Schilddrüse der Mutter: Neugeborenen-Diagnostik (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Das reguläre Neugeborenen-Screening (TSH-Bestimmung) erfasst keine neonatale Hyperthyreose oder zentrale Hypothyreose.
- •Bei mütterlichem Morbus Basedow (auch nach Thyreoidektomie) ist wegen plazentagängiger TRAK eine engmaschige Schilddrüsendiagnostik beim Neugeborenen erforderlich.
- •Bei alleiniger mütterlicher Einnahme von Jodid, L-Thyroxin (ohne TRAK) oder bei Hashimoto-Thyreoiditis reicht das reguläre Neugeborenen-Screening aus.
- •Bei Einnahme von Thyreostatika oder seltenen genetischen Schilddrüsenerkrankungen der Mutter sollte ein pädiatrischer Endokrinologe hinzugezogen werden.
Hintergrund
Schilddrüsenfunktionsstörungen gehören zu den häufigsten Organerkrankungen bei Schwangeren. Das in Deutschland durchgeführte reguläre Neugeborenen-Screening sieht die alleinige TSH-Bestimmung vor. Hierdurch werden primäre Hypothyreosen zuverlässig erkannt.
Jedoch werden Dysfunktionen, die mit einem supprimierten TSH (neonatale Hyperthyreose) oder einem inadäquat niedrigen TSH (zentrale Hypothyreose) einhergehen, im Standard-Screening nicht erfasst. Die Leitlinie definiert, bei welchen mütterlichen Schilddrüsenerkrankungen eine erweiterte Diagnostik beim Neugeborenen notwendig ist.
Vorgehen nach mütterlicher Erkrankung
Die Notwendigkeit einer erweiterten Diagnostik richtet sich primär nach der Grunderkrankung der Mutter und dem Vorhandensein von TSH-Rezeptor-Antikörpern (TRAK).
| Mütterliche Konstellation | Diagnostik beim Neugeborenen | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Jodid-Einnahme (alleinig) | Keine spezifische Diagnostik (nur Standard-Screening) | Starker Konsens |
| Hashimoto-Thyreoiditis (TPO/TAK positiv) | Keine spezifische Diagnostik (nur Standard-Screening) | Starker Konsens |
| Latente/manifeste Hypothyreose (ohne Antikörper) | Keine spezifische Diagnostik (nur Standard-Screening) | Starker Konsens |
| Z.n. Thyreoidektomie (Struma, Adenom, Karzinom) | Keine spezifische Diagnostik (nur Standard-Screening) | Starker Konsens |
| Morbus Basedow (aktuell oder anamnestisch) | Erweitertes Screening (fT4, TSH, TRAK) | Starker Konsens |
Morbus Basedow und TRAK-Positivität
Bei Müttern mit Morbus Basedow können plazentagängige TRAK beim Neugeborenen eine schwere neonatale Hyperthyreose auslösen (Mortalität bis zu 25 %). Dies gilt auch für Mütter, die in der Vergangenheit wegen eines Morbus Basedow thyreoidektomiert oder radiojodtherapiert wurden, sofern noch maternale TRAK persistieren.
Da mütterliche Thyreostatika ebenfalls die Plazenta passieren, kann die Schilddrüsenfunktion des Kindes zunächst supprimiert sein. Die Symptome einer Hyperthyreose manifestieren sich oft erst mit einer Latenz von 8 bis 9 Tagen, wenn die Thyreostatika beim Kind abgebaut sind.
Diagnostisches Stufenschema bei maternalem Morbus Basedow:
- Tag 1 sowie Tag 3-5: Bestimmung von fT4, TSH und TRAK (unter Verwendung neonataler Referenzbereiche).
- Tag 10-14 sowie Tag 28: Erneute Kontrolle, falls an den ersten Tagen TRAK beim Neugeborenen nachweisbar waren.
Indikationen für pädiatrisch-endokrinologisches Konsil
In bestimmten, oft komplexen oder seltenen Fällen, reicht ein standardisiertes Labor-Screening nicht aus. Hier sollte frühzeitig ein pädiatrischer Endokrinologe hinzugezogen werden:
| Mütterliche Erkrankung / Therapie | Maßnahme beim Neugeborenen | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Einnahme von Thyreostatika (z.B. bei Beta-hCG induzierter Hyperthyreose) | Pädiatrischen Endokrinologen zur Beratung hinzuziehen | Starker Konsens |
| "Heiße" Schilddrüsenknoten (mit Überfunktion) | Umfassende Diagnostik + Konsil unmittelbar nach Geburt | Starker Konsens |
| Genetisch bedingte Hyperthyreose | Konsil unmittelbar nach Geburt | Starker Konsens |
| Genetisch bedingte Hypothyreose | Konsil unmittelbar nach Geburt | Starker Konsens |
💡Praxis-Tipp
Lassen Sie sich bei Neugeborenen von Müttern mit Morbus Basedow nicht von einer anfänglichen Euthyreose täuschen. Wenn die Mutter Thyreostatika eingenommen hat, kann sich die neonatale Hyperthyreose um 8-9 Tage verzögern. Eine späte Kontrolle am 28. Lebenstag ist bei positivem TRAK-Nachweis essenziell.