Diabetes mellitus bei Kindern: Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG18 befasst sich mit der Diagnostik und dem Management von Typ-1- und Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Ein zentrales Ziel ist die Unterstützung der Betroffenen und ihrer Familien bei der Aufrechterhaltung einer strengen Blutzuckerkontrolle.
Durch eine optimale Einstellung sollen die mit Diabetes verbundenen langfristigen Risiken und Komplikationen minimiert werden. Die Leitlinie berücksichtigt dabei auch den zunehmenden Einsatz moderner Technologien wie der kontinuierlichen Glukosemessung (CGM).
Zusätzlich wird das akute Management der diabetischen Ketoazidose (DKA) detailliert beschrieben. Hierbei stehen eine sichere Flüssigkeitstherapie und die Vermeidung von Hirnödemen im Vordergrund.
Empfehlungen
Diagnostik
Laut Leitlinie wird bei der Diagnose eines Diabetes im Kindes- und Jugendalter primär von einem Typ-1-Diabetes ausgegangen. Ausnahmen bilden starke Hinweise auf einen Typ-2-Diabetes, wie eine familiäre Häufung, Adipositas oder Zeichen einer Insulinresistenz.
Es wird davon abgeraten, bei der Erstvorstellung C-Peptid oder diabetesspezifische Autoantikörper zu messen, um zwischen Typ 1 und Typ 2 zu unterscheiden.
Typ-1-Diabetes
Die Leitlinie empfiehlt für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes von Beginn an eine intensivierte Insulintherapie (Basis-Bolus-Regime) mit multiplen täglichen Injektionen. Alternativ wird bei Nicht-Eignung eine Insulinpumpe empfohlen.
Allen Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes wird ein System zur kontinuierlichen Echtzeit-Glukosemessung (rtCGM) angeboten. Falls dies nicht gewünscht oder möglich ist, wird ab 4 Jahren ein intermittierend gescanntes System (isCGM) empfohlen.
Folgende Zielwerte für die Blutzuckereinstellung werden als optimal definiert:
| Parameter | Zielwert |
|---|---|
| Nüchternblutzucker (nach dem Aufwachen) | 4 bis 7 mmol/l |
| Blutzucker vor den Mahlzeiten | 4 bis 7 mmol/l |
| Blutzucker nach den Mahlzeiten | 5 bis 9 mmol/l |
| HbA1c-Wert | 48 mmol/mol (6,5 %) oder niedriger |
Typ-2-Diabetes
Bei Typ-2-Diabetes wird eine multidisziplinäre Betreuung mit Fokus auf Ernährung, Bewegung und Gewichtsreduktion empfohlen. Als medikamentöse Erstlinientherapie wird Metformin eingesetzt.
Zusätzlich wird Insulin empfohlen, wenn der HbA1c-Wert bei 69 mmol/mol (8,5 %) oder höher liegt oder eine Ketose vorliegt.
Bei unzureichender Blutzuckerkontrolle unter Metformin wird ab 10 Jahren die zusätzliche Gabe von Liraglutid, Dulaglutid oder Empagliflozin empfohlen. Auch bei Typ-2-Diabetes wird unter bestimmten Voraussetzungen (z. B. Insulintherapie, rezidivierende Hypoglykämien) ein rtCGM empfohlen.
Diabetische Ketoazidose (DKA)
Die Leitlinie betont die Dringlichkeit der Erkennung einer DKA. Die Diagnose wird bei Hyperglykämie (> 11 mmol/l), Azidose und Ketonämie gestellt.
Die Schweregrade der DKA werden wie folgt klassifiziert:
| Schweregrad | Blut-pH-Wert | Plasma-Bikarbonat |
|---|---|---|
| Milde DKA | < 7,3 | < 15 mmol/l |
| Moderate DKA | < 7,2 | < 10 mmol/l |
| Schwere DKA | < 7,1 | < 5 mmol/l |
Es wird eine sofortige intravenöse Flüssigkeitstherapie mit 0,9 % Natriumchlorid empfohlen. Die intravenöse Insulintherapie sollte erst 1 bis 2 Stunden nach Beginn der Flüssigkeitsgabe gestartet werden.
Dosierung
Die Leitlinie macht spezifische Vorgaben zur Flüssigkeits- und Insulintherapie bei der diabetischen Ketoazidose (DKA) sowie zum Hypoglykämie-Management:
Flüssigkeitstherapie bei DKA
Bei klinisch dehydrierten Patienten ohne Schock wird ein initialer Bolus von 10 ml/kg 0,9 % NaCl über 30 Minuten empfohlen. Bei Schock wird dieser Bolus schnellstmöglich verabreicht.
Der Flüssigkeitserhaltungsbedarf wird nach der Holliday-Segar-Formel berechnet:
| Körpergewicht | Flüssigkeitsbedarf |
|---|---|
| Erste 10 kg | 100 ml/kg |
| Zweite 10 kg | 50 ml/kg |
| Jedes weitere kg | 20 ml/kg |
| Maximalgewicht | Berechnung bis max. 75 kg |
Insulintherapie bei DKA
Die intravenöse Insulintherapie erfolgt als kontinuierliche Infusion. Es dürfen keine intravenösen Insulin-Boli verabreicht werden.
| Medikament | Dosierung | Indikation |
|---|---|---|
| Lösliches Insulin (i.v.) | 0,05 bis 0,1 Einheiten/kg/Stunde | Diabetische Ketoazidose |
Hypoglykämie-Management
Bei schwerer Hypoglykämie außerhalb des Krankenhauses oder ohne i.v.-Zugang wird intramuskuläres Glukagon empfohlen:
| Alter / Gewicht | Glukagon-Dosis |
|---|---|
| > 8 Jahre oder ab 25 kg | 1 mg i.m. |
| < 8 Jahre oder unter 25 kg | 500 Mikrogramm i.m. |
Kontraindikationen
Die Leitlinie formuliert folgende Warnhinweise und Kontraindikationen:
-
Acarbose oder Sulfonylharnstoffe (z. B. Glibenclamid, Gliclazid) sollen bei Typ-1-Diabetes nicht in Kombination mit Insulin eingesetzt werden, da sie das Hypoglykämierisiko erhöhen.
-
Bei einer DKA darf kein intravenöses Natriumbikarbonat verabreicht werden, es sei denn, es liegt eine lebensbedrohliche Hyperkaliämie oder schwere Azidose mit eingeschränkter kardialer Kontraktilität vor.
-
Orale Glukoselösungen dürfen bei schwerer Hypoglykämie mit Bewusstseinsminderung nicht angewendet werden, da dies gefährlich sein kann.
💡Praxis-Tipp
Ein kritischer Hinweis der Leitlinie zur Behandlung der diabetischen Ketoazidose betrifft den Start der Insulintherapie. Es wird ausdrücklich davor gewarnt, die intravenöse Insulininfusion gleichzeitig mit der Flüssigkeitstherapie zu beginnen. Stattdessen wird empfohlen, das Insulin erst 1 bis 2 Stunden nach Beginn der intravenösen Rehydratation zu starten, um Komplikationen zu vermeiden.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird eine Überweisung zum Screening auf diabetische Retinopathie ab einem Alter von 12 Jahren empfohlen. Dies gilt sowohl für Typ-1- als auch für Typ-2-Diabetes.
Es wird die sofortige Gabe von 10 bis 20 g schnell wirksamer oraler Glukose empfohlen. Der Blutzucker sollte nach 15 Minuten kontrolliert und die Gabe bei Bedarf wiederholt werden.
Die Leitlinie empfiehlt den Einsatz von Insulin, wenn der HbA1c-Wert bei Diagnosestellung 69 mmol/mol (8,5 %) oder höher liegt. Auch bei Vorliegen einer Ketose wird eine Insulintherapie empfohlen.
Es wird die Verwendung von 0,9 % Natriumchlorid ohne Glukosezusatz für die Rehydratation und Erhaltungstherapie empfohlen. Dies wird fortgeführt, bis der Plasmaglukosespiegel unter 14 mmol/l fällt.
Zu den frühen Manifestationen, auf die laut Leitlinie geachtet werden sollte, gehören Kopfschmerzen, Agitation oder Irritabilität. Ebenso können ein unerwarteter Abfall der Herzfrequenz sowie ein erhöhter Blutdruck auf ein Hirnödem hindeuten.
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Quelle: Diabetes in children and young people (NICE, 2025). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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