Abklärung Herzgeräusch bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Herzgeräusche werden in akzidentelle, funktionelle und organische Geräusche unterteilt.
- •Diastolische Herzgeräusche sind praktisch immer pathologisch und bedürfen einer Abklärung.
- •Bei Neugeborenen, neu aufgetretenen oder veränderten Geräuschen ist bis zum Beweis des Gegenteils von einem Herzfehler auszugehen.
- •Die Echokardiographie ist der Goldstandard zur Sicherung der Diagnose.
- •Kinder mit akzidentellen Herzgeräuschen sind voll sporttauglich und bedürfen keiner Therapie oder Schonung.
Hintergrund
Herzgeräusche im Kindes- und Jugendalter sind Ausdruck eines turbulenten Blutflusses. Da die Diagnose bei Eltern häufig zu großer Sorge führt, sollte eine rasche Abklärung erfolgen. Bei Neugeborenen werden im Rahmen der primären Untersuchung oft Herzgeräusche auskultiert. In etwa einem Drittel dieser Fälle werden Herzfehler gefunden, wobei meist weniger als 10 % einer weiterführenden Intervention bedürfen. Auch bei neu aufgetretenen Geräuschen im Kindes- und Jugendalter findet sich in weniger als 10 % ein pathologischer Befund.
Einteilung und Lautstärke
Herzgeräusche werden nach ihrem zeitlichen Auftreten im Herzzyklus, Dauer, Lautstärke, Frequenz, Klangcharakter sowie dem Punctum maximum und der Fortleitung eingeteilt. Die Lautstärke wird in sechs Grade unterteilt:
| Grad | Beschreibung |
|---|---|
| 1/6 | Leises Herzgeräusch, nur bei ruhiger Umgebung zu auskultieren, durch normales Atemgeräusch überdeckt |
| 2/6 | Deutlich hörbares Herzgeräusch, nicht durch Atemgeräusch überdeckt |
| 3/6 | Lautes Herzgeräusch, aber kein präkordiales Schwirren palpabel |
| 4/6 | Lautes Herzgeräusch mit Schwirren |
| 5/6 | Sehr lautes Herzgeräusch mit deutlichem Schwirren, durch aufgesetzten Finger/Hand zu auskultieren |
| 6/6 | Sehr lautes Herzgeräusch mit Schwirren, Distanzgeräusch (ohne Stethoskop oder 1 cm entfernt hörbar) |
Pathophysiologie und Geräuscharten
Grundsätzlich werden drei Arten von Herzgeräuschen unterschieden:
- Akzidentelle Herzgeräusche: Treten bei herzgesunden Kindern auf, sind praktisch niemals lauter als 3/6 und gelten als harmlos. Die Diagnose erfolgt nach Ausschluss einer organischen Erkrankung.
- Funktionelle Herzgeräusche: Strömungsphänomene durch ein erhöhtes Herzzeitvolumen. Häufigste Ursachen sind Fieber, Anämie oder Hyperthyreose.
- Organische Herzgeräusche: Basieren auf pathologischen Veränderungen wie Klappen-/Gefäßstenosen, Insuffizienzen oder Shuntverbindungen.
Bezüglich des zeitlichen Auftretens gilt eine wichtige Grundregel: Diastolische Herzgeräusche sind praktisch immer pathologisch.
Akzidentelle und funktionelle Herzgeräusche
| Herzgeräusch | Altersgipfel | Punctum maximum | Zeitpunkt und Klangcharakter |
|---|---|---|---|
| Akzidentelles Herzgeräusch (Stillsches Geräusch) | Kleinkinder | 3.-5. ICR links parasternal | Systolisch, musikalischer Klang. Wird typischerweise im Liegen am lautesten gehört und beim Aufrichten leiser. |
| Strömungsgeräusch der Pulmonalarterienbifurkation | Neugeborene, junge Säuglinge | 2. ICR links und rechts parasternal | Systolisch, rauh. Fortleitung in den Rücken. |
| Pulmonalarterienströmungsgeräusch | Kleinkinder, Schulkinder, Jugendliche | 2. ICR links parasternal | Systolisch, rauh. |
| Supraklavikuläres akzidentelles Geräusch | Schulkinder, Jugendliche | 2. ICR links parasternal | Systolisch, rauh. |
| Nonnensausen | Kleinkinder | Supraklavikulär, rechtsseitig betont | Kontinuierlich systolisch-diastolisches Geräusch. Verschwindet typischerweise bei Kopfwendung. |
Organische Herzgeräusche (Auswahl)
| Diagnose | Herzgeräusch | Punctum maximum / Fortleitung |
|---|---|---|
| Kleiner VSD | 2-3/6° lautes hochfrequentes Systolikum | 3./4. ICR links parasternal |
| Mittelgroßer PDA | 2-4/6° lautes kontinuierliches Geräusch ("Maschinengeräusch") | 2. ICR links parasternal |
| ASD mit relevantem L-R-Shunt | 2-3/6° lautes systolisches Austreibungsgeräusch, 2. Herzton fixiert gespalten | 2. ICR links parasternal |
| Aortenstenose | Rauhes 2-5/6° lautes systolisches Austreibungsgeräusch | 2. ICR rechts parasternal, Fortleitung in die Karotiden |
| Aorteninsuffizienz | Hochfrequentes 2-3/6° lautes (früh-) diastolisches Geräusch | 3./4. ICR links parasternal |
Diagnostik
Bis zum Beweis des Gegenteils ist bei einem Herzgeräusch eines Neugeborenen, einem neu aufgetretenen und persistierenden Herzgeräusch oder einer Änderung eines bekannten Herzgeräusches von einem Herzfehler auszugehen.
Die Diagnostik umfasst:
- Klinische Untersuchung: Anamnese und Auskultation geben Hinweise, reichen aber zur genauen Abklärung allein nicht aus.
- Pulsoxymetrie: Bewertet eine mögliche Zyanose und erweitert die Primärdiagnostik.
- Echokardiographie: Sichert die Diagnose durch detaillierte Darstellung von Anatomie und Funktion. Bei eindeutigen funktionellen Befunden und typischen Auskultationsbefunden kann sie in begründeten Einzelfällen entfallen.
- EKG: Oft unspezifisch, kann aber bei typischen Konstellationen Hinweise geben.
- MRT/CT: Nur bei unzureichender echokardiographischer Darstellbarkeit indiziert.
Therapie und Nachsorge
Bei akzidentellen Herzgeräuschen ist keinerlei Kontrolle oder Therapie notwendig. Eine ausführliche Aufklärung der Eltern über die Benignität des Befundes ist essenziell, um eine falsche Schonung des Kindes zu vermeiden. Patienten mit akzidentellen oder funktionellen Herzgeräuschen sind voll leistungsfähig und sporttauglich. Bei funktionellen Geräuschen richtet sich die Therapie nach der auslösenden Ursache (z.B. Infekt, Anämie).
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Eltern von Kindern mit akzidentellen Herzgeräuschen ausführlich über die absolute Harmlosigkeit auf. Eine falsche körperliche Schonung im Alltag oder ein Sportverbot müssen unbedingt vermieden werden.