ADA 2026 Leitlinie: Diabetesmanagement im Krankenhaus
📋Auf einen Blick
- •Bei allen Patienten mit Diabetes oder Hyperglykämie (>140 mg/dl) sollte bei Aufnahme der HbA1c-Wert bestimmt werden, falls kein aktueller Wert vorliegt.
- •Der Zielblutzucker liegt für die meisten Patienten auf Intensiv- und Normalstationen zwischen 140–180 mg/dl bzw. 100–180 mg/dl.
- •Eine reine Korrektur-Insulintherapie ('Sliding Scale') ohne Basalinsulin wird für die meisten Patienten strikt abgelehnt.
- •SGLT2-Inhibitoren sollten 3-4 Tage vor elektiven Operationen pausiert werden, um das Risiko einer euglykämischen Ketoazidose zu minimieren.
- •Die Umstellung von intravenösem auf subkutanes Insulin erfordert eine Überlappung von 2 Stunden.
Hintergrund
Hyperglykämien, Hypoglykämien und starke Blutzuckerschwankungen sind bei hospitalisierten Patienten mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert. Die American Diabetes Association (ADA) definiert in den Standards of Care 2026 klare Vorgaben für das stationäre Diabetesmanagement, um klinische Outcomes zu verbessern und Liegezeiten zu verkürzen.
Aufnahmediagnostik und Versorgungsstandards
- Empfehlung B: Bei allen Patienten mit bekanntem Diabetes oder einer Hyperglykämie (Zufallsblutzucker >140 mg/dl) muss bei Aufnahme ein HbA1c-Wert bestimmt werden, sofern kein Wert aus den letzten 3 Monaten vorliegt.
- Empfehlung B: Krankenhäuser sollten standardisierte, validierte Protokolle (idealerweise computergestützt) für das Blutzuckermanagement implementieren.
- Empfehlung B: Bei komplexen Fällen sollte frühzeitig ein spezialisiertes Diabetes-Team hinzugezogen werden.
Blutzuckerziele im Krankenhaus
Die Blutzuckerziele richten sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und dem Risiko für Hypoglykämien.
| Patientenpopulation | Blutzuckerziel | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Kritisch krank (Intensivstation) | 140–180 mg/dl (7,8–10,0 mmol/l) | A |
| Ausgewählte kritisch Kranke (z.B. Kardiochirurgie) | 110–140 mg/dl (6,1–7,8 mmol/l) | B (sofern ohne Hypoglykämie erreichbar) |
| Nicht-kritisch krank (Normalstation) | 100–180 mg/dl (5,6–10,0 mmol/l) | B |
Therapie der Hyperglykämie
Insulin bleibt die Therapie der Wahl im stationären Setting. Die Wahl des Regimes hängt von der Nahrungsaufnahme und dem klinischen Zustand ab.
| Setting / Status | Bevorzugte Therapie | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Kritisch krank (Intensivstation) | Kontinuierliche intravenöse Insulininfusion | A |
| Normalstation (schlechte/keine Nahrungsaufnahme) | Basalinsulin oder Basal- + Korrekturinsulin | A |
| Normalstation (gute Nahrungsaufnahme) | Basal-, Mahlzeiten- und Korrekturinsulin (Basal-Bolus) | A |
| Alle Settings | Reine Korrektur-Insulintherapie ("Sliding Scale") | A (Strikt abgeraten) |
Transition von i.v. auf s.c. Insulin
Bei der Beendigung einer intravenösen Insulintherapie muss ein Transitions-Protokoll genutzt werden. Das subkutane Basalinsulin muss 2 Stunden vor Stopp der i.v.-Infusion verabreicht werden, um eine Rebound-Hyperglykämie zu vermeiden.
Nicht-Insulin-Therapien
- SGLT2-Inhibitoren: Können bei Patienten mit Herzinsuffizienz im Krankenhaus initiiert oder fortgeführt werden (Empfehlung A), sofern keine Kontraindikationen (schwere Krankheit, Ketonämie, Fasten) bestehen.
- DPP-4-Inhibitoren: Können bei leichter bis moderater Hyperglykämie (Aufnahme-BZ <180–200 mg/dl) eine sichere Alternative darstellen.
- GLP-1-Rezeptor-Agonisten: Sollten bei akut kranken Patienten im Krankenhaus pausiert werden.
Perioperatives Management
Chirurgischer Stress erhöht das Risiko für Hyperglykämien, was wiederum Wundinfektionen und Komplikationen begünstigt.
- Präoperatives Ziel: Ein HbA1c <8 % innerhalb von 3 Monaten vor elektiven Eingriffen wird empfohlen (Empfehlung C).
- Perioperativer Zielbereich: Blutzucker zwischen 100 und 180 mg/dl halten (Empfehlung E).
- Medikamentenpausen:
- Metformin und andere orale Antidiabetika am Tag der OP pausieren.
- SGLT2-Inhibitoren 3–4 Tage vor elektiven Operationen pausieren, um das Risiko einer perioperativen Ketoazidose zu minimieren.
- GLP-1-Rezeptor-Agonisten: Aufgrund des Risikos einer verzögerten Magenentleerung und Aspirationsgefahr ist ein personalisierter Ansatz erforderlich (ggf. flüssige Nahrung 24h präoperativ oder Pausierung).
Diabetische Ketoazidose (DKA) und Hyperosmolares Koma (HHS)
DKA und HHS sind lebensbedrohliche Notfälle. Etwa 10 % der DKA-Fälle präsentieren sich als euglykämische DKA (BZ <200 mg/dl), oft getriggert durch SGLT2-Inhibitoren, Schwangerschaft oder Leberversagen.
| Kriterium | Diabetische Ketoazidose (DKA) | Hyperosmolares Koma (HHS) |
|---|---|---|
| Glukose | ≥200 mg/dl oder bekannte Diabetes-Historie | ≥600 mg/dl |
| Ketose | β-Hydroxybutyrat ≥3,0 mmol/l oder Urinketone ≥2+ | β-Hydroxybutyrat <3,0 mmol/l oder Urinketone <2+ |
| Säure-Basen-Status | pH <7,3 und/oder Bikarbonat <18 mmol/l | pH ≥7,3 und Bikarbonat ≥15 mmol/l |
| Osmolarität | Variabel | Effektive Serumosmolarität >300 mOsm/kg |
Therapieprinzipien: Intravenöse Flüssigkeitssubstitution, Insulintherapie und Elektrolytausgleich (Empfehlung A). Bei milder DKA kann auch subkutanes schnellwirksames Insulin alle 1-2 Stunden erwogen werden.
Hypoglykämie-Management
Jedes Krankenhaus muss ein standardisiertes Protokoll zur Prävention und Behandlung von Hypoglykämien (BZ <70 mg/dl) implementieren (Empfehlung A). Tritt ein Wert <70 mg/dl auf, muss der Therapieplan zwingend überprüft und angepasst werden (Empfehlung C).
Entlassungsmanagement
Ein strukturierter Entlassungsplan ist essenziell (Empfehlung B). Dieser umfasst:
- Medikamentenabstimmung (Medication Reconciliation)
- Sicherstellung der Hilfsmittelversorgung (Pens, Nadeln, Teststreifen)
- Terminvereinbarung für ein Follow-up innerhalb von 1 Monat (bei Therapieänderungen innerhalb von 1-2 Wochen)
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf Normalstationen auf reine Korrektur-Insulinschemata ('Sliding Scales'). Stellen Sie Patienten mit Nahrungsaufnahme stattdessen auf ein Basal-Bolus-Konzept um und denken Sie daran, SGLT2-Inhibitoren 3-4 Tage vor elektiven OPs zu pausieren.