Thalassämien: Aktuelle S1-Leitlinie (AWMF/GPOH)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnostik der Thalassämien basiert auf Blutbild, Hämoglobinanalyse (HbA2, HbF) und molekulargenetischem Nachweis.
- •Bei der Beta-Thalassaemia major ist eine lebenslange Transfusionstherapie (Ziel-Hb 13-13,5 g/dl nach Transfusion) mit begleitender Chelattherapie indiziert.
- •Die allogene Stammzelltransplantation stellt derzeit die einzige etablierte kurative Therapieoption dar, idealerweise im frühen Kindesalter.
- •Luspatercept ist als neue medikamentöse Therapieoption zur Reduktion der Transfusionslast bei erwachsenen Patienten zugelassen.
- •Eine engmaschige Verlaufsdiagnostik ist essenziell, um Komplikationen wie sekundäre Hämochromatose und Osteoporose frühzeitig zu behandeln.
Hintergrund
Thalassämien sind eine heterogene Gruppe genetisch bedingter Erkrankungen, bei denen die Bildung normalen Hämoglobins aufgrund einer defekten Synthese einer oder mehrerer Globinketten gestört ist. Man unterscheidet Alpha- und Beta-Thalassämien. Durch Migration steigt die Prävalenz in Mitteleuropa stetig an.
Alpha-Thalassämien
Ursache ist meist eine Deletion der auf Chromosom 16 liegenden Alpha-Globingene. Der Schweregrad korreliert mit der Anzahl der inaktiven Gene.
| Genotyp | Klassifizierung | Phänotyp und Klinik |
|---|---|---|
| -α/αα | heterozygote α+-Thalassämie (Minima) | Asymptomatisch, Hb normal, leichte Mikrozytose |
| --/αα oder -α/-α | α-Thalassaemia minor | Hb gering erniedrigt, Hypochromie, Mikrozytose |
| --/-α | HbH-Krankheit | Variable hämolytische Anämie (Hb 7-11 g/dl), Splenomegalie |
| --/-- | Hb-Bart's Hydrops fetalis Syndrom | Schwerste Anämie, Hydrops, oft intrauteriner Tod |
Diagnostik: Das einzig sichere Verfahren für Minima- und Minor-Formen ist die DNA-Analyse. Bei der HbH-Krankheit und dem Hb-Bart's Hydrops fetalis Syndrom zeigen sich Homo-Tetramere (HbH, Hb Bart's) in der Hämoglobinanalyse.
Beta-Thalassämien
Ursächlich sind Mutationen im Beta-Globingen (HBB) auf Chromosom 11. Der Mangel an Beta-Ketten führt zu einem Alpha-Ketten-Überschuss, ineffektiver Erythropoese und Hämolyse.
| Klinischer Typ | Genetik | Klinik und Transfusionsbedarf |
|---|---|---|
| β-Thalassaemia minor | Heterozygot | Meist asymptomatisch, milde Anämie, HbA2 erhöht |
| β-Thalassaemia intermedia | Homozygot / Compound-heterozygot | Mittelschwer, im Verlauf oft transfusionsbedürftig (NTDT) |
| β-Thalassaemia major | Homozygot / Compound-heterozygot | Schwere Anämie, obligat transfusionsbedürftig (TDT) ab 1. Lebensjahr |
Diagnostik der Beta-Thalassämien
Die initiale Diagnostik umfasst:
- Hämatologie: Erythrozytenindices (MCV, MCH erniedrigt), Retikulozyten, Ferritin.
- Hämoglobinanalyse: Kapillar-Elektrophorese oder HPLC. Bei Minor-Form HbA2 erhöht (>3,5%), bei Major-Form HbF stark erhöht (20-98%).
- Molekulargenetik: DNA-Analyse zur Sicherung und Identifizierung der Mutation.
- Familienuntersuchung: Wichtig für die genetische Beratung.
Therapie
Kurative Ansätze
- Stammzelltransplantation (HSZT): Therapie der Wahl bei Vorhandensein eines HLA-identischen Geschwisterspenders. Sollte möglichst im frühen Kindesalter durchgeführt werden.
- Gentherapie: Perspektivischer Ansatz (z.B. lentivirale Vektoren oder CRISPR/Cas9), derzeit jedoch in Europa eingeschränkt verfügbar oder noch nicht zugelassen.
Symptomatische Therapie (Fokus Thalassaemia major)
| Maßnahme | Indikation / Ziel | Bemerkung |
|---|---|---|
| Transfusionstherapie | Hb-Abfall < 8 g/dl oder klinische Symptome | Basis-Hb 9,5-10 g/dl anstreben. Ziel-Hb nach Transfusion: 13-13,5 g/dl. |
| Chelattherapie | Ferritin >1000 µg/l oder Lebereisen >4,5 mg/g | Verhinderung der sekundären Hämochromatose. |
| Luspatercept | Erwachsene mit transfusionsabhängiger β-Thalassämie | Subkutane Gabe zur Reduktion der Transfusionslast. |
| Splenektomie | Stark vergrößerte Milz, Transfusionsbedarf >200 g Erythrozyten/kg/Jahr | Cave: Erhöhtes Infektions- und Thromboserisiko. |
Verlaufsdiagnostik und Komplikationen
Patienten mit Thalassaemia major benötigen eine lebenslange, multidisziplinäre Betreuung. Wichtige Verlaufsuntersuchungen umfassen:
- Kardiologie: Jährliche Echokardiographie und Kardio-MRT (ab 10 Jahren) zur Erfassung der Myokardsiderose.
- Endokrinologie: Wachstumskontrollen, Pubertätsstadien, Knochendichtemessung (hohes Osteopenie-Risiko).
- Infektiologie: Jährliche Serologie (HBV, HCV, HIV).
💡Praxis-Tipp
Entscheiden Sie über den Beginn einer Transfusionstherapie bei der Thalassaemia intermedia nicht rein nach dem Hb-Wert, sondern anhand der klinischen Symptomatik (Wachstumsstörungen, Knochenveränderungen). Führen Sie vor dem Einsatz von Luspatercept bei splenektomierten Patienten ein Thrombophilie-Screening durch.