da diese maßgeblich das Risikoprofil der Schwangerschaft definieren.
Durch eine engmaschige Überwachung und die Betreuung durch spezialisierte multidisziplinäre Teams sollen Risiken minimiert und die klinischen Outcomes für Mutter und Kinder verbessert werden. Die Leitlinie umfasst zudem aktualisierte Empfehlungen zur medikamentösen Prävention von Frühgeburten.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für die Betreuung von Mehrlingsschwangerschaften:
Diagnostik und Chorionizität
Es wird empfohlen, im ersten Trimenon eine Ultraschalluntersuchung zur Bestimmung des Gestationsalters sowie der Chorionizität und Amnionizität durchzuführen. Das Gestationsalter sollte laut Leitlinie anhand des größten Fötus geschätzt werden, um Verfälschungen durch frühe Wachstumsstörungen zu vermeiden.
Bei einer späten Vorstellung (nach 14+0 Wochen) wird eine rasche Bestimmung der Chorionizität anhand der Plazentamassen, Membrandicke, des Lambda- oder T-Zeichens sowie des fetalen Geschlechts empfohlen.
Pränatale Überwachung
Die Leitlinie empfiehlt eine strukturierte Betreuung durch ein spezialisiertes multidisziplinäres Team. Die Frequenz der Routineuntersuchungen richtet sich nach der Art der Schwangerschaft:
| Schwangerschaftstyp | Anzahl der Termine | Ultraschall-Intervalle |
|---|---|---|
| Dichorial-diamniotische Zwillinge | Mindestens 8 | 20, 24, 28, 32, 36 Wochen |
| Monochorial-diamniotische Zwillinge | Mindestens 11 | Alle 2 Wochen ab 16 Wochen |
| Trichorial-triamniotische Drillinge | Mindestens 9 | 20, 24, 26, 28, 30, 32, 34 Wochen |
| Monochorial/Dichorial-triamniotische Drillinge | Mindestens 11 | Alle 2 Wochen ab 16 Wochen |
Zur Überwachung des fetalen Wachstums wird ab der 24. Woche (bei dichorialen Zwillingen) bzw. ab der 16. Woche (bei monochorialen Schwangerschaften) eine regelmäßige Ultraschallkontrolle empfohlen. Dabei sollte die Diskordanz des geschätzten fetalen Gewichts (EFW) berechnet werden.
Bei einer EFW-Diskordanz von 20 % oder mehr, oder wenn ein Fötus unter der 10. Perzentile liegt, wird eine Erhöhung der Überwachungsfrequenz auf mindestens einmal wöchentlich inklusive Doppler-Sonografie empfohlen.
Prävention von Frühgeburten
Es wird empfohlen, zwischen der 16. und 20. Schwangerschaftswoche eine Zervixlängenmessung durchzuführen.
Von der routinemäßigen Anwendung von Bettruhe, Cerclage, Arabin-Pessaren oder oralen Tokolytika zur Prävention von Frühgeburten wird abgeraten.
Geburtsplanung und Timing
Die Leitlinie empfiehlt, die Geburtsplanung ab der 24. Woche zu besprechen. Das empfohlene Timing der geplanten Geburt richtet sich nach der Chorionizität:
| Schwangerschaftstyp | Empfohlener Zeitpunkt für geplante Geburt |
|---|---|
| Dichorial-diamniotische Zwillinge | 37+0 Wochen |
| Monochorial-diamniotische Zwillinge | 36+0 Wochen |
| Monochorial-monoamniotische Zwillinge | 32+0 bis 33+6 Wochen |
| Trichorial/Dichorial-triamniotische Drillinge | 35+0 Wochen |
Geburtsmodus und intrapartale Betreuung
Bei unkomplizierten Zwillingsschwangerschaften (dichorial oder monochorial-diamniotisch) nach 32 Wochen mit dem ersten Zwilling in Schädellage gelten sowohl die geplante vaginale Geburt als auch die Sectio als sichere Optionen.
Für die intrapartale Überwachung bei Zwillingsschwangerschaften ab 26 Wochen wird eine kontinuierliche Kardiotokografie (CTG) empfohlen. Eine intermittierende Auskultation wird in diesem Fall nicht empfohlen.
Für die Nachgeburtsperiode wird ein aktives Management der Plazentarperiode empfohlen, da Mehrlingsschwangerschaften ein erhöhtes Risiko für postpartale Hämorrhagien aufweisen.
Dosierung
Die Leitlinie empfiehlt folgendes Dosierungsschema zur Prävention von Frühgeburten bei verkürzter Zervix (≤ 25 mm):
| Medikament | Dosis | Indikation | Dauer |
|---|---|---|---|
| Progesteron (vaginal) | 200 mg einmal täglich zur Schlafenszeit | Zwillings- oder Drillingsschwangerschaft mit Zervixlänge ≤ 25 mm | Bis zur 34. Schwangerschaftswoche (oder bis zur Geburt, falls früher) |
Von der Gabe von intramuskulärem Progesteron zur Prävention spontaner Frühgeburten bei Mehrlingsschwangerschaften wird explizit abgeraten.
Kontraindikationen
Die Leitlinie rät von folgenden Maßnahmen ab:
-
Keine routinemäßige Gabe von untargetierten (routinemäßigen) Kortikosteroiden zur Lungenreife.
-
Keine physiologische Leitung der Nachgeburtsperiode aufgrund des erhöhten Blutungsrisikos.
-
Keine fetale Kopfblutstimulation bei Zwillingsschwangerschaften zur Beruhigung nach einem pathologischen CTG.
-
Keine Verwendung von fetalen Fibronectin-Tests oder häuslichem Wehenmonitoring zur Vorhersage von Frühgeburten.
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie sollte bei der Bestimmung des Gestationsalters im ersten Trimenon stets der größte Fötus als Referenz herangezogen werden. Dadurch wird vermieden, dass das Gestationsalter fälschlicherweise anhand eines Fötus mit einer frühen Wachstumsrestriktion berechnet wird. Zudem wird betont, dass bei unklaren CTG-Befunden unter der Geburt stets auf eine mögliche Zwillingssynchronizität (doppelte Ableitung desselben Kindes) geachtet werden muss.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt bei monochorial-diamniotischen Zwillingen ab der 16. Schwangerschaftswoche eine Ultraschallkontrolle im Abstand von maximal 14 Tagen. Dies dient der frühzeitigen Erkennung von Wachstumsdiskordanzen und dem fetofetalen Transfusionssyndrom.
Eine Überweisung wird unter anderem bei einer Gewichtsdikordanz von 25 % oder mehr empfohlen, wenn das Gewicht eines Fötus unter der 10. Perzentile liegt. Auch bei monoamniotischen Schwangerschaften oder dem Verdacht auf ein fetofetales Transfusionssyndrom sollte laut Leitlinie eine spezialisierte Mitbeurteilung erfolgen.
Bei unkomplizierten Zwillingsschwangerschaften nach der 32. Woche wird die vaginale Geburt als sicher eingestuft, sofern der führende Zwilling in Schädellage liegt. Die Leitlinie weist jedoch darauf hin, dass mehr als ein Drittel der geplanten vaginalen Geburten letztlich in einer Sectio enden.
Bei einer sonografisch festgestellten Zervixlänge von 25 mm oder weniger wird die abendliche vaginale Gabe von 200 mg Progesteron empfohlen. Von Bettruhe, Cerclage oder präventiven Tokolytika wird hingegen abgeraten.
Für Zwillinge ab der 26. Schwangerschaftswoche wird eine kontinuierliche Kardiotokografie (CTG) empfohlen. Es wird geraten, ein tragbares Ultraschallgerät zu Beginn der Wehen zu nutzen, um die fetalen Herzen sicher zu lokalisieren.
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Quelle: Twin and triplet pregnancy (NICE, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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