Arzneimittelsicherheit Pandemrix, Tysabri, Avastin: PEI
Hintergrund
Das Bulletin zur Arzneimittelsicherheit (Ausgabe 1/2010) des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) und des BfArM thematisiert aktuelle Risikobewertungen verschiedener Wirkstoffe. Ziel ist es, die Kommunikation möglicher Arzneimittelrisiken zu verbessern und die Pharmakovigilanz in den Fokus zu rücken.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Auswertung von Verdachtsfällen anaphylaktischer Reaktionen nach der Impfung mit dem pandemischen H1N1-Impfstoff Pandemrix. Dabei werden allergische und nicht-allergische Mechanismen beleuchtet.
Zudem wird das Risiko einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) unter der Therapie mit Natalizumab (Tysabri) bei Multipler Sklerose analysiert. Abschließend werden schwere Nebenwirkungen des Angiogenese-Hemmers Bevacizumab (Avastin) wie Perforationen und Kiefernekrosen diskutiert.
Empfehlungen
Pandemrix und Anaphylaxie-Risiko
Laut Bericht gibt es kein Signal für eine erhöhte Inzidenz anaphylaktischer Reaktionen nach einer Pandemrix-Impfung. Zur Einteilung des Schweregrades einer anaphylaktischen Reaktion wird die Klassifizierung nach Ring und Messmer herangezogen:
| Schweregrad | Klinische Symptomatik |
|---|---|
| Grad I | Ausschließlich Hautreaktionen |
| Grad II | Gering- bis mäßiggradige systemische Reaktionen (z. B. respiratorisch, kardiovaskulär) |
| Grad III | Schock |
| Grad IV | Kreislaufstillstand |
Die Publikation formuliert folgende Erkenntnisse zur Impfsicherheit:
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Eine vorangegangene anaphylaktische Reaktion stellt keine absolute Kontraindikation für eine Wiederimpfung dar, sofern eine IgE-vermittelte Allergie ausgeschlossen ist.
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Eine allergologische Diagnostik zur Abklärung wird im Einzelfall angeraten.
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Die meisten Reaktionen sind vermutlich nicht-allergischer (anaphylaktoider) Natur.
Natalizumab (Tysabri) und PML
Das Risiko für eine progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) steigt laut Bericht nach 20 Infusionen (entsprechend 20 Monaten) deutlich an. Zur Früherkennung wird eine hohe klinische Wachsamkeit empfohlen.
Folgende klinische Warnzeichen dienen der Differenzierung einer PML von einem MS-Schub:
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Kortikale Sehstörungen
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Aphasie
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Epileptische Anfälle
Bei Auftreten einer PML wird ein Plasmaaustausch oder eine Immunadsorption zur raschen Elimination des Antikörpers beschrieben. Bei einem daraufhin auftretenden Immunrekonstitutions-Syndrom (IRIS) besteht ein Konsens zur Gabe hochdosierter Glukokortikoide, während eine Prophylaxe nicht empfohlen wird.
Bevacizumab (Avastin)
Der Bericht warnt vor schwerwiegenden Nebenwirkungen unter Bevacizumab, darunter gastrointestinale Perforationen, Fistelbildungen und Kiefernekrosen. Es wird betont, dass diese Komplikationen frühzeitig erkannt und behandelt werden müssen.
Zur Risikominimierung von Kiefernekrosen werden folgende Maßnahmen aufgeführt:
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Zahnextraktionen und Implantatversorgungen sollten nach Möglichkeit vor Beginn der Therapie durchgeführt werden.
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Bei Frakturen ist zu berücksichtigen, dass diese durch Bevacizumab-bedingte Nekrosen verursacht sein könnten.
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Patientinnen sind hinsichtlich klinischer Symptome einer Herzinsuffizienz zu überwachen.
Kontraindikationen
Laut Bericht stellt die Vorgeschichte einer anaphylaktischen Reaktion auf eine Impfung keine absolute Kontraindikation für eine Wiederimpfung dar. Voraussetzung hierfür ist, dass eine IgE-vermittelte allergische Reaktion auf einen Impfstoffbestandteil diagnostisch ausgeschlossen werden kann.
💡Praxis-Tipp
Ein zentraler Warnhinweis des Berichts betrifft die Differenzialdiagnostik bei Multipler Sklerose unter Natalizumab-Therapie. Es wird darauf hingewiesen, dass kortikale Sehstörungen, Aphasie und epileptische Anfälle bei einem MS-Schub selten sind und als Red Flags für eine beginnende progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) gewertet werden sollten. Zudem wird angeraten, zahnchirurgische Eingriffe bei Tumorpatienten nach Möglichkeit vor dem Start einer Bevacizumab-Therapie abzuschließen, um das Risiko von Kiefernekrosen zu minimieren.
Häufig gestellte Fragen
Laut PEI-Bulletin entwickeln sich die Symptome einer PML subakut über mehrere Tage bis Wochen, während MS-Schübe rascher beginnen. Kortikale Sehstörungen, Aphasie und epileptische Anfälle gelten als spezifische Warnzeichen für eine PML.
Ja, der Bericht zeigt, dass das Risiko für das Auftreten einer PML nach 20 Natalizumab-Infusionen (entsprechend 20 Monaten) deutlich ansteigt. Nach zweijähriger Behandlung liegt die Inzidenz weltweit bei etwa 1,3 auf 1000 behandelte Patienten.
Eine vorangegangene anaphylaktische Reaktion ist laut Bericht keine absolute Kontraindikation für eine Wiederimpfung. Es wird jedoch angeraten, vorab eine IgE-vermittelte allergische Reaktion diagnostisch auszuschließen.
Da unter Bevacizumab Kiefernekrosen auftreten können, wird empfohlen, Zahnextraktionen oder chirurgische Eingriffe am Kieferknochen vor Therapiebeginn durchzuführen. Dies gilt insbesondere bei gleichzeitiger Gabe von Bisphosphonaten.
Eine im Bericht zitierte Metaanalyse nennt Blutungen, Neutropenien und Perforationen des Gastrointestinaltrakts als häufigste tödliche Komplikationen unter Bevacizumab. Zudem wird auf ein signifikant erhöhtes Risiko für eine Herzinsuffizienz hingewiesen.
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Quelle: Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 1/2010 (PEI, 2010). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.