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Thalassämien: Aktuelle S1-Leitlinie (AWMF/GPOH)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Diagnostik der Thalassämien basiert auf Blutbild, Hämoglobinanalyse (HbA2, HbF) und molekulargenetischem Nachweis.
  • Bei der Beta-Thalassaemia major ist eine lebenslange Transfusionstherapie (Ziel-Hb 13-13,5 g/dl nach Transfusion) mit begleitender Chelattherapie indiziert.
  • Die allogene Stammzelltransplantation stellt derzeit die einzige etablierte kurative Therapieoption dar, idealerweise im frühen Kindesalter.
  • Luspatercept ist als neue medikamentöse Therapieoption zur Reduktion der Transfusionslast bei erwachsenen Patienten zugelassen.
  • Eine engmaschige Verlaufsdiagnostik ist essenziell, um Komplikationen wie sekundäre Hämochromatose und Osteoporose frühzeitig zu behandeln.
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Hintergrund

Thalassämien sind eine heterogene Gruppe genetisch bedingter Erkrankungen, bei denen die Bildung normalen Hämoglobins aufgrund einer defekten Synthese einer oder mehrerer Globinketten gestört ist. Man unterscheidet Alpha- und Beta-Thalassämien. Durch Migration steigt die Prävalenz in Mitteleuropa stetig an.

Alpha-Thalassämien

Ursache ist meist eine Deletion der auf Chromosom 16 liegenden Alpha-Globingene. Der Schweregrad korreliert mit der Anzahl der inaktiven Gene.

GenotypKlassifizierungPhänotyp und Klinik
-α/ααheterozygote α+-Thalassämie (Minima)Asymptomatisch, Hb normal, leichte Mikrozytose
--/αα oder -α/-αα-Thalassaemia minorHb gering erniedrigt, Hypochromie, Mikrozytose
--/-αHbH-KrankheitVariable hämolytische Anämie (Hb 7-11 g/dl), Splenomegalie
--/--Hb-Bart's Hydrops fetalis SyndromSchwerste Anämie, Hydrops, oft intrauteriner Tod

Diagnostik: Das einzig sichere Verfahren für Minima- und Minor-Formen ist die DNA-Analyse. Bei der HbH-Krankheit und dem Hb-Bart's Hydrops fetalis Syndrom zeigen sich Homo-Tetramere (HbH, Hb Bart's) in der Hämoglobinanalyse.

Beta-Thalassämien

Ursächlich sind Mutationen im Beta-Globingen (HBB) auf Chromosom 11. Der Mangel an Beta-Ketten führt zu einem Alpha-Ketten-Überschuss, ineffektiver Erythropoese und Hämolyse.

Klinischer TypGenetikKlinik und Transfusionsbedarf
β-Thalassaemia minorHeterozygotMeist asymptomatisch, milde Anämie, HbA2 erhöht
β-Thalassaemia intermediaHomozygot / Compound-heterozygotMittelschwer, im Verlauf oft transfusionsbedürftig (NTDT)
β-Thalassaemia majorHomozygot / Compound-heterozygotSchwere Anämie, obligat transfusionsbedürftig (TDT) ab 1. Lebensjahr

Diagnostik der Beta-Thalassämien

Die initiale Diagnostik umfasst:

  • Hämatologie: Erythrozytenindices (MCV, MCH erniedrigt), Retikulozyten, Ferritin.
  • Hämoglobinanalyse: Kapillar-Elektrophorese oder HPLC. Bei Minor-Form HbA2 erhöht (>3,5%), bei Major-Form HbF stark erhöht (20-98%).
  • Molekulargenetik: DNA-Analyse zur Sicherung und Identifizierung der Mutation.
  • Familienuntersuchung: Wichtig für die genetische Beratung.

Therapie

Kurative Ansätze

  • Stammzelltransplantation (HSZT): Therapie der Wahl bei Vorhandensein eines HLA-identischen Geschwisterspenders. Sollte möglichst im frühen Kindesalter durchgeführt werden.
  • Gentherapie: Perspektivischer Ansatz (z.B. lentivirale Vektoren oder CRISPR/Cas9), derzeit jedoch in Europa eingeschränkt verfügbar oder noch nicht zugelassen.

Symptomatische Therapie (Fokus Thalassaemia major)

MaßnahmeIndikation / ZielBemerkung
TransfusionstherapieHb-Abfall < 8 g/dl oder klinische SymptomeBasis-Hb 9,5-10 g/dl anstreben. Ziel-Hb nach Transfusion: 13-13,5 g/dl.
ChelattherapieFerritin >1000 µg/l oder Lebereisen >4,5 mg/gVerhinderung der sekundären Hämochromatose.
LuspaterceptErwachsene mit transfusionsabhängiger β-ThalassämieSubkutane Gabe zur Reduktion der Transfusionslast.
SplenektomieStark vergrößerte Milz, Transfusionsbedarf >200 g Erythrozyten/kg/JahrCave: Erhöhtes Infektions- und Thromboserisiko.

Verlaufsdiagnostik und Komplikationen

Patienten mit Thalassaemia major benötigen eine lebenslange, multidisziplinäre Betreuung. Wichtige Verlaufsuntersuchungen umfassen:

  • Kardiologie: Jährliche Echokardiographie und Kardio-MRT (ab 10 Jahren) zur Erfassung der Myokardsiderose.
  • Endokrinologie: Wachstumskontrollen, Pubertätsstadien, Knochendichtemessung (hohes Osteopenie-Risiko).
  • Infektiologie: Jährliche Serologie (HBV, HCV, HIV).

💡Praxis-Tipp

Entscheiden Sie über den Beginn einer Transfusionstherapie bei der Thalassaemia intermedia nicht rein nach dem Hb-Wert, sondern anhand der klinischen Symptomatik (Wachstumsstörungen, Knochenveränderungen). Führen Sie vor dem Einsatz von Luspatercept bei splenektomierten Patienten ein Thrombophilie-Screening durch.

Häufig gestellte Fragen

Frühestens ab dem 3. Lebensmonat, sicher ab dem 6. Lebensmonat durch die Kombination niedriger Erythrozytenindices und einem erhöhten HbA2-Wert.
Der Ziel-Hb-Wert nach der Transfusion liegt bei 13 bis 13,5 g/dl. Der Basis-Hb vor der Transfusion sollte 9,5 bis 10 g/dl nicht unterschreiten.
Wenn die Serumferritinkonzentration wiederholt über 1000 µg/l liegt und/oder der Lebereisengehalt im MRT 4,5 mg/g Trockengewicht erreicht.
Nein, eine Eisensubstitution ist in der Regel kontraindiziert, es sei denn, es liegt nachweislich ein gleichzeitig bestehender Eisenmangel vor (z.B. in der Schwangerschaft).

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