Dekubitus bei Querschnittlähmung: Prävention & Therapie
Hintergrund
Die S1-Leitlinie der AWMF behandelt die spezifischen Erfordernisse in der Prävention, Diagnostik und Therapie von Dekubitalulzera bei Menschen mit Querschnittlähmung. Bei dieser Personengruppe liegen besondere Risikofaktoren wie eingeschränkte Sensibilität, Trophik- und Mikrozirkulationsstörungen sowie Spastizität vor.
Ein Dekubitus wird als lokal begrenzte Schädigung der Haut und/oder des darunter liegenden Gewebes definiert. Diese entsteht in der Regel über knöchernen Vorsprüngen durch Druck oder eine Kombination aus Druck und Scherkräften.
Die Leitlinie richtet sich an alle Berufsgruppen, die an der Versorgung von querschnittgelähmten Personen beteiligt sind. Sie dient als interdisziplinäre Handlungsempfehlung zur Optimierung der Behandlungsabläufe.
Klinischer Kontext
Patienten mit Querschnittsyndrom haben ein extrem hohes Risiko für die Entwicklung von Dekubitalgeschwüren, wobei die Lebenszeitprävalenz bei bis zu 80 Prozent liegt. Besonders gefährdet sind Personen in der akuten Rehabilitationsphase sowie ältere Patienten mit langjähriger Paraplegie oder Tetraplegie.
Die Pathophysiologie basiert auf einer anhaltenden Druckeinwirkung auf das Gewebe, die zu Ischämie, Hypoxie und schließlich zur Nekrose führt. Bei Querschnittgelähmten wird dieser Prozess durch den Verlust der sensiblen Wahrnehmung, die fehlende motorische Eigenbewegung und vegetative Begleitstörungen wie eine veränderte Hautperfusion massiv begünstigt.
Für behandelnde Ärzte ist dieses Thema hochrelevant, da ein Dekubitus bei Querschnittpatienten häufig zu schweren Komplikationen wie Sepsis, Osteomyelitis und verlängerten Krankenhausaufenthalten führt. Eine frühzeitige Erkennung und konsequente Prävention sind essenziell, um die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten und die Mortalität zu senken.
Die Diagnostik erfolgt primär durch eine regelmäßige, strukturierte Inspektion der Prädilektionsstellen wie Sakrum, Fersen und Sitzbeinhöcker. Ergänzend werden Wundabstriche, bildgebende Verfahren zum Ausschluss einer Knochenbeteiligung sowie eine genaue Dokumentation der Wundtiefe und Gewebebeschaffenheit eingesetzt.
Wissenswertes
Bei rollstuhlmobilisierten Patienten sind besonders die Sitzbeinhöcker (Tubera ischiadica) und das Sakrum gefährdet. Bei bettlägerigen Patienten treten Läsionen häufig an den Fersen, den Trochanteren und am Hinterkopf auf.
Der primäre Auslöser ist ein anhaltender Druck auf das Gewebe, der die kapillare Durchblutung übersteigt und zu einer Ischämie führt. Erschwerend kommen bei Querschnittgelähmten die fehlende Schmerzwahrnehmung, Immobilität und trophische Hautstörungen hinzu.
Eine ausgeprägte Spastik kann durch starke Scherkräfte und unkontrollierte Reibung auf der Unterlage Mikrotraumata der Haut verursachen. Zudem erschwert sie oft die optimale Positionierung im Rollstuhl oder Bett, was den lokalen Druck auf exponierte Knochenvorsprünge erhöht.
Der Verdacht auf eine Knochenbeteiligung besteht bei tiefen Wunden, bei denen der Knochen sicht- oder tastbar ist (Probe-to-bone-Test). Zur Bestätigung werden in der Regel ein MRT sowie Knochenbiopsien für die mikrobiologische und histologische Untersuchung herangezogen.
Die Basis der Prävention bildet die regelmäßige Druckentlastung durch Positionswechsel, wie etwa durch Push-ups im Rollstuhl oder Mikrolagerungen im Bett. Ergänzend kommen druckverteilende Hilfsmittel wie spezielle Sitzkissen und Matratzen sowie eine tägliche Hautinspektion zum Einsatz.
Eine operative Sanierung wird meist bei tiefen Dekubitalgeschwüren der Grade 3 und 4 sowie bei Vorliegen einer Osteomyelitis oder ausgedehnten Nekrosen erwogen. Das Standardverfahren umfasst das chirurgische Debridement mit anschließender Defektdeckung durch plastische Lappenplastiken.
Ärzte fragen zu diesem Thema
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie wird von der Nutzung klassischer Dekubitus-Risikoskalen (wie der Braden- oder Norton-Skala) bei Menschen mit Querschnittlähmung abgeraten. Diese Instrumente erfassen die spezifischen Risiken dieser Personengruppe nicht adäquat, da querschnittgelähmte Personen per se als dekubitusgefährdet gelten. Stattdessen wird eine individuelle, lebenslange Nachsorge und Hilfsmittelüberprüfung in spezialisierten Zentren empfohlen.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie wird zur Beurteilung einer Osteomyelitis sowie von Weichteilprozessen und Fisteln primär die Magnetresonanztomographie (MRT) empfohlen.
Die Leitlinie empfiehlt bei einem Dekubitus der Kategorie III und IV primär eine operative Therapie, beispielsweise durch Lappenplastiken. Bei Kategorie II wird primär konservativ behandelt.
Die biochirurgische Wundreinigung mit sterilen Maden wird erwähnt, jedoch warnt die Leitlinie vor einer unsicheren Wirkung bei Pseudomonas- oder Proteusinfektionen sowie bei Blutungsneigung.
Die Leitlinie stuft die Anwendung der lokalen Unterdrucktherapie auf nekrotischem Gewebe als absolute Kontraindikation ein. Zuvor muss ein chirurgisches Debridement erfolgen.
In Sitzbelastungszonen wie der Sitz- und Steißbeinregion wird eine Entlastung von etwa vier bis acht Wochen ab dem Wundverschluss empfohlen, um innere Dehiszenzen zu vermeiden.
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Quelle: Querschnittspezifische Dekubitusbehandlung und -prävention (AWMF). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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