Analkarzinom-Screening bei HIV: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein Screening wird für MSM und trans Frauen mit HIV ab 35 Jahren sowie für alle Menschen mit HIV ab 45 Jahren empfohlen.
- •Das Basis-Screening umfasst Inspektion, digital-rektale Untersuchung (DRU) und anale Zytologie.
- •Die hochauflösende Anoskopie (HRA) ist der Goldstandard zur Abklärung auffälliger Befunde.
- •Hochgradige anale Dysplasien (AIN 2 p16-positiv und AIN 3) sollen therapiert werden, um das Karzinomrisiko zu senken.
Hintergrund
Das Analkarzinom tritt bei Menschen mit HIV überproportional häufig auf und wird in fast 100 % der Fälle durch persistierende Infektionen mit High-Risk Humanen Papillomaviren (HR-HPV), vor allem HPV-16, verursacht. Die Tumorentwicklung verläuft über Vorläuferläsionen, die als anale intraepitheliale Neoplasien (AIN) bezeichnet werden. Ein starker Konsens besteht darüber, dass die Therapie hochgradiger analer Dysplasien die Inzidenz von Analkarzinomen signifikant reduziert.
Screening-Population und Intervalle
Ein regelmäßiges Analkarzinom-Screening wird für spezifische Risikogruppen empfohlen. Das Screening sollte, sofern keine Läsionen vorliegen, zumindest alle 24 Monate erfolgen.
| Zielgruppe | Alter / Kriterium | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| MSM mit HIV | ab 35. Lebensjahr | Starker Konsens |
| trans Frauen mit HIV | ab 35. Lebensjahr | Starker Konsens |
| Alle Menschen mit HIV | ab 45. Lebensjahr | Starker Konsens |
| Menschen mit HIV | CD4-Nadir <200/µl | Starker Konsens |
| Menschen mit HIV | Hochgradige zervikale/vulväre/penile Dysplasien | Starker Konsens |
| Menschen ohne HIV (MSM, trans Frauen) | ab 45. Lebensjahr | Starker Konsens |
Diagnostik und Screening-Ablauf
Das Screening basiert auf einem Stufenschema. Ein Analkarzinom-Screening soll eine Inspektion, eine digital-rektale Untersuchung (DRU) und eine anale Zytologie beinhalten.
- Analzytologie: Abnahme als erste Maßnahme (vor DRU/Gleitmittel). Nicht durchführen bei rezeptivem Analverkehr oder Spülung in den letzten 24h.
- Digital-rektale Untersuchung (DRU): Soll immer zu Beginn einer hochauflösenden Anoskopie erfolgen, um Läsionen zu tasten und den Sphinkter zu dehnen.
- Hochauflösende Anoskopie (HRA): Ist der Goldstandard zur Diagnose analer Dysplasien. Indiziert bei auffälligem Tastbefund oder Zytologie-Ergebnissen ab ASC-US.
Klassifikation analer Dysplasien
Die Beurteilung erfolgt zytologisch (Bethesda) und histopathologisch (AIN).
| Zytologie (Bethesda) | Histopathologie | p16-Färbung | Dysplasiegrad |
|---|---|---|---|
| NILM | Normal | Negativ | Keine |
| LSIL | AIN 1 | Negativ | Niedriggradig (LGAIN) |
| LSIL | AIN 2 | Negativ | Niedriggradig (LGAIN) |
| HSIL | AIN 2 | Positiv ("en bloc") | Hochgradig (HGAIN) |
| HSIL | AIN 3 | Positiv | Hochgradig (HGAIN) |
Therapie hochgradiger Dysplasien
Hochgradige anale Dysplasien (p16-positive AIN 2 und AIN 3) sollen therapiert werden, um das Karzinomrisiko zu senken. Niedriggradige Dysplasien erfordern nicht zwingend eine Therapie zur Karzinomprävention.
| Therapieverfahren | Anwendung | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|
| Elektrokaustik | Intra- und perianal | Günstig, hohe Verfügbarkeit, effektiv | Rauchentwicklung, Lokalanästhesie nötig |
| Trichloressigsäure (85%) | Intra- und perianal | Kein Rauch, wenig Schmerz, kein Blutungsrisiko | Limitierte Wirksamkeit bei dicken Läsionen |
| Operative Abtragung | Intra- und perianal | Histologische Aufarbeitung der gesamten Läsion möglich | Hoher Aufwand, Komplikationsrisiko, Narbenbildung |
| CO2-Laser | Intra- und perianal | Sehr gezielt, wenig Schmerz/Blutung | Teuer, Rauchentwicklung |
Nach stattgehabter Therapie soll eine regelmäßige Verlaufskontrolle erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie die anale Zytologie immer als erste intraanale Maßnahme durch, um Kontaminationen durch Gleitmittel oder Blut zu vermeiden. Verzichten Sie auf den Abstrich, wenn in den letzten 24 Stunden rezeptiver Analverkehr oder Einläufe stattfanden.