Depression bei Erwachsenen: Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG222 behandelt die Diagnostik, Therapie und das Management von Depressionen bei Erwachsenen ab 18 Jahren. Sie unterscheidet dabei zwischen weniger schweren und schwereren depressiven Episoden.
Eine weniger schwere Depression umfasst subsyndromale und leichte Depressionen (PHQ-9-Score unter 16). Eine schwerere Depression schließt mittelschwere und schwere Episoden ein (PHQ-9-Score von 16 oder höher).
Die Leitlinie betont die Wichtigkeit der gemeinsamen Entscheidungsfindung (Shared Decision Making). Die Wahl der Therapie soll individuell an die klinischen Bedürfnisse und Präferenzen der Betroffenen angepasst werden.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen:
Diagnostik und Risikobewertung
Laut Leitlinie wird bei Verdacht auf eine Depression ein Screening mit zwei Fragen nach Niedergeschlagenheit und Interessenverlust im letzten Monat empfohlen. Bei positivem Befund sollte ein umfassendes Assessment inklusive Suizidrisikoabschätzung erfolgen.
Es wird geraten, das Suizidrisiko direkt anzusprechen. Bei akuter Gefährdung wird eine sofortige Überweisung an psychiatrische Fachdienste empfohlen.
Therapie bei weniger schwerer Depression
Die Leitlinie empfiehlt für weniger schwere Episoden primär psychologische und psychosoziale Interventionen. Antidepressiva sollen laut Leitlinie nicht routinemäßig als Erstlinientherapie angeboten werden, es sei denn, dies ist die ausdrückliche Präferenz der betroffenen Person.
Als Behandlungsoptionen werden empfohlen:
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Angeleitete Selbsthilfe als bevorzugte, am wenigsten invasive Erstmaßnahme
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Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) oder Verhaltensaktivierung
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Gruppenbasierte Bewegungstherapie oder Achtsamkeitsmeditation
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Interpersonelle Psychotherapie (IPT) oder Beratung
Therapie bei schwererer Depression
Bei schwereren depressiven Episoden empfiehlt die Leitlinie eine raschere und intensivere Intervention.
Folgende Erstlinienoptionen werden genannt:
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Kombination aus Einzel-KVT und einem Antidepressivum
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Einzel-KVT oder individuelle Verhaltensaktivierung
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Antidepressiva (bevorzugt SSRI oder SNRI aufgrund des besseren Nebenwirkungsprofils)
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Problemlösetherapie, IPT oder psychodynamische Kurzzeittherapie
Antidepressiva und Therapiemonitoring
Bei der Verordnung von Antidepressiva wird eine Aufklärung über Wirklatenz, Nebenwirkungen und Absetzphänomene empfohlen. Die Leitlinie rät zu einer ersten Kontrolle nach zwei Wochen.
Bei Personen zwischen 18 und 25 Jahren oder bei erhöhtem Suizidrisiko wird eine Kontrolle bereits nach einer Woche empfohlen.
Es wird betont, dass Antidepressiva zur Vermeidung von Absetzsymptomen ausschleichend (Tapering) beendet werden sollen.
Rezidivprophylaxe und Therapieresistenz
Zur Rezidivprophylaxe wird bei hohem Rückfallrisiko die Fortführung der Antidepressiva-Therapie oder eine psychologische Intervention (wie Gruppen-KVT oder MBCT) empfohlen.
Bei unzureichendem Ansprechen nach 4 bis 6 Wochen rät die Leitlinie zur Überprüfung der Diagnose und Adhärenz. Als weitere Schritte werden Dosissteigerungen, ein Wechsel der Wirkstoffklasse oder Augmentationsstrategien (z. B. mit Lithium oder Antipsychotika) genannt.
Dosierung
Die Leitlinie nennt folgende spezifische Dosierungsrichtlinien und Zielwerte:
| Medikament / Maßnahme | Dosierung / Zielwert | Indikation / Anmerkung |
|---|---|---|
| Lithium (Augmentation) | 0,4 - 1,0 mmol/l | Ziel-Plasmaspiegel bei Erwachsenen |
| Lithium (Augmentation) | 0,4 - 0,6 mmol/l | Ziel-Plasmaspiegel bei Personen ab 65 Jahren |
| Fluoxetin (Absetzen) | 20 mg jeden 2. Tag | Ausschleichen bei vorheriger Dosis von 20 mg/Tag |
| Amisulprid (Off-Label) | max. 50 mg/Tag | Bei chronischen depressiven Symptomen |
Kontraindikationen
Laut Leitlinie wird von der Verordnung von Johanniskraut (St John's Wort) abgeraten, da die Wirkstoffmengen variieren und schwerwiegende Wechselwirkungen (z. B. mit Kontrazeptiva oder Antikoagulanzien) bestehen.
Bei Personen mit Suizidrisiko wird vor der Verordnung von trizyklischen Antidepressiva (TCA) gewarnt, da diese bei Überdosierung toxisch sind. Eine Ausnahme bildet laut Leitlinie lediglich der Wirkstoff Lofepramin.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass Antidepressiva bei weniger schweren Depressionen nicht routinemäßig als Erstlinientherapie eingesetzt werden sollen. Zudem wird darauf hingewiesen, dass beim Absetzen von Antidepressiva häufig Entzugssymptome auftreten, weshalb eine langsame, schrittweise Dosisreduktion (Tapering) empfohlen wird. Bei jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre) wird aufgrund eines potenziell erhöhten Suizidrisikos eine sehr engmaschige Kontrolle bereits eine Woche nach Therapiebeginn angeraten.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt in der Regel eine erste Überprüfung nach zwei Wochen. Bei Personen zwischen 18 und 25 Jahren oder bei einem erhöhten Suizidrisiko wird eine Kontrolle bereits nach einer Woche angeraten.
Laut Leitlinie sollten primär psychologische Interventionen wie angeleitete Selbsthilfe, kognitive Verhaltenstherapie oder Verhaltensaktivierung angeboten werden. Antidepressiva werden als Erstlinientherapie bei weniger schweren Episoden nicht routinemäßig empfohlen.
Es wird empfohlen, die Dosis schrittweise über Wochen oder Monate zu reduzieren (Tapering), um Absetzsymptome zu minimieren. Bei sehr niedrigen Dosen kann laut Leitlinie auf flüssige Präparate zurückgegriffen werden.
Die Leitlinie warnt vor dem Einsatz von trizyklischen Antidepressiva (TCA) bei suizidgefährdeten Personen, da diese bei Überdosierung stark toxisch wirken. Als sicherere Ausnahme unter den TCAs wird lediglich Lofepramin genannt.
Der therapeutische Plasmaspiegel für Lithium zur Augmentation liegt laut Leitlinie meist zwischen 0,4 und 1,0 mmol/l. Bei älteren Personen ab 65 Jahren wird ein niedrigerer Zielbereich von 0,4 bis 0,6 mmol/l empfohlen.
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Quelle: Depression in adults: treatment and management (NICE, 2022). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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