Bipolare Störung: Akuttherapie und Phasenprophylaxe
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie CG185 befasst sich mit der Erkennung, Diagnostik und Behandlung der bipolaren Störung bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen. Sie umfasst Empfehlungen für alle Phasen der Erkrankung, einschließlich Manie, Hypomanie und bipolarer Depression.
Ein besonderer Fokus liegt auf der sicheren Anwendung von Phasenprophylaktika und Antipsychotika. Die Leitlinie integriert zudem aktuelle behördliche Sicherheitswarnungen zur Verordnung von Valproat bei verschiedenen Patientengruppen.
Darüber hinaus wird die Bedeutung einer engen Verzahnung zwischen Primär- und Sekundärversorgung betont. Auch das regelmäßige Monitoring der körperlichen Gesundheit unter psychotroper Medikation stellt einen zentralen Aspekt der Langzeitbetreuung dar.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie CG185 formuliert detaillierte Empfehlungen zur Versorgung von Menschen mit bipolarer Störung.
Diagnostik und Überweisung
In der Primärversorgung wird bei Vorliegen einer Depression empfohlen, gezielt nach früheren Phasen von Überaktivität oder Enthemmung zu fragen. Wenn diese länger als vier Tage anhielten, sollte laut Leitlinie eine Überweisung zur fachärztlichen psychiatrischen Abklärung erwogen werden.
Fragebögen zur Diagnosestellung in der Primärversorgung werden von der Leitlinie ausdrücklich nicht empfohlen. Bei Verdacht auf Manie, schwerer Depression oder Eigen- beziehungsweise Fremdgefährdung wird eine sofortige Überweisung gefordert.
Akute Manie und Hypomanie
Bei der Entwicklung einer Manie unter einer antidepressiven Monotherapie empfiehlt die Leitlinie das Absetzen des Antidepressivums. Unabhängig davon sollte ein Antipsychotikum angeboten werden.
Als Erstlinientherapie bei Manie empfiehlt die Leitlinie eines der folgenden Medikamente:
-
Haloperidol
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Olanzapin
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Quetiapin
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Risperidon
Bei unzureichender Wirkung oder schlechter Verträglichkeit wird ein Wechsel auf ein anderes Antipsychotikum aus dieser Gruppe empfohlen. Ist auch dies bei maximaler Dosis ineffektiv, kann laut Leitlinie Lithium ergänzt werden.
Bipolare Depression
Für die Behandlung der bipolaren Depression wird primär eine störungsspezifische psychologische Intervention empfohlen. Bei moderater bis schwerer Ausprägung und fehlender Vormedikation empfiehlt die Leitlinie pharmakologisch:
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Fluoxetin in Kombination mit Olanzapin
-
Quetiapin als Monotherapie
-
Alternativ (auf Patientenwunsch): Olanzapin oder Lamotrigin als Monotherapie
Langzeittherapie und Phasenprophylaxe
Lithium wird als pharmakologische Erstlinientherapie für die Langzeitbehandlung der bipolaren Störung empfohlen. Wenn Lithium ineffektiv, schlecht verträglich oder ungeeignet ist, sollte ein Antipsychotikum (zum Beispiel Aripiprazol, Olanzapin, Quetiapin oder Risperidon) erwogen werden.
Valproat kann bei Therapieversagen in Kombination mit Lithium oder einem Antipsychotikum eingesetzt werden. Hierbei müssen jedoch zwingend die strengen Sicherheitsvorgaben beachtet werden.
Monitoring der körperlichen Gesundheit
Die Leitlinie betont die Wichtigkeit regelmäßiger körperlicher Untersuchungen. Mindestens jährlich wird ein Gesundheitscheck empfohlen, der folgende Parameter umfasst:
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Gewicht oder BMI, Ernährungsstatus und körperliche Aktivität
-
Kardiovaskulärer Status (Puls und Blutdruck)
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Metabolischer Status (Nüchternblutzucker oder HbA1c, Lipidprofil)
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Leberfunktion
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Nieren- und Schilddrüsenfunktion sowie Calciumspiegel (bei Lithium-Therapie)
Dosierung
Die Leitlinie gibt spezifische Zielwerte und Überwachungsintervalle für die Therapie mit Lithium vor:
| Parameter | Zielwert / Intervall | Indikation / Patientengruppe |
|---|---|---|
| Plasma-Lithiumspiegel | 0,6 - 0,8 mmol/l | Ersteinleitung der Therapie |
| Plasma-Lithiumspiegel | 0,8 - 1,0 mmol/l | Nach Rückfall unter Lithium oder bei subsyndromalen Symptomen |
| Spiegelkontrolle | Wöchentlich | Nach Einleitung und nach jeder Dosisänderung bis zur Stabilität |
| Spiegelkontrolle | Alle 3 Monate | Im ersten Behandlungsjahr |
| Spiegelkontrolle | Alle 6 Monate | Ab dem zweiten Jahr (bei unauffälligen Patienten) |
| Spiegelkontrolle | Alle 3 Monate | Ältere Patienten, schlechte Adhärenz, Spiegel ≥ 0,8 mmol/l, Nierenrisiko |
Kontraindikationen
Die Leitlinie formuliert folgende Kontraindikationen und strenge Warnhinweise:
-
Valproat bei Personen unter 55 Jahren: Darf nicht erstmalig verordnet werden, es sei denn, zwei Spezialisten dokumentieren unabhängig voneinander, dass keine andere Therapie wirksam oder tolerabel ist.
-
Valproat bei Frauen und Mädchen: Kontraindiziert im gebärfähigen Alter, außer es greift ein Schwangerschaftsverhütungsprogramm und Alternativen sind ungeeignet.
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Valproat bei Männern: Es wird zu effektiver Kontrazeption während der Therapie und für 3 Monate nach dem Absetzen geraten.
-
Gabapentin und Topiramat: Werden zur Behandlung der bipolaren Störung ausdrücklich nicht empfohlen.
-
Lamotrigin: Darf laut Leitlinie nicht zur Behandlung der akuten Manie eingesetzt werden.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt eindringlich davor, bei einer akuten Manie oder Hypomanie eine bestehende antidepressive Monotherapie fortzuführen. Es wird stattdessen empfohlen, das Antidepressivum abzusetzen und primär mit einem Antipsychotikum (wie Haloperidol, Olanzapin, Quetiapin oder Risperidon) zu behandeln.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt als Erstlinientherapie Haloperidol, Olanzapin, Quetiapin oder Risperidon. Die Auswahl sollte sich nach der Patientenpräferenz, dem klinischen Kontext und früheren Therapieerfahrungen richten.
Bei moderater bis schwerer bipolarer Depression wird primär die Kombination aus Fluoxetin und Olanzapin oder Quetiapin als Monotherapie empfohlen. Alternativ kann laut Leitlinie auch Lamotrigin oder Olanzapin als Monotherapie erwogen werden.
Bei der Ersteinleitung wird ein Plasma-Lithiumspiegel von 0,6 bis 0,8 mmol/l empfohlen. Bei Personen, die unter Lithium bereits einen Rückfall erlitten haben, sollte ein höherer Zielbereich von 0,8 bis 1,0 mmol/l angestrebt werden.
Die Leitlinie schränkt die Nutzung von Valproat stark ein und verbietet die Neuverordnung bei Personen unter 55 Jahren weitgehend. Ausnahmen erfordern die unabhängige Zustimmung von zwei Spezialisten sowie die strikte Einhaltung von Schwangerschaftsverhütungsprogrammen bei Frauen.
Nach der wöchentlichen Einstellung empfiehlt die Leitlinie im ersten Jahr vierteljährliche Kontrollen des Lithiumspiegels. Ab dem zweiten Jahr genügen halbjährliche Kontrollen, sofern keine Risikofaktoren wie hohes Alter oder Niereninsuffizienz vorliegen.
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Quelle: Bipolar disorder: assessment and management (NICE, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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