Anästhesie bei Verbrennungen: Management und Therapie
Hintergrund
Die anästhesiologische Betreuung von Personen mit schweren Verbrennungen (ab 20 % der Körperoberfläche) ist aufgrund komplexer pathophysiologischer Veränderungen herausfordernd. Die StatPearls-Leitlinie beschreibt zwei Hauptphasen der systemischen Reaktion: die initiale Verbrennungsschock-Phase und die darauffolgende hypermetabole Phase.
In den ersten 24 bis 48 Stunden kommt es zu einem distributiven Schock mit vermindertem Herzzeitvolumen und massiven intravasalen Volumenverlusten. Nach 48 bis 72 Stunden geht dieser Zustand in eine hypermetabole Phase mit erhöhtem Sauerstoffverbrauch und gesteigertem Herzzeitvolumen über.
Zusätzliche Herausforderungen entstehen durch direkte Gewebeschäden, die das Atemwegsmanagement, die hämodynamische Überwachung und den Gefäßzugang erschweren. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist laut Leitlinie essenziell, um die perioperative Morbidität und Mortalität zu senken.
Empfehlungen
Die StatPearls-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für das perioperative Management:
Diagnostik und Evaluation
Zur Einschätzung des Flüssigkeitsbedarfs wird die Berechnung der betroffenen Körperoberfläche (TBSA) empfohlen. Dabei werden laut Leitlinie ausschließlich zweit- und drittgradige Verbrennungen berücksichtigt.
Bei Verdacht auf eine Kohlenmonoxidvergiftung wird eine laborchemische Bestimmung des Carboxyhämoglobins empfohlen, da die Pulsoxymetrie unzuverlässig ist. Ab einem Carboxyhämoglobin-Wert von über 20 % sollte eine Intubation und mechanische Beatmung erwogen werden.
Atemwegsmanagement und Beatmung
Bei supraglottischen Inhalationstraumata und drohender Atemwegsobstruktion empfiehlt die Leitlinie ein frühzeitiges Atemwegsmanagement.
Für die Intubation bei supraglottischen Schwellungen wird folgendes Vorgehen empfohlen:
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Bevorzugung einer fiberoptischen Intubation
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Verwendung von topischen Lokalanästhetika
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Einsatz von Ketamin zur Sedierung, da es den Pharynxtonsus erhält
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Vermeidung von Propofol und Muskelrelaxanzien, um eine weitere Atemwegsobstruktion zu verhindern
Bei subglottischen Verletzungen wird eine lungenprotektive Beatmung mit niedrigen Tidalvolumina (4 bis 6 mL/kg) und titriertem PEEP empfohlen, um Barotraumata zu vermeiden.
Flüssigkeitstherapie und Monitoring
Bei Verbrennungen von über 15 % der Körperoberfläche wird eine aggressive Flüssigkeitstherapie empfohlen, die innerhalb von zwei Stunden nach dem Trauma beginnen sollte. Als Standardkristalloid wird Ringer-Laktat bevorzugt, um eine hyperchlorämische Azidose zu vermeiden.
Die Leitlinie empfiehlt die Steuerung der Flüssigkeitstherapie anhand objektiver Parameter, um ein Überwässerungssyndrom (Fluid Creep) zu verhindern:
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Urinausscheidung (Zielwert laut Quelltext: 0,1 bis 0,5 mL/kg/h)
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Fraktionelle Natriumausscheidung (Werte unter 1 % deuten auf Hypovolämie hin)
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BUN-Kreatinin-Quotient (Werte über 20 deuten auf Hypovolämie hin)
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Echokardiografische Beurteilung von Schlagvolumen und Ejektionsfraktion
Wärmeerhalt
Aufgrund des hohen Risikos für Hypothermie wird ein konsequentes Temperaturmanagement empfohlen. Dies umfasst den Einsatz von Warmluftgebläsen, die Erwärmung von Infusionslösungen sowie die Erhöhung der Raumtemperatur im Operationssaal.
Dosierung
Die Leitlinie nennt folgende spezifische Dosierungsschemata und Berechnungsformeln:
| Therapie / Medikament | Dosierung / Zielwert | Indikation / Anmerkung |
|---|---|---|
| Rocuronium | 1,2 mg/kg | Intubation (erhöhter Bedarf durch Resistenzbildung) |
| Ringer-Laktat (Parkland-Formel) | 4 mL × kg KG × % TBSA | Flüssigkeitsbedarf für die ersten 24 Stunden |
| Sauerstoff | 100 % FiO2 | Bei Verdacht auf Kohlenmonoxidvergiftung |
| Tidalvolumen | 4 bis 6 mL/kg | Lungenprotektive Beatmung bei subglottischem Trauma |
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt folgende spezifische Warnhinweise und Kontraindikationen:
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Succinylcholin: Der Einsatz ist 24 bis 48 Stunden nach der Verbrennung aufgrund einer lebensbedrohlichen Hyperkaliämie kontraindiziert. Dies resultiert aus einer Hochregulation von Acetylcholinrezeptoren.
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Propofol und Muskelrelaxanzien: Bei supraglottischen Schwellungen wird vor Substanzen gewarnt, die den Atemwegstonus aufheben, da dies zu einem kompletten Atemwegsverschluss führen kann.
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0,9 %ige Kochsalzlösung: Von großen Mengen wird abgeraten, da dies die bei schweren Verbrennungen ohnehin bestehende metabolische Azidose verschlechtern kann.
💡Praxis-Tipp
Ein häufiger Fehler im Management schwerer Verbrennungen ist das sogenannte "Fluid Creep", bei dem es zu einer massiven Überwässerung kommt. Die Leitlinie weist darauf hin, dass bei der Berechnung der Flüssigkeitszufuhr oft die Volumina von intravenösen Medikamenten (wie Antibiotika oder Analgetika) vergessen werden. Es wird empfohlen, die Volumengabe streng an objektiven Parametern wie der Urinausscheidung zu orientieren, anstatt sich blind auf die initial berechnete Parkland-Formel zu verlassen.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie ist Succinylcholin ab 24 bis 48 Stunden nach der Verbrennung wegen der Gefahr einer lebensbedrohlichen Hyperkaliämie kontraindiziert. Es wird stattdessen Rocuronium in einer erhöhten Dosis von 1,2 mg/kg empfohlen, da bei Verbrennungen eine Resistenz gegen nicht-depolarisierende Muskelrelaxanzien entsteht.
Die Leitlinie empfiehlt die Parkland-Formel, bei der 4 mL Ringer-Laktat mit dem Körpergewicht in Kilogramm und dem Prozentsatz der verbrannten Körperoberfläche multipliziert werden. Die Hälfte dieses Volumens wird in den ersten 8 Stunden verabreicht, der Rest in den darauffolgenden 16 Stunden.
Für die Berechnung der betroffenen Körperoberfläche (TBSA) zur Flüssigkeitskalkulation werden gemäß Leitlinie ausschließlich zweit- und drittgradige Verbrennungen herangezogen. Erstgradige Verbrennungen fließen nicht in die Berechnung ein.
Bei supraglottischen Schwellungen wird eine fiberoptische Intubation unter Erhalt der Spontanatmung empfohlen. Die Leitlinie rät zum Einsatz von topischen Lokalanästhetika und Ketamin, da dieses den Pharynxtonsus aufrechterhält.
Bei einer Kohlenmonoxidvergiftung kann die herkömmliche Pulsoxymetrie nicht zwischen Oxyhämoglobin und Carboxyhämoglobin unterscheiden. Die Leitlinie empfiehlt daher die laborchemische Bestimmung des Carboxyhämoglobins zur Diagnosesicherung.
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Quelle: StatPearls: Anesthesia for Patients With Burns (StatPearls, 2026). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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