Asbest-Berufskrankheiten: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Begutachtung umfasst Asbestose, benigne Pleuraerkrankungen (BK 4103), Lungen-, Kehlkopf-, Eierstockkrebs (BK 4104/4114) und Mesotheliome (BK 4105).
- •Für die Anerkennung der BK 4104 ohne Brückenbefunde gilt ein Dosisgrenzwert von 25 Faserjahren.
- •Goldstandard der bildgebenden Diagnostik ist das Low-Dose-Volumen-HRCT (1 mm Schichtdicke).
- •Charakteristische Lungenfunktionsstörungen bei Asbestose sind Restriktion und Gasaustauschstörungen.
- •Das Ovarialkarzinom wurde 2017 als neue asbestbedingte Berufskrankheit (BK 4104) aufgenommen.
Hintergrund
Durch Asbestfaserstaub verursachte Erkrankungen treten aufgrund langer Latenzzeiten auch Jahrzehnte nach dem Asbestverbot (1993) häufig auf. Die Berufskrankheitenverordnung (BKV) listet vier relevante asbestbedingte Berufskrankheiten (BK):
| BK-Nr. | Erkrankung | Voraussetzungen |
|---|---|---|
| 4103 | Asbestose, benigne Pleuraerkrankungen | Asbeststaub-Exposition |
| 4104 | Lungen-, Kehlkopf-, Eierstockkrebs | Asbestose, Pleuraerkrankung oder ≥ 25 Faserjahre |
| 4105 | Mesotheliom (Pleura, Peritoneum, Perikard) | Durch Asbest verursacht |
| 4114 | Lungenkrebs | Zusammenwirken von Asbest und PAK (Verursachungswahrscheinlichkeit ≥ 50%) |
Asbestose und benigne Pleuraveränderungen (BK 4103)
Die Asbestose ist eine nicht granulomatöse Lungenfibrose. Klinische Symptome sind Reizhusten, Kurzatmigkeit (besonders bei Belastung) und Brustenge. Auskultatorisch zeigt sich oft ein feines Knisterrasseln.
Zu den benignen Pleuraveränderungen zählen:
- Pleuraplaques
- Diffuse Pleurafibrose
- Asbestpleuritis und Pleuraerguss
- Hyalinosis complicata (schwartige Folgezustände)
- Rundatelektasen
Lungenfunktion
Zur Objektivierung von Funktionseinschränkungen werden Spirometrie, Bodyplethysmographie und die Bestimmung der Diffusionskapazität (DLCO) eingesetzt.
| Erkrankung | Typische Lungenfunktionsstörung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Asbestose | Restriktion und Gasaustauschstörung | Verminderte FVC, TLC und DLCO. Isolierte Obstruktion ist ungewöhnlich. |
| Pleuraplaques | Meist gut erhalten | Auf Gruppenbasis teils gering verminderte FVC und FEV1 (ca. 4-5%). |
| Diffuse Pleuraverdickung | Restriktion und Obstruktion | Stärkere Effekte auf Atemmechanik und Gasaustausch als bei Plaques. |
Radiologische Diagnostik
Die Basisuntersuchung ist das konventionelle Röntgen-Thorax (ILO-Klassifikation). Bei Verdacht auf asbestbedingte Veränderungen ist ein Low-Dose-Volumen-HRCT (1 mm Schichtdicke, ICOERD-Klassifikation) obligatorisch, da Röntgenaufnahmen eine hohe Fehlerquote aufweisen.
| Befund | Kriterium im HRCT (BK 4103) |
|---|---|
| Pleuraplaques | Dicke ≥ 3 mm und/oder Ausdehnung ≥ 2 cm (parietal/viszeral) |
| Diffuse Pleuraverdickung | Dicke ≥ 3 mm im Bereich beider Mittel-/Unterfelder |
| Lungenparenchym | Irreguläre/lineare Schatten intra-/interlobulär (≥ 2 Unterfelder) |
Wichtig: Das gleichzeitige Vorhandensein von Pleuraplaques macht die Diagnose asbestbedingter Lungenparenchymveränderungen hinreichend wahrscheinlich.
Asbestbedingte Krebserkrankungen
Lungen- und Kehlkopfkrebs (BK 4104/4114)
Asbest und Zigarettenrauchen wirken multiplikativ auf das Lungenkrebsrisiko. Für die Anerkennung als BK 4104 ist ein Dosisgrenzwert von 25 Faserjahren erforderlich, sofern keine "Brückenbefunde" (wie eine Asbestose oder benigne Pleuraveränderungen) vorliegen.
Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom)
Seit 2017 ist das Ovarialkarzinom in die BK 4104 aufgenommen. Epidemiologische Daten zeigen ein 2,25-fach erhöhtes Risiko für die Sterblichkeit an einem Ovarialkarzinom bei beruflicher Asbestexposition (analog zum Lungenkrebsrisiko).
Mesotheliom (BK 4105)
Das maligne Mesotheliom geht meist vom Rippenfell aus. Initialbefund ist oft ein persistierender Pleuraerguss. Die Latenzzeit ist lang, die Früherkennung durch bildgebende Verfahren gelingt bislang kaum.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei Verdacht auf asbestbedingte Pleura- oder Parenchymveränderungen stets ein Low-Dose-Volumen-HRCT (1 mm Schichtdicke), da konventionelle Röntgenaufnahmen eine hohe Fehlerquote von 20-50 % aufweisen.