Diabetische Fußinfektion: Leitlinie (IWGDF/IDSA)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose einer Weichteilinfektion wird klinisch gestellt; der Schweregrad nach der IWGDF/IDSA-Klassifikation eingeteilt.
- •Klinisch nicht infizierte Ulzera dürfen nicht mit Antibiotika behandelt werden.
- •Gewebeproben (Kürettage/Biopsie) sind oberflächlichen Abstrichen vorzuziehen.
- •Bei Verdacht auf Osteomyelitis sind Röntgen, Probe-to-Bone-Test und Entzündungsparameter die Basisdiagnostik; bei Unklarheit folgt ein MRT.
- •Die Antibiotikadauer beträgt 1-2 Wochen bei Weichteilinfektionen und bis zu 6 Wochen bei Osteomyelitis ohne Resektion.
Hintergrund
Infektionen beim diabetischen Fußsyndrom (DFS) sind eine der häufigsten Ursachen für Krankenhausaufenthalte und Amputationen. Die gemeinsame Leitlinie der IWGDF und IDSA (2023) liefert evidenzbasierte Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie von Weichteil- und Knocheninfektionen.
Diagnostik und Klassifikation
Die Diagnose einer Weichteilinfektion erfolgt klinisch anhand lokaler oder systemischer Entzündungszeichen.
- Schweregrad: Jeder Infekt muss nach der IWGDF/IDSA-Klassifikation eingeteilt werden.
- Hospitalisierung: Patienten mit einer schweren Infektion oder einer mittelschweren Infektion mit relevanten Komorbiditäten (z. B. periphere arterielle Verschlusskrankheit, pAVK) sollten stationär aufgenommen werden.
- Biomarker: Bei unklarem klinischem Befund können CRP, BSG (ESR) oder Procalcitonin (PCT) bestimmt werden.
- Nicht empfohlen: Die Messung der Fußtemperatur oder quantitative mikrobielle Analysen werden nicht empfohlen.
Mikrobiologische Diagnostik
| Probenart | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Gewebeprobe | Bedingt empfohlen | Aseptische Entnahme durch Kürettage oder Biopsie bevorzugen. |
| Oberflächlicher Abstrich | Nicht primär empfohlen | Geringere Sensitivität und Spezifität als Gewebeproben. |
| Analyseverfahren | Stark empfohlen | Konventionelle Kulturen sind molekularen Techniken (z. B. mNGS) vorzuziehen. |
Diagnostik der Osteomyelitis (DFO)
Die Diagnose einer Knocheninfektion (Osteomyelitis) ist entscheidend für den Erhalt der Extremität.
- Basisdiagnostik: Kombination aus Probe-to-Bone-Test, Röntgenbild und Entzündungsparametern (BSG, CRP oder PCT).
- Bildgebung: Ein MRT wird stark empfohlen, wenn die Diagnose nach der Basisdiagnostik unklar bleibt. Alternativ können PET, Leukozytenszintigraphie oder SPECT erwogen werden.
- Knochenbiopsie: Bei Verdacht auf Osteomyelitis sollte eine Knochenprobe (perkutan oder intraoperativ) zur Kultur gewonnen werden, da diese aussagekräftiger als Weichteilproben ist.
Antibiotikatherapie
Klinisch nicht infizierte Fußulzera dürfen nicht mit systemischen oder lokalen Antibiotika behandelt werden, um die Wundheilung zu fördern oder Infektionen vorzubeugen.
Empirische Therapie
- Bei leichten Infektionen (in Nordamerika/Westeuropa) ohne vorherige Antibiose sollten nur aerobe grampositive Erreger (Streptokokken, S. aureus) abgedeckt werden.
- Eine empirische Therapie gegen Pseudomonas aeruginosa wird in gemäßigten Klimazonen nicht empfohlen, es sei denn, der Erreger wurde kürzlich nachgewiesen.
Therapiedauer
| Indikation | Dauer | Bemerkung |
|---|---|---|
| Weichteilinfektion | 1-2 Wochen | Verlängerung auf 3-4 Wochen bei langsamer Heilung oder schwerer pAVK möglich. |
| Osteomyelitis (nach kleiner Amputation) | Bis zu 3 Wochen | Bei positiven Knochenrandkulturen. |
| Osteomyelitis (ohne Resektion) | 6 Wochen | Konservativer Ansatz. |
Hinweis: Wenn nach 4 Wochen adäquater Therapie keine Besserung eintritt, muss der Patient neu evaluiert werden.
Chirurgische Therapie
Eine dringliche chirurgische Vorstellung ist zwingend erforderlich bei:
- Schweren Infektionen
- Ausgedehnter Gangrän oder nekrotisierender Infektion
- Verdacht auf tiefe Abszesse oder Kompartmentsyndrom
- Schwerer Ischämie (pAVK)
Bei mittelschweren und schweren Infektionen sollte eine frühe Operation (innerhalb von 24-48 Stunden) zur Entfernung von infiziertem und nekrotischem Gewebe erwogen werden.
Ein rein antibiotischer (nicht-chirurgischer) Ansatz bei Osteomyelitis kann erwogen werden bei: Vorfuß-Osteomyelitis ohne sofortigen Drainagebedarf, ohne pAVK und ohne freiliegenden Knochen.
Negativempfehlungen (Was nicht angewendet werden sollte)
Die Leitlinie spricht sich gegen den routinemäßigen Einsatz folgender adjuvanter Therapien zur reinen Infektionsbehandlung aus:
| Therapie | Empfehlungsgrad | Evidenz |
|---|---|---|
| Topische Antibiotika (Schwämme, Cremes, Zement) | Dagegen (Bedingt) | Niedrig |
| Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) | Dagegen (Bedingt) | Niedrig |
| G-CSF, Silberpräparate, Honig, Bakteriophagen | Dagegen (Bedingt) | Niedrig |
| Unterdruck-Wundtherapie (NPWT) zur Infektkontrolle | Dagegen (Bedingt) | Niedrig |
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei klinisch blanden, nicht-infizierten diabetischen Fußulzera strikt auf Antibiotika. Gewinnen Sie für die Mikrobiologie immer tiefe Gewebeproben (Kürettage) anstelle von oberflächlichen Abstrichen.