Kontrazeption: Indikation bei Begleiterkrankungen
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie "Medical eligibility criteria for contraceptive use" (MEC, 6. Ausgabe 2025) bewertet die Sicherheit von Verhütungsmethoden bei spezifischen Vorerkrankungen. Sie dient als evidenzbasierte Grundlage für die sichere Verordnung von Kontrazeptiva.
Das Dokument klassifiziert die Eignung in vier Kategorien, wobei der Nutzen der Schwangerschaftsverhütung gegen potenzielle gesundheitliche Risiken abgewogen wird.
In der aktuellen Aktualisierung wurden insbesondere die Empfehlungen zur Anwendung bei stillenden Frauen, bei wiederholter Notfallkontrazeption sowie bei HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) und antiretroviraler Therapie (ART) überarbeitet.
Empfehlungen
Das MEC-Klassifikationssystem
Die Leitlinie verwendet ein standardisiertes System mit vier Kategorien zur Bewertung der medizinischen Eignung.
| Kategorie | Bedeutung | Klinische Konsequenz |
|---|---|---|
| 1 | Keine Einschränkung | Methode kann uneingeschränkt genutzt werden |
| 2 | Vorteile überwiegen | Methode kann generell genutzt werden |
| 3 | Risiken überwiegen | Methode in der Regel nicht empfohlen |
| 4 | Inakzeptables Risiko | Methode darf nicht angewendet werden |
Kontrazeption in der Stillzeit
Laut Leitlinie gelten für stillende Frauen spezifische Zeitfenster für den Beginn einer hormonellen oder intrauterinen Verhütung.
Für Gestagen-Monopräparate (POC) wie Pillen, Implantate und Injektionen gilt:
-
Kategorie 2: Anwendung < 6 Wochen post partum
-
Kategorie 1: Anwendung ≥ 6 Wochen post partum
Für Intrauterinpessare (IUD) empfiehlt die Leitlinie:
-
Kategorie 1: Kupfer-IUD < 48 Stunden post partum
-
Kategorie 2: LNG-IUD < 48 Stunden post partum
-
Kategorie 3: Beide IUD-Typen zwischen 48 Stunden und < 4 Wochen post partum
-
Kategorie 1: Beide IUD-Typen ≥ 4 Wochen post partum
HIV, ART und PrEP
Es wird betont, dass hormonelle Kontrazeptiva nicht vor sexuell übertragbaren Infektionen schützen. Bei Infektionsrisiko wird zusätzlich die konsequente Nutzung von Kondomen empfohlen.
Für Frauen, die eine HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) einnehmen, gibt es gemäß Leitlinie keine Einschränkungen. Alle hormonellen Methoden fallen hier in Kategorie 1.
Bei einer antiretroviralen Therapie (ART) hängt die Eignung vom Krankheitsstadium ab. Bei schwerer oder fortgeschrittener HIV-Erkrankung (WHO-Stadium 3 oder 4) wird die Einlage eines LNG-IUD in der Regel nicht empfohlen (Kategorie 3).
Notfallkontrazeption
Die Leitlinie bewertet die wiederholte Anwendung von Notfallkontrazeptiva (Pille danach) innerhalb desselben Menstruationszyklus.
Frauen können Notfallkontrazeptiva (Kombinationspräparate, Levonorgestrel oder Ulipristalacetat) auch mehrfach im Zyklus ohne medizinische Einschränkung anwenden (Kategorie 1).
Kontraindikationen
Gemäß der Leitlinie stellen Bedingungen der Kategorie 4 ein inakzeptables Gesundheitsrisiko dar. Die jeweilige Verhütungsmethode darf in diesen Fällen nicht angewendet werden.
Für kombinierte hormonelle Kontrazeptiva (CHC) nennt die Leitlinie unter anderem folgende Kategorie-4-Bedingungen:
-
Stillzeit < 6 Wochen post partum
-
Rauchen (≥ 15 Zigaretten/Tag) bei Frauen ab 35 Jahren
-
Akute tiefe Venenthrombose (DVT) oder Lungenembolie (PE)
-
Aktueller Brustkrebs
-
Schwere (dekompensierte) Leberzirrhose
Für Intrauterinpessare (IUD) gelten unter anderem folgende Situationen als Kategorie 4:
-
Puerperalsepsis oder unmittelbare Post-Abort-Sepsis
-
Uterusmyome mit Verzerrung der Uterushöhle
-
Aktuelle purulente Zervizitis, Chlamydien-Infektion oder Gonorrhö
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie weist darauf hin, dass das Zeitfenster zwischen 48 Stunden und vier Wochen post partum für die Einlage von Intrauterinpessaren (IUD) bei stillenden Frauen ein erhöhtes Risiko darstellt (Kategorie 3). In dieser Phase wird von einer Insertion abgeraten, während eine Einlage unmittelbar nach der Geburt (< 48 Stunden) oder nach vier Wochen als sicher gilt. Zudem wird betont, dass das Fehlen einer Blutdruckmessung kein Grund sein darf, Frauen den Zugang zu kombinierten hormonellen Kontrazeptiva zu verweigern, falls keine anderen Optionen verfügbar sind.
Häufig gestellte Fragen
Ja, laut Leitlinie gibt es keine medizinischen Einschränkungen für die wiederholte Einnahme von Notfallkontrazeptiva innerhalb desselben Menstruationszyklus. Dies wird als Kategorie 1 eingestuft.
Die Leitlinie stuft alle hormonellen Verhütungsmethoden bei gleichzeitiger Einnahme einer HIV-PrEP in die Kategorie 1 ein. Es gibt somit keine Einschränkungen für die Anwendung.
Gemäß Leitlinie ist die Einlage eines Kupfer-IUD innerhalb der ersten 48 Stunden post partum sicher (Kategorie 1). Zwischen 48 Stunden und vier Wochen nach der Geburt wird von einer Einlage abgeraten (Kategorie 3), danach ist sie wieder uneingeschränkt möglich.
Die Leitlinie unterscheidet nach Alter und Konsum. Bei Frauen ab 35 Jahren, die 15 oder mehr Zigaretten pro Tag rauchen, stellt die kombinierte Pille ein inakzeptables Gesundheitsrisiko dar (Kategorie 4) und darf nicht angewendet werden.
Bei aktuellem Brustkrebs stuft die Leitlinie alle hormonellen Kontrazeptiva in die Kategorie 4 ein. Es wird empfohlen, auf hormonfreie Alternativen wie das Kupfer-IUD auszuweichen.
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Quelle: Medical eligibility criteria for contraceptive use, 6th ed. (WHO, 2025). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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