Strukturqualität Nierenersatztherapie (NET): S1-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Intermittierende und kontinuierliche NET erfordern eine 24/7-Rufbereitschaft (ärztlich und pflegerisch) mit 30 Minuten Reaktionszeit.
- •Für die Online-Hämodiafiltration gelten strenge Reinstwasser-Grenzwerte (Keimzahl <0,1 KBE/ml, Endotoxin <0,03 IU/ml).
- •Intensivmedizinische Fachgesellschaften (DIVI, DGAI, DGIIN) widersprechen starren Dosisvorgaben und dem alleinigen Indikationsrecht durch Nephrologen auf der ITS.
- •Bei Peritonealdialyse (PD) im Krankenhaus müssen Materialien für beide in Deutschland gängigen Systeme vorgehalten werden.
Hintergrund
Die Nierenersatztherapie (NET) im Krankenhaus umfasst intermittierende, kontinuierliche und peritoneale Verfahren. Die Leitlinie definiert strukturelle, technische und personelle Mindeststandards. Wichtig: Es gibt einen dokumentierten Konsens-Konflikt: Während die nephrologischen Gesellschaften (DGfN, VLKN, DN) die Indikationsstellung und Überwachung primär bei Nephrologen sehen, betonen intensivmedizinische Gesellschaften (DIVI, DGAI, DGIIN), dass Organersatzverfahren Kerngebiet der Intensivmedizin sind und lehnen starre Dosisvorgaben für kritisch Kranke ab.
Intermittierende Nierenersatztherapie (iHD, iHF, iHDF)
Diese Verfahren sind auf eine Behandlungszeit von maximal 6 Stunden angelegt. Verlängerte Verfahren (PIRRT, SLED) dauern >6 Stunden, aber <24 Stunden.
| Verfahren | Eliminationsprinzip | Blutflussrate | Dialysatflussrate |
|---|---|---|---|
| iHD | Diffusion (>95%) | ≥ 250 ml/min | ≥ Blutflussrate |
| iHF | Konvektion (ausschließlich) | ≥ 250 ml/min | Kein Dialysat |
| iHDF | Diffusion + Konvektion | ≥ 250 ml/min | ≥ Blutflussrate |
| PIRRT / SLED | Hybrid (verlängert) | ≥ 200 ml/min | ≥ 100 ml/min |
Anforderungen an Reinstwasser und Dialysierflüssigkeit: Die Wasseraufbereitung muss strenge Kriterien erfüllen (Umkehrosmose, Ringleitung max. 250 m, keine Zwischentanks).
| Wasserqualität | Max. Keimzahl | Max. Endotoxingehalt |
|---|---|---|
| Standard-Reinwasser | 100 KBE/ml | 0,25 IU/ml |
| Online-HDF / Online-HF | 0,1 KBE/ml | 0,03 IU/ml |
Kontinuierliche Nierenersatztherapie (CRRT)
CRRT-Verfahren (CVVHD, CVVHF, CVVHDF, SCUF) sind auf mindestens 24 Stunden angelegt.
- Blutfluss: In der Regel 100–150 ml/min (Geräte müssen 50–300 ml/min stufenlos ermöglichen).
- Dialysatfluss (CVVHD/CVVHDF): Üblicherweise 20–35 ml/min.
- Filtrationsrate (CVVHF/CVVHDF): Angestrebt werden 25 ml/kg/h.
Räumlich darf die CRRT nur auf Stationen mit kontinuierlichem hämodynamischem Monitoring durchgeführt werden. Es müssen mindestens zwei zugelassene Geräte vorgehalten werden.
Peritonealdialyse (PD) im Krankenhaus
Da in Deutschland zwei nicht kompatible PD-Systeme (Baxter und Fresenius) existieren, müssen Krankenhäuser, die PD-Patienten behandeln, Materialien für beide Systeme vorhalten.
- Mindestens 3 unterschiedliche Glukose-Konzentrationen vorrätig.
- Mindestens 2 steril verpackte PD-Katheter vorrätig.
- IT-Struktur zum Auslesen/Programmieren der Chipkarten für mindestens ein System.
Personelle und organisatorische Anforderungen
Für alle extrakorporalen Verfahren (intermittierend und kontinuierlich) gilt:
- 24/7-Rufbereitschaft (ärztlich und pflegerisch) mit einer Einsatzbereitschaft innerhalb von 30 Minuten.
- Nachweis ausreichender Erfahrung mit Antikoagulation (Heparin, Citrat).
| Berufsgruppe | Qualifikationsanforderung (laut DGfN) |
|---|---|
| Ärzte (CRRT-Verantwortung) | Nephrologe ODER Intensivmediziner mit >500 CRRT-Fällen & >100 Katheteranlagen |
| Ärzte (CRRT-Überwachung) | >150 iHD-Verfahren ODER >50 CRRT-Behandlungstage |
| Pflege (iHD/CRRT) | >100 Behandlungen/Jahr mit dem jeweiligen Verfahren |
| Ärzte (PD-Verordnung) | >10 PD-Patienten/Jahr UND >20 PD-Verordnungen/Jahr |
(Hinweis: DIVI, DGAI und DGIIN widersprechen diesen starren Fallzahl-Vorgaben für die Intensivmedizin).
💡Praxis-Tipp
Stellen Sie bei der Aufnahme von Peritonealdialyse-Patienten sofort sicher, welches der beiden inkompatiblen Systeme (Baxter oder Fresenius) der Patient nutzt, um rechtzeitig die passenden Überleitungsstücke und Cycler-Kartenlesegeräte bereitzustellen.