Essstörungen: Erkennung, Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Essstörungen wie Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung sind durch negative Überzeugungen und Verhaltensweisen bezüglich Essen, Körperform und Gewicht gekennzeichnet. Sie führen häufig zu eingeschränktem Essverhalten, Essanfällen oder kompensatorischen Maßnahmen wie Erbrechen.
Die Erkrankungen beginnen meist in der Adoleszenz, können aber in jedem Alter auftreten. Sie sind mit einer hohen Mortalitätsrate durch Mangelernährung, Suizid und körperliche Komplikationen wie Elektrolytstörungen verbunden.
Die NICE-Leitlinie NG69 liefert umfassende Empfehlungen zur Identifikation, Beurteilung und Behandlung von Essstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Ein besonderer Fokus liegt auf der interdisziplinären Zusammenarbeit und der Behandlung von Komorbiditäten.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie NG69 formuliert folgende Kernempfehlungen zur Versorgung von Menschen mit Essstörungen:
Identifikation und Assessment
Screening-Tools wie SCOFF sollen laut Leitlinie nicht als alleinige Methode zur Feststellung einer Essstörung verwendet werden.
Es wird empfohlen, bei der Beurteilung auf folgende Warnsignale zu achten:
-
Ungewöhnlich hoher oder niedriger BMI für das Alter
-
Rascher Gewichtsverlust oder restriktives Essverhalten
-
Körperliche Zeichen einer Mangelernährung oder kompensatorischer Verhaltensweisen
-
Unerklärliche Elektrolytstörungen oder Hypoglykämien
Bei Verdacht auf eine Essstörung wird eine sofortige Überweisung an eine altersentsprechende Spezialeinrichtung empfohlen.
Psychologische Therapieansätze
Die Leitlinie betont, dass das Erreichen eines gesunden Körpergewichts bei Anorexie ein zentrales Ziel ist. Bei Binge-Eating und Bulimie wird hingegen darauf hingewiesen, dass Gewichtsverlust kein primäres Therapieziel der psychologischen Behandlung ist.
Folgende Erstlinientherapien werden je nach Diagnose und Alter empfohlen:
| Diagnose | Altersgruppe | Primär empfohlene Therapie |
|---|---|---|
| Anorexia nervosa | Erwachsene | CBT-ED, MANTRA oder SSCM |
| Anorexia nervosa | Kinder & Jugendliche | Anorexiespezifische Familientherapie (FT-AN) |
| Binge-Eating-Störung | Alle Altersgruppen | Angeleitetes Selbsthilfeprogramm, gefolgt von CBT-ED |
| Bulimia nervosa | Erwachsene | Angeleitetes Selbsthilfeprogramm, gefolgt von CBT-ED |
| Bulimia nervosa | Kinder & Jugendliche | Bulimiespezifische Familientherapie (FT-BN) |
Körperliche Gesundheit und Komorbiditäten
Bei Patienten mit kompensatorischen Verhaltensweisen (wie Erbrechen oder Laxanzienabusus) wird eine Überprüfung des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts empfohlen.
Die Leitlinie rät zu einer EKG-Überwachung bei Risikofaktoren wie raschem Gewichtsverlust, exzessivem Sport, schwerem Purging-Verhalten oder Bradykardie.
Bei Patienten mit Diabetes und Essstörung wird vor einem abrupten Absetzen von Insulin gewarnt, da ein hohes Risiko für eine diabetische Ketoazidose besteht.
Kontraindikationen
Die Leitlinie warnt ausdrücklich davor, Medikamente als alleinige Behandlung für Anorexia nervosa, Bulimia nervosa oder Binge-Eating-Störung einzusetzen.
Es wird davon abgeraten, physikalische Therapien (wie transkranielle Magnetstimulation, Akupunktur, Krafttraining oder Yoga) als Teil der Behandlung von Essstörungen anzubieten.
Bei Patienten mit Diabetes und Essstörung wird davor gewarnt, eine Hyperglykämie zu rasch zu behandeln (z.B. durch hohe Insulindosen), da dies das Risiko für Retinopathie und Neuropathie erhöht.
Es wird dringend davon abgeraten, Insulin bei Diabetes-Patienten mit Essstörung vollständig abzusetzen.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie weist nachdrücklich darauf hin, dass bei der Beurteilung einer möglichen Essstörung nicht ausschließlich auf den BMI oder die Krankheitsdauer geachtet werden darf. Zudem wird betont, dass bei Patienten mit Diabetes und einer Essstörung ein besonders hohes Risiko besteht; hier wird eine engmaschige Überwachung von Blutzucker und Blutketonen empfohlen, um lebensbedrohliche Entgleisungen wie eine diabetische Ketoazidose frühzeitig zu erkennen.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt für Erwachsene primär eine essstörungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie (CBT-ED), das MANTRA-Programm oder ein spezialisiertes unterstützendes klinisches Management (SSCM). Medikamente sollen nicht als alleinige Therapie eingesetzt werden.
Als erster Schritt wird laut Leitlinie ein angeleitetes Selbsthilfeprogramm empfohlen. Führt dies nach vier Wochen nicht zum Erfolg, wird eine essstörungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie (CBT-ED) in der Gruppe oder als Einzeltherapie angeraten.
Gemäß der Leitlinie sollen Medikamente bei keiner Essstörung (Anorexie, Bulimie, Binge-Eating) als alleinige Therapieform angeboten werden. Bei der Verschreibung von Medikamenten für Komorbiditäten muss der Einfluss von Mangelernährung auf die Wirksamkeit und das Nebenwirkungsrisiko berücksichtigt werden.
Ein EKG wird empfohlen bei Risikofaktoren wie raschem Gewichtsverlust, exzessivem Sport, schwerem Purging-Verhalten (z.B. Erbrechen, Laxanzien) oder Bradykardie. Auch bei der Einnahme von Medikamenten, die die Herzfunktion beeinträchtigen könnten, ist eine EKG-Überwachung indiziert.
Die Leitlinie empfiehlt eine enge Zusammenarbeit zwischen Essstörungs- und Diabetesteams. Es wird zu einer niederschwelligen Kontrolle von Blutzucker und Blutketonen geraten, wobei Insulin niemals komplett abgesetzt werden darf, um eine Ketoazidose zu vermeiden.
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Quelle: NICE NG69: Eating disorders: recognition and treatment (NICE, 2017). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
Verwandte Leitlinien
NICE Guideline on Eating Disorders
SIGN 164: Eating Disorders
APA Practice Guidelines for the Treatment of Eating Disorders
Cochrane Review: Inpatient versus outpatient care, partial hospitalisation and waiting list for people with eating disorders
Cochrane Review: Specific psychological therapies versus other therapies or no treatment for severe and enduring anorexia nervosa
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