Essstörungen: Diagnostik, Psychotherapie und Monitoring

Diese Leitlinie stammt aus 2017 und ist möglicherweise nicht mehr aktuell. Aktualität beim Herausgeber prüfen
KI-generierte Zusammenfassung|Quelle: NICE (2017)|Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

Hintergrund

Essstörungen wie Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung sind durch ein gestörtes Essverhalten und eine verzerrte Körperwahrnehmung gekennzeichnet. Sie beginnen häufig in der Adoleszenz, können aber in jedem Lebensalter auftreten.

Die Erkrankungen gehen mit einer hohen Rate an physischen Komplikationen und psychiatrischen Komorbiditäten einher. Unbehandelt nehmen sie oft einen chronischen Verlauf und weisen, insbesondere bei der Anorexia nervosa, eine hohe Mortalität auf.

Die NICE-Leitlinie definiert Standards für die frühzeitige Erkennung, die psychotherapeutische Behandlung und das somatische Monitoring. Ein besonderer Fokus liegt auf der altersgerechten Therapie und der Einbeziehung des sozialen Umfelds.

Empfehlungen

Die NICE-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Behandlung von Essstörungen:

Diagnostik und Assessment

Laut Leitlinie sollen Personen mit Verdacht auf eine Essstörung zum frühestmöglichen Zeitpunkt beurteilt und behandelt werden. Eine Priorisierung wird für Patienten mit schwerer Abmagerung oder einem entsprechenden Risiko empfohlen.

Es wird davon abgeraten, Screening-Instrumente (wie SCOFF) als alleinige Methode zur Diagnosestellung zu verwenden. Ebenso sollen einzelne Parameter wie der BMI oder die Krankheitsdauer nicht allein über die Behandlungsindikation entscheiden.

Bei der initialen Beurteilung wird eine umfassende Untersuchung empfohlen, die folgende Aspekte abdeckt:

  • Physische Gesundheit und Auswirkungen von Mangelernährung oder kompensatorischem Verhalten

  • Psychiatrische Komorbiditäten (Depression, Angststörungen, Zwangsstörungen, Selbstverletzung)

  • Möglicher Substanz- oder Alkoholmissbrauch

  • Notwendigkeit einer Notfallversorgung bei akuter physischer Gefährdung oder Suizidalität

Übersicht der psychotherapeutischen Erstlinientherapien

Die Leitlinie empfiehlt je nach Diagnose und Altersgruppe unterschiedliche psychotherapeutische Ansätze:

EssstörungAltersgruppeEmpfohlene Erstlinientherapien
Anorexia nervosaErwachseneCBT-ED, MANTRA, SSCM
Anorexia nervosaKinder & JugendlicheFamilientherapie (FT-AN)
Bulimia nervosaErwachseneAngeleitete Selbsthilfe
Bulimia nervosaKinder & JugendlicheFamilientherapie (FT-BN)
Binge-Eating-StörungAlle AltersgruppenAngeleitete Selbsthilfe

Therapie der Anorexia nervosa

Ein zentrales Ziel der Behandlung ist das Erreichen eines gesunden Körpergewichts, da dies laut Leitlinie die Voraussetzung für weitere psychologische und physische Verbesserungen ist.

Für Erwachsene wird empfohlen, zwischen einer essstörungsspezifischen kognitiven Verhaltenstherapie (CBT-ED), dem MANTRA-Programm oder einem spezialisierten unterstützenden klinischen Management (SSCM) zu wählen. Bei Kindern und Jugendlichen steht die anorexiespezifische Familientherapie (FT-AN) im Vordergrund.

Therapie der Bulimia nervosa und Binge-Eating-Störung

Bei der Binge-Eating-Störung und der Bulimia nervosa wird empfohlen, Patienten darüber aufzuklären, dass psychologische Therapien nur begrenzte Auswirkungen auf das Körpergewicht haben. Gewichtsverlust ist laut Leitlinie kein primäres Therapieziel.

Für Erwachsene mit Bulimie oder Binge-Eating-Störung wird zunächst ein angeleitetes Selbsthilfeprogramm empfohlen. Bei unzureichender Wirkung nach vier Wochen wird eine Eskalation auf eine kognitive Verhaltenstherapie (CBT-ED) angeraten.

Somatisches Monitoring

Die Leitlinie betont die Wichtigkeit der Überwachung des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts, insbesondere bei kompensatorischem Verhalten wie Erbrechen oder Laxanzienabusus. Ein EKG-Monitoring wird bei Risikofaktoren wie schnellem Gewichtsverlust, schwerem Purging-Verhalten oder Bradykardie empfohlen.

Zur Überwachung der Knochendichte wird ein DEXA-Scan in Betracht gezogen:

  • Bei Kindern und Jugendlichen nach 1 Jahr Untergewicht (oder früher bei Frakturen/Knochenschmerzen)

  • Bei Erwachsenen nach 2 Jahren Untergewicht (oder früher bei Frakturen/Knochenschmerzen)

Stationäre Behandlung

Eine stationäre oder tagesklinische Aufnahme wird empfohlen, wenn die physische Gesundheit stark gefährdet ist und eine medizinische Stabilisierung sowie ein Refeeding ambulant nicht sicher durchführbar sind. Das Personal muss laut Leitlinie in der Erkennung und Behandlung des Refeeding-Syndroms geschult sein.

Kontraindikationen

Die Leitlinie formuliert folgende Kontraindikationen und Warnhinweise:

  • Medikamente sollen bei keiner Essstörung (Anorexie, Bulimie, Binge-Eating) als alleinige Therapie eingesetzt werden.

  • Physikalische Therapien (wie transkranielle Magnetstimulation, Akupunktur, Krafttraining oder Yoga) werden als Teil der Behandlung von Essstörungen nicht empfohlen.

  • Bei Patienten mit Diabetes und Essstörung wird davor gewarnt, eine Hyperglykämie durch schnelle Insulindosissteigerungen zu behandeln, da dies das Risiko für Retinopathie und Neuropathie erhöht.

  • Insulin darf bei diesen Patienten nicht vollständig abgesetzt werden, da ein hohes Risiko für eine diabetische Ketoazidose besteht.

  • Bei Kindern und Jugendlichen mit Anorexia nervosa wird von einer routinemäßigen oralen oder transdermalen Östrogentherapie zur Behandlung einer geringen Knochendichte abgeraten.

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Häufige Fragen dazu

💡Praxis-Tipp

Ein zentraler Hinweis der Leitlinie ist, dass bei der Indikationsstellung für eine stationäre Aufnahme niemals ein absoluter BMI- oder Gewichtsschwellenwert als alleiniges Kriterium herangezogen werden sollte. Stattdessen wird empfohlen, die Dynamik des Gewichtsverlusts, die medizinischen Risikoparameter sowie die psychosoziale Unterstützung im häuslichen Umfeld ganzheitlich zu bewerten.

Häufig gestellte Fragen

Die NICE-Leitlinie empfiehlt für Erwachsene primär eine essstörungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie (CBT-ED), das MANTRA-Programm oder ein spezialisiertes unterstützendes klinisches Management (SSCM). Die Auswahl sollte gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden.

Laut Leitlinie wird als Erstlinientherapie eine bulimiespezifische Familientherapie (FT-BN) empfohlen. Sollte diese ineffektiv oder kontraindiziert sein, wird eine individuelle kognitive Verhaltenstherapie (CBT-ED) angeraten.

Es wird empfohlen, einen Knochendichte-Scan bei Kindern und Jugendlichen nach einem Jahr und bei Erwachsenen nach zwei Jahren Untergewicht in Betracht zu ziehen. Bei Knochenschmerzen oder rezidivierenden Frakturen sollte die Untersuchung gemäß Leitlinie früher erfolgen.

Die Leitlinie stellt klar, dass Medikamente nicht als alleinige Therapie für eine Binge-Eating-Störung angeboten werden sollen. Im Fokus stehen psychotherapeutische Verfahren wie angeleitete Selbsthilfe oder kognitive Verhaltenstherapie.

Es wird eine enge Zusammenarbeit zwischen Essstörungs- und Diabetesteams empfohlen, da ein hohes Risiko für einen Insulin-Missbrauch (Insulin-Purging) besteht. Die Leitlinie rät zu einer engmaschigen Kontrolle von Blutzucker und Blutketonen.

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Quelle: NICE Guideline on Eating Disorders (NICE, 2017). Originaldokument ansehen

KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.

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