Klinische Ernährung: Screening, Indikation & Monitoring
Hintergrund
Mangelernährung ist ein Zustand, bei dem ein Mangel an Energie, Protein oder Mikronährstoffen messbare negative Auswirkungen auf die Körperzusammensetzung, Funktion oder das klinische Outcome hat. Sie ist sowohl Ursache als auch Folge von Krankheiten und erhöht die Vulnerabilität von Patienten erheblich.
Die NICE-Leitlinie bietet einen strukturierten Ansatz zur Identifikation und Behandlung von mangelernährten Erwachsenen oder solchen mit einem Risiko für Mangelernährung. Dies umfasst den stationären Bereich, Pflegeheime sowie die ambulante Betreuung.
Zu den Methoden der Ernährungsunterstützung gehören die orale Nahrungsergänzung, die enterale Sondenernährung und die parenterale Ernährung. Ziel ist es, die klinischen Ergebnisse durch eine bedarfsgerechte Nährstoffzufuhr zu verbessern und Komplikationen wie das Refeeding-Syndrom zu vermeiden.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie formuliert detaillierte Empfehlungen zur Ernährungsunterstützung bei Erwachsenen.
Screening und Indikation
Laut Leitlinie wird ein systematisches Screening auf Mangelernährung für alle stationären Patienten bei Aufnahme und wöchentlich im Verlauf empfohlen. Im ambulanten Bereich sollte ein Screening beim ersten Termin und bei klinischem Verdacht erfolgen.
Es wird die Verwendung validierter Instrumente wie des Malnutrition Universal Screening Tool (MUST) empfohlen. Die Indikation zur Ernährungsunterstützung richtet sich nach dem Ernährungszustand und der zu erwartenden Nahrungsaufnahme.
| Status | Kriterien |
|---|---|
| Mangelernährung | BMI < 18,5 kg/m² ODER ungewollter Gewichtsverlust > 10 % in 3-6 Monaten ODER BMI < 20 kg/m² mit Gewichtsverlust > 5 % in 3-6 Monaten |
| Risiko für Mangelernährung | Nahrungsaufnahme stark eingeschränkt für > 5 Tage (oder zu erwarten) ODER schlechte Resorption/hohe Verluste/erhöhter Bedarf |
Nährstoffbedarf und Refeeding-Syndrom
Für Patienten, die nicht schwer krank sind und kein Risiko für ein Refeeding-Syndrom aufweisen, definiert die Leitlinie spezifische Zielwerte für die Gesamtaufnahme. Die Zufuhr muss an das Körpergewicht und die klinische Situation angepasst werden.
| Nährstoff | Empfohlene Menge |
|---|---|
| Energie | 25 bis 35 kcal/kg (ggf. weniger bei BMI > 25) |
| Protein | 0,8 bis 1,5 g/kg |
| Flüssigkeit | 30 bis 35 ml/kg (plus Ausgleich für Verluste) |
Die Leitlinie warnt ausdrücklich vor dem Refeeding-Syndrom bei Risikopatienten. Bei diesen Personen wird ein langsamer Kostaufbau mit maximal 10 kcal/kg/Tag (in Extremfällen 5 kcal/kg/Tag) unter strenger Überwachung empfohlen.
| Kategorie | Kriterien |
|---|---|
| 1 Kriterium ausreichend | BMI < 16 kg/m² ODER Gewichtsverlust > 15 % in 3-6 Monaten ODER kaum Nahrungsaufnahme > 10 Tage ODER niedrige Kalium-, Phosphat- oder Magnesiumspiegel vor Fütterungsbeginn |
| 2 Kriterien erforderlich | BMI < 18,5 kg/m² ODER Gewichtsverlust > 10 % in 3-6 Monaten ODER kaum Nahrungsaufnahme > 5 Tage ODER Alkoholabusus/Medikamente (Insulin, Chemo, Diuretika) |
Orale und enterale Ernährung
Bei Patienten mit Dysphagie wird eine strukturierte Schluckdiagnostik durch entsprechend geschultes Personal empfohlen. Die orale Ernährungsunterstützung sollte gestoppt werden, sobald eine ausreichende Nahrungsaufnahme über normale Kost möglich ist.
Eine enterale Sondenernährung wird empfohlen, wenn die orale Aufnahme unzureichend oder unsicher ist, der Gastrointestinaltrakt aber funktionstüchtig und zugänglich ist. Bei einer voraussichtlichen Dauer von mehr als vier Wochen wird die Anlage einer Gastrostomie (z. B. PEG) empfohlen.
Die Lage von Magensonden muss vor jeder Nutzung überprüft werden. Dies erfolgt primär durch Aspiration und Messung des pH-Wertes (pH ≤ 5,5).
Parenterale Ernährung
Die parenterale Ernährung wird laut Leitlinie erwogen, wenn die enterale Aufnahme unzureichend ist oder der Gastrointestinaltrakt nicht funktionstüchtig, unzugänglich oder perforiert ist. Es wird eine schrittweise Einführung mit maximal 50 % des geschätzten Bedarfs in den ersten 24 bis 48 Stunden empfohlen.
Bei schwer kranken Patienten wird eine kontinuierliche Verabreichung bevorzugt. Die parenterale Ernährung sollte beendet werden, sobald eine adäquate enterale oder orale Zufuhr etabliert ist.
Monitoring
Ein engmaschiges Monitoring ist essenziell, um die Toleranz und Zielerreichung der Ernährungsunterstützung zu überprüfen. Klinische Parameter wie Gewicht, Flüssigkeitsbilanz und gastrointestinale Funktion sollten initial täglich erfasst werden.
| Parameter | Frequenz (initial bis stabil) | Frequenz (stabil) |
|---|---|---|
| Natrium, Kalium, Harnstoff, Kreatinin | Täglich | 1- bis 2-mal wöchentlich |
| Glukose | 1- bis 2-mal täglich | Wöchentlich |
| Magnesium, Phosphat | Täglich (bei Refeeding-Risiko) | Wöchentlich |
| Leberwerte, INR | 2-mal wöchentlich | Wöchentlich |
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt folgende Kontraindikationen und Warnhinweise:
-
Eine enterale Sondenernährung wird nicht empfohlen, wenn der Gastrointestinaltrakt nicht funktionstüchtig oder nicht zugänglich ist.
-
Bei chirurgischen Patienten wird von einer routinemäßigen enteralen Sondenernährung innerhalb der ersten 48 Stunden postoperativ abgeraten, sofern keine spezifischen Indikationen vorliegen.
-
Eine perioperative parenterale Ernährung wird nicht empfohlen, es sei denn, die Kriterien für eine schwere Mangelernährung und Kontraindikationen für eine enterale Ernährung sind erfüllt.
💡Praxis-Tipp
Ein häufiger Fehler im klinischen Alltag ist die unzureichende Beachtung des Refeeding-Syndroms bei stark mangelernährten Patienten. Die Leitlinie betont, dass bei Risikopatienten vor und während der ersten 10 Tage der Ernährung zwingend Thiamin, ein Vitamin-B-Komplex sowie Elektrolyte (Kalium, Phosphat, Magnesium) substituiert werden müssen. Dies wird unabhängig von den Ausgangswerten im Blut empfohlen, kombiniert mit einem sehr langsamen Kostaufbau von initial maximal 10 kcal/kg/Tag.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt, die Lage vor jeder Nutzung durch Aspiration und Überprüfung mit pH-Indikatorpapier zu bestätigen. Ein pH-Wert von 5,5 oder weniger gilt als Bestätigung für die korrekte intragastrale Lage.
Eine parenterale Ernährung wird empfohlen, wenn die orale oder enterale Nahrungsaufnahme unzureichend oder unsicher ist. Dies gilt insbesondere bei einem nicht funktionstüchtigen, unzugänglichen oder perforierten Gastrointestinaltrakt.
Für Patienten ohne schwere Erkrankung oder Refeeding-Risiko wird eine Zufuhr von 25 bis 35 kcal/kg Körpergewicht pro Tag empfohlen. Der Flüssigkeitsbedarf wird laut Leitlinie mit 30 bis 35 ml/kg Körpergewicht angesetzt.
Die Anlage einer Gastrostomie wird bei Patienten erwogen, die voraussichtlich länger als vier Wochen eine enterale Sondenernährung benötigen. Eine unkompliziert angelegte PEG-Sonde kann bereits vier Stunden nach der Insertion genutzt werden.
Es wird empfohlen, alle stationären Patienten bei der Aufnahme zu screenen. Danach sollte das Screening wöchentlich wiederholt werden, um Veränderungen des Ernährungszustands frühzeitig zu erkennen.
War diese Zusammenfassung hilfreich?
Quelle: NICE Guideline on Nutrition Support (NICE, 2017). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
NICE Guideline on Faltering Growth in Children
NICE Guideline on Eating Disorders
NG154: Hearing loss in adults
NICE Guideline on Intravenous Fluid Therapy in Adults
Guidelines for the Provision and Assessment of Nutrition Support Therapy in the Adult Critically Ill Patient (ASPEN/SCCM)
ClariMed durchsucht alle medizinischen Leitlinien
AWMF, NVL, NICE, WHO, ESC, KDIGO - Quellenzitiert, kostenlos. Speichern Sie Ihren Verlauf auf allen Geräten mit einem kostenlosen Konto.
Kostenloses Konto erstellen