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Sekundäre Eisenüberladung bei Anämien: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Der Therapiebeginn ist indiziert bei wiederholtem Serumferritin > 1000 µg/l oder Erreichen des methodenspezifischen Lebereisen-Grenzwerts (meist nach 10-15 Transfusionen).
  • Kardio-MRT (T2*) und Lebereisenmessung (MRT) sind essenziell für die Therapiesteuerung und Risikostratifizierung.
  • Zur Chelattherapie stehen Deferasirox, Deferoxamin und Deferipron zur Verfügung, die alters- und indikationsspezifisch eingesetzt werden.
  • Eine intensivierte Therapie ist zwingend erforderlich bei kardialen T2*-Werten < 10 ms oder neu aufgetretener Herzinsuffizienz.
  • Bei ausreichend hohem Hämoglobin (z.B. nach Stammzelltransplantation) ist die Aderlasstherapie die Methode der Wahl zur Eisenreduktion.
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Hintergrund

Eine sekundäre Eisenüberladung (Siderose) entsteht meist durch regelmäßige Erythrozytentransfusionen oder eine gesteigerte enterale Eisenresorption bei ineffektiver Erythropoese. Überschüssiges Eisen überschreitet die Transferrin-Bindungskapazität, was zu toxischem, nicht-transferrin-gebundenem Eisen (NTBI) und labilem Plasmaeisen (LPI) führt. Dies verursacht oxidative Schäden, die vor allem Herz, Leber und endokrine Organe betreffen. Herzinsuffizienz und Arrhythmien infolge einer Myokardsiderose sind die häufigsten Todesursachen.

Diagnostik und Monitoring

Zur Erfassung des Eisenstatus und Siderose-bedingter Organschäden sollten regelmäßige Untersuchungen durchgeführt werden (Empfehlungsgrad B). Ein einzelner Ferritinwert ist als Akut-Phase-Protein unzuverlässig; entscheidend ist der Trend.

ParameterMethodeIntervallBemerkung
SerumferritinBlutentnahmeMonatlichZielwert < 500-1000 µg/l
Lebereisengehalt (LIC)MRT (z.B. FerriScan, R2*)JährlichGoldstandard zur Therapiesteuerung
HerzeisenKardio-MRT (T2*)Jährlich (ab 10 J.)Zielwert ≥ 20 ms
Endokrine FunktionLabor (Glukose, TSH, etc.)JährlichErkennung von Spätschäden

Indikation zur Chelattherapie

Der Beginn einer Eiseneliminationstherapie ist indiziert (Empfehlungsgrad B), wenn:

  • Das Serumferritin wiederholt > 1000 µg/l liegt (und ein inflammatorischer Anstieg ausgeschlossen ist).
  • Der Lebereisengehalt den methodenspezifischen Grenzwert erreicht.
  • Faustregel: Meist nach 10-15 Transfusionen (ca. 200 ml Erythrozytenkonzentrat/kgKG) erreicht.

Die Lebereisenkonzentration soll nicht wesentlich über dem Indikationswert liegen. Bei Ferritin < 500 µg/l oder LIC < 3 mg/g Trockengewicht muss die Therapie in Rücksprache mit einem Zentrum angepasst werden (Empfehlungsgrad A).

Medikamentöse Therapie (Chelatbildner)

WirkstoffStandarddosisApplikationHäufige Nebenwirkungen
Deferoxamin (DFO)40-60 mg/kg/ds.c. / i.v. (über 12h, 7 Tage/Woche)Lokalreaktionen, Hör-/Sehstörungen, Wachstumsstörung bei Kindern < 3 J.
Deferasirox (DSX)14-28 mg/kg/dOral (1x täglich)Gastrointestinal, Nephrotoxizität (Kreatinin ↑), Transaminasen ↑
Deferipron (DFP)75-100 mg/kg/dOral (3x täglich)Gastrointestinal, Arthralgie, schwere Neutropenie/Agranulozytose

Hinweis: DFP erfordert im ersten Jahr wöchentliche Blutbildkontrollen. DSX erfordert regelmäßige Kontrollen der Nierenfunktion (Kreatinin, Cystatin C, Urin).

Intensivierte Eiseneliminationstherapie

Eine intensivierte Therapie (z.B. kontinuierliche i.v. DFO-Gabe oder Kombinationstherapien) wird bei folgenden Indikationen empfohlen (Empfehlungsgrad B):

IndikationsartKriterien
Absolute Indikation- Kardiale MRT-T2*-Werte < 10 ms<br>- Neu auftretende Herzrhythmusstörungen oder Herzinsuffizienz
Relative Indikation- Lebereisenkonzentration über Risikoschwellenwert<br>- Gestörte Glukosetoleranz / Diabetes mellitus<br>- Vorbehandlung vor Stammzelltransplantation (SZT) bei starker Überladung

Aderlasstherapie

Voraussetzung für einen Aderlass ist ein ausreichend hoher Hämoglobingehalt (Empfehlungsgrad B). Indiziert z.B. nach Stammzelltransplantation oder bei bestimmten kongenitalen dyserythropoetischen Anämien (CDA). Ziel ist eine Lebereisenkonzentration unterhalb der Chelattherapie-Indikationsgrenze.

Spezielle Krankheitsbilder

  • Thalassaemia major: Primärtherapie < 2 Jahre: DFO. 2-6 Jahre: DFO oder DSX. > 6 Jahre: DSX oder DFO.
  • Sichelzellkrankheit: Primärtherapie > 2 Jahre: DFO oder DSX. Ferritin ist hier oft krisenbedingt erhöht, daher ist die MRT-Lebereisenmessung besonders wichtig.
  • Diamond-Blackfan-Anämie (DBA): Primärtherapie < 2 Jahre: DFO. > 2 Jahre: DSX oder DFO.
  • Stammzell- und Gentherapie: Eisenüberladung verschlechtert die Prognose (VOD-Risiko, Infektionen). Ziel vor und nach SZT/Gentherapie: Kardio-T2* > 20 ms, LIC < 5 mg/g Trockengewicht.

💡Praxis-Tipp

Verlassen Sie sich zur Beurteilung des Körpereisengehaltes niemals auf einen einzelnen Serumferritinwert, da dieser als Akut-Phase-Protein stark schwanken kann. Nutzen Sie regelmäßige MRT-Messungen (T2*/R2*) zur Bestimmung des Leber- und Herzeisens, um die Chelattherapie sicher zu steuern.

Häufig gestellte Fragen

Die Therapie ist indiziert, wenn das Serumferritin wiederholt > 1000 µg/l liegt oder der Lebereisengehalt den Grenzwert erreicht. Dies ist meist nach 10-15 Transfusionen der Fall.
Eine T2*-Relaxationszeit von < 10 ms im Kardio-MRT ist ein hochsignifikanter Prädiktor für Herzinsuffizienz und Arrhythmien und stellt eine absolute Indikation für eine intensivierte Therapie dar.
Zur Verfügung stehen Deferoxamin (s.c./i.v.), Deferasirox (oral) und Deferipron (oral). Die Auswahl richtet sich nach Alter, Grunderkrankung und Verträglichkeit.
Die klinisch bedeutendste Nebenwirkung ist die schwere Neutropenie bis hin zur Agranulozytose. Wöchentliche Blutbildkontrollen im ersten Behandlungsjahr sind zwingend erforderlich.
Ja, sofern ein ausreichend hoher Hämoglobingehalt vorliegt. Dies ist häufig nach einer erfolgreichen Stammzelltransplantation oder bei bestimmten nicht-transfusionsabhängigen Anämien der Fall.

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