Diabetes-Management im Krankenhaus: Leitlinie (Diabetes Canada)
📋Auf einen Blick
- •Insulin ist das Mittel der Wahl zur Blutzuckerkontrolle im Krankenhaus; ein proaktives Basal-Bolus-Korrektur-Schema wird empfohlen.
- •Reine Korrektur-Insulinschemata sollten als alleinige Therapieform vermieden werden.
- •Für nicht-kritisch kranke Patienten liegt der Zielblutzucker präprandial bei 5,0-8,0 mmol/l und im Tagesverlauf bei <10,0 mmol/l.
- •Bei kritisch kranken Patienten wird ein Zielbereich von 6,0-10,0 mmol/l angestrebt.
- •Ein HbA1c-Wert sollte bei Aufnahme bestimmt werden, falls dies in den letzten 3 Monaten nicht erfolgt ist.
Hintergrund
Hyperglykämien treten bei hospitalisierten Patienten häufig auf, auch ohne bekannte Diabetes-Vorgeschichte. Sie sind mit einer erhöhten Komplikationsrate, längerer Verweildauer und erhöhter Mortalität assoziiert. Akute Erkrankungen führen zu physiologischen Veränderungen (z. B. Ausschüttung von Stresshormonen) oder erfordern Therapien (z. B. Glukokortikoide), die eine Hyperglykämie begünstigen. Eine stationäre Hyperglykämie wird als Blutzuckerwert >7,8 mmol/l definiert.
Diagnostik und Screening
Bei allen Patienten sollte bei Aufnahme die Diabetes-Anamnese erhoben werden.
- HbA1c-Bestimmung: Sollte bei allen Patienten mit bekanntem Diabetes oder bei neu diagnostizierter Hyperglykämie (bzw. bei Vorliegen von Risikofaktoren) erfolgen, sofern in den letzten 3 Monaten kein Wert bestimmt wurde.
- Ein HbA1c-Wert hilft, zwischen einem bisher unentdeckten Diabetes und einer stressinduzierten Hyperglykämie zu unterscheiden.
Blutzuckermessung (Monitoring)
Die Häufigkeit der kapillären Blutzuckermessung sollte individualisiert werden. Folgende Intervalle werden typischerweise empfohlen:
| Klinische Situation | Messhäufigkeit |
|---|---|
| Orale Nahrungsaufnahme | Vor den Mahlzeiten und zur Nacht |
| Nüchtern (NPO) oder kontinuierliche enterale Ernährung | Alle 4 bis 6 Stunden |
| Intravenöses Insulin oder kritisch Kranke | Alle 1 bis 2 Stunden |
Blutzucker-Zielwerte
Die Zielwerte im Krankenhaus sind moderat höher als im ambulanten Bereich, um das Risiko von Hypoglykämien zu minimieren.
| Patientenpopulation | Blutzucker-Zielwert (mmol/l) |
|---|---|
| Nicht-kritisch krank | Präprandial: 5,0-8,0 / Randomisiert: <10,0 |
| Kritisch krank | 6,0-10,0 |
| CABG intraoperativ | 5,5-11,1 |
| Perioperativ (andere OPs) | 5,0-10,0 |
| Akutes Koronarsyndrom | 7,0-10,0 |
| Wehen und Entbindung | 4,0-7,0 |
Therapiekonzepte
Insulin ist das bevorzugte Medikament zur effektiven Blutzuckerkontrolle im Krankenhaus.
Subkutane Insulintherapie (Nicht-kritisch Kranke)
- Empfohlen: Ein proaktives Schema bestehend aus Basal-, Bolus- (prandial) und Korrektur-Insulin.
- Nicht empfohlen: Die alleinige Verwendung von Korrektur-Insulin (reaktives Behandeln von bereits aufgetretenen Hyperglykämien) ist unzureichend und sollte vermieden werden.
- Bei Patienten, die nicht regelmäßig essen, kann das Bolus-Insulin reduziert oder pausiert werden; das Basal-Insulin darf jedoch nicht abgesetzt werden.
Intravenöse Insulintherapie (Kritisch Kranke)
- Indiziert bei kritisch Kranken, Nüchternheit mit hohem Insulinbedarf oder metabolischen Entgleisungen (DKA, HHS).
- Umstellung auf subkutanes Insulin: Kurzwirksames Insulin 1 bis 2 Stunden (bzw. langwirksames Insulin 2 bis 3 Stunden) vor Beendigung der IV-Gabe verabreichen. Die neue Tagesdosis kann aus dem IV-Bedarf der letzten 6 bis 8 Stunden hochgerechnet werden (davon 60-80 % als Basalinsulin).
Nicht-Insulin-Antidiabetika
Orale Antidiabetika sind im Krankenhaus häufig kontraindiziert (z. B. wegen unregelmäßiger Nahrungsaufnahme, Niereninsuffizienz oder Kontrastmittelgabe). Bei stabilen Patienten ohne Kontraindikationen können die häuslichen Medikamente fortgeführt werden.
Spezielle klinische Situationen
Glukokortikoid-Therapie
Hyperglykämien treten bei 20-50 % der Patienten ohne bekannten Diabetes auf. Ein Blutzucker-Monitoring über 48 Stunden nach Beginn der Steroidtherapie wird empfohlen. Auch hier ist ein Basal-Bolus-Korrektur-Schema effektiver als reine Korrekturschemata.
Enterale und parenterale Ernährung
- Parenteral: Insulin kann der Lösung direkt zugefügt oder subkutan verabreicht werden.
- Enteral (Bolus): Behandlung analog zu normalen Mahlzeiten (50 % Basal, 50 % Bolus aufgeteilt auf die Sondenzeiten).
- Bei unerwartetem Abbruch der Ernährung kann intravenöse Glukose erforderlich sein, um Hypoglykämien zu vermeiden.
Insulinpumpen (CSII)
Die Fortführung einer Insulinpumpe im Krankenhaus ist möglich, wenn der Patient mental kompetent ist, die Pumpe selbstständig bedienen kann und das Krankenhaus über entsprechende Richtlinien und Protokolle verfügt.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie im Klinikalltag auf reine Korrektur-Insulinschemata. Nutzen Sie stattdessen proaktiv ein Basal-Bolus-Korrektur-Schema, um Blutzuckerschwankungen und Hyperglykämien effektiv vorzubeugen.