Erbliche Netzhauterkrankungen: Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Erbliche Netzhaut-, Aderhaut- und Sehbahnerkrankungen umfassen eine heterogene Gruppe von meist progressiven Erkrankungen. Hierzu zählen unter anderem periphere tapetoretinale Dystrophien wie Retinitis pigmentosa, zentrale Makuladystrophien sowie Optikusneuropathien.
Die Prävalenz für hereditäre Netzhaut- und Aderhauterkrankungen liegt bei etwa 1:2.000, während Sehbahnerkrankungen mit 1:100.000 seltener auftreten. In Deutschland sind schätzungsweise 50.000 bis 70.000 Menschen von diesen Krankheitsbildern betroffen.
Diese Erkrankungen stellen in manchen Industrienationen die häufigste Erblindungsursache im arbeitsfähigen Alter dar. Sie sind für etwa zehn Prozent aller Blindengeldbezieher verantwortlich und führen häufig zu erheblichen Beeinträchtigungen im beruflichen und privaten Leben.
Klinischer Kontext
Erbliche Netzhaut-, Aderhaut- und Sehbahnerkrankungen umfassen eine sehr heterogene Gruppe seltener genetischer Störungen. Zusammengenommen stellen sie weltweit eine der Hauptursachen für schwere Sehbehinderungen und Erblindung bei Kindern und Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter dar.
Die Pathophysiologie beruht auf Mutationen in hunderten verschiedenen Genen, die für die Funktion und das Überleben von Photorezeptoren, dem retinalen Pigmentepithel oder den retinalen Ganglienzellen essenziell sind. Diese fortschreitende Degeneration führt je nach betroffenen Zelltypen zu Gesichtsfeldausfällen, Nachtblindheit oder einem zentralen Sehverlust.
Die klinische Bedeutung liegt in der Notwendigkeit einer frühzeitigen Erkennung, um eine präzise genetische Beratung und Prognosestellung zu ermöglichen. Zudem eröffnet eine exakte molekulargenetische Diagnose zunehmend den Zugang zu innovativen Gentherapien oder der Teilnahme an klinischen Studien.
Die diagnostischen Grundlagen stützen sich auf eine detaillierte klinische Phänotypisierung mittels Funduskopie, optischer Kohärenztomographie (OCT) und Elektroretinographie (ERG). Zur Bestätigung der spezifischen Diagnose und Identifizierung der ursächlichen Mutation wird anschließend eine molekulargenetische Diagnostik durchgeführt.
Wissenswertes
Retinitis pigmentosa ist genetisch extrem heterogen, wobei Mutationen in über 80 verschiedenen Genen bekannt sind. Zu den am häufigsten betroffenen Genen gehören RHO, USH2A und RPGR, welche für Struktur und Funktion der Photorezeptoren wichtig sind.
Morbus Stargardt manifestiert sich typischerweise bereits im Kindes- oder Jugendalter und wird meist autosomal-rezessiv durch Mutationen im ABCA4-Gen vererbt. Im Gegensatz zur multifaktoriellen altersabhängigen Makuladegeneration zeigen sich hier charakteristische gelbliche Flecken im retinalen Pigmentepithel.
Die Elektroretinographie ist ein essenzielles diagnostisches Instrument zur objektiven Beurteilung der globalen Netzhautfunktion. Sie wird eingesetzt, um zwischen Makuladystrophien und generalisierten Netzhautdystrophien zu differenzieren und das Ausmaß der Photorezeptorschädigung zu quantifizieren.
Die OCT ermöglicht eine hochauflösende, nicht-invasive Darstellung der retinalen Schichten und ist entscheidend für die Beurteilung struktureller Veränderungen. Sie hilft bei der Identifizierung von Photorezeptorverlusten, zystoiden Makulaödemen oder Atrophien des retinalen Pigmentepithels.
Die Lebersche hereditäre Optikusneuropathie beginnt meist mit einem schmerzlosen, subakuten und einseitigen Visusverlust, dem oft innerhalb von Wochen bis Monaten das zweite Auge folgt. Typischerweise sind junge Männer betroffen, und es zeigt sich ein zentrales oder zökozentrales Skotom.
Nach einer präzisen klinischen Phänotypisierung wird in der Regel eine Panel-Diagnostik mittels Next-Generation-Sequencing durchgeführt. Diese untersucht simultan eine Vielzahl bekannter krankheitsassoziierter Gene, um die ursächliche Mutation effizient zu identifizieren.
Ärzte fragen zu diesem Thema
💡Praxis-Tipp
Ein zentraler Hinweis der Leitlinie betrifft die Vermeidung von Vitamin-A-Supplementen bei Personen mit ABCA4-Gen-Mutationen, da dies den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen kann. Zudem wird betont, dass bei der Off-Label-Therapie eines zystoiden Makulaödems mit systemischen Carboanhydrasehemmern stets die Kalium- und Kreatininwerte überwacht werden müssen.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt als obligate Basisdiagnostik eine ausführliche Anamnese, die Sehschärfenbestimmung sowie die Spaltlampenuntersuchung. Zudem wird eine binokulare Untersuchung des zentralen Augenhintergrundes gefordert.
Bei begründetem Verdacht auf eine hereditäre Netzhaut-, Aderhaut- oder Sehbahnerkrankung wird die Initiierung einer molekulargenetischen Diagnostik empfohlen. Diese sollte laut Leitlinie mit einer humangenetischen Beratung einhergehen.
Für Betroffene mit ursächlichen bi-allelischen RPE65-Mutationen steht eine spezifische Genersatztherapie zur Verfügung. Die Leitlinie verweist hierbei auf die Behandlung mit Voretigene neparvovec-rzyl.
Es wird der Off-Label-Einsatz von topisch oder systemisch applizierten Carboanhydrasehemmern erwähnt. Bei einer systemischen Gabe müssen gemäß Leitlinie die Kalium- und Kreatininspiegel kontrolliert werden.
Die Leitlinie gibt keine starren Intervalle vor. Es wird empfohlen, die Kontrollintervalle individuell in Abhängigkeit vom Erstbefund und der Krankheitsprogression festzulegen.
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Quelle: Erbliche Netzhaut-, Aderhaut- und Sehbahnerkrankungen (AWMF). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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