ADA 2026: Umfassende medizinische Evaluation bei Diabetes
📋Auf einen Blick
- •Eine umfassende medizinische Evaluation sollte initial, alle 3-6 Monate und jährlich erfolgen.
- •Routinemäßige Impfungen (u.a. Influenza, Pneumokokken, RSV, Hepatitis B) werden für Menschen mit Diabetes dringend empfohlen.
- •Das Screening auf Komorbiditäten wie MASLD (mittels FIB-4-Score), Knochengesundheit, kognitive Einschränkungen und sexuelle Dysfunktion ist obligatorisch.
- •Thiazolidindione und Sulfonylharnstoffe erhöhen das Frakturrisiko und sollten bei gefährdeten Patienten vermieden werden.
- •Bei MASLD und Typ-2-Diabetes werden GLP-1-Rezeptor-Agonisten (insbesondere Semaglutid) oder Pioglitazon zur Therapie empfohlen.
Hintergrund
Die erfolgreiche Behandlung des Diabetes erfordert einen personenzentrierten, kollaborativen Ansatz. Die Kommunikation sollte empathisch, nicht wertend und frei von Stigmatisierung sein. Die Behandlungsziele umfassen die Prävention von Komplikationen und die Optimierung der Lebensqualität durch ein interprofessionelles Behandlungsteam.
Umfassende medizinische Evaluation
Eine vollständige medizinische Beurteilung sollte initial, bei Follow-up-Terminen (alle 3-6 Monate) und jährlich durchgeführt werden.
| Evaluationsbereich | Initial | Jährlich | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Anamnese | Ja | Ja | Diabetesdauer, bisherige Therapien, Hypoglykämien |
| Komplikationen | Ja | Ja | Mikro-/Makrovaskulär, Zahnarztbesuche, Augenarzt |
| Körperliche Untersuchung | Ja | Ja | BMI, Blutdruck, Fußuntersuchung, Haut |
| Labor | Ja | Ja | HbA1c, Lipidprofil, Nierenfunktion (eGFR, UACR), FIB-4 |
| Psychosoziales | Ja | Ja | Screening auf Depression, Diabetes-Distress, Kognition |
Impfungen
Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für Infektionskrankheiten. Folgende Impfungen werden dringend empfohlen (Evidenzgrad A):
| Impfstoff | Indikation / Alter | Schema |
|---|---|---|
| COVID-19 | Alle ab 6 Monaten | Aktuelle Impfung + Auffrischungen |
| Hepatitis B | Erwachsene <60 Jahre | Standard-Schema |
| Influenza | Alle ab 6 Monaten | Jährlich (inaktivierter Impfstoff bevorzugt) |
| Pneumokokken | Alle Patienten mit Diabetes | PCV15/PCV20 gefolgt von PPSV23 (je nach Alter/Vorimpfung) |
| RSV | Erwachsene ≥75 Jahre (oder 60-74 mit Risiko) | Einzeldosis |
| Zoster | Erwachsene ≥50 Jahre | 2 Dosen (Shingrix) |
Autoimmunerkrankungen
- Typ-1-Diabetes: Screening auf autoimmune Schilddrüsenerkrankungen kurz nach Diagnose und im Verlauf (B).
- Zöliakie: Screening bei Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes bei gastrointestinalen Symptomen, Anämie oder Osteoporose (B).
Knochengesundheit und Frakturrisiko
Das Frakturrisiko ist bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes signifikant erhöht. Die Knochendichtemessung (DXA) sollte bei älteren Erwachsenen (≥65 Jahre) und jüngeren Patienten mit Risikofaktoren alle 2-3 Jahre erfolgen (A).
| Risikofaktoren für DXA-Screening |
|---|
| Alter ≥65 Jahre |
| Diabetesdauer >10 Jahre |
| Häufige Hypoglykämien oder Stürze |
| Medikation: Insulin, Thiazolidindione, Sulfonylharnstoffe |
| Vorliegen von Neuropathie, Retinopathie oder Nephropathie |
Einfluss von Antidiabetika auf den Knochen:
- Vermeiden: Thiazolidindione und Sulfonylharnstoffe bei hohem Frakturrisiko (B).
- Bevorzugen: Medikamente mit geringem Hypoglykämierisiko zur Sturzprävention (B). Metformin, DPP-4-Inhibitoren und GLP-1-RA gelten als knochensicher.
Kognitive Einschränkungen und Demenz
Diabetes erhöht das Risiko für alle Demenzformen. Bei Vorliegen einer kognitiven Einschränkung muss die Diabetestherapie so weit wie möglich vereinfacht werden, um das Hypoglykämierisiko zu minimieren (B). Eine strikte Blutzuckereinstellung verbessert die Kognition nicht und kann bei Demenz gefährlich sein.
Sexuelle Gesundheit
- Männer: Screening auf erektile Dysfunktion (ED) und Libidoverlust, besonders bei hohem kardiovaskulärem Risiko oder Neuropathie (B). Bei Verdacht auf Hypogonadismus morgendliches Gesamttestosteron bestimmen (B).
- Frauen: Screening auf sexuelle Dysfunktion (Verlangen, Erregung, Orgasmus) und genitourinäres Menopausensyndrom (vaginale Trockenheit, Dyspareunie) (B).
MASLD und MASH (Lebererkrankungen)
Die metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD) betrifft bis zu 70% der Patienten mit Typ-2-Diabetes.
Diagnostik-Stufenschema
| Stufe | Maßnahme | Interpretation / Konsequenz |
|---|---|---|
| 1. Basis-Screening | FIB-4-Score berechnen (Alter, AST, ALT, Thrombozyten) | Bei <1.3: Geringes Risiko. Bei ≥1.3: Weiter zu Stufe 2 (B). |
| 2. Risikostratifizierung | Transiente Elastographie (LSM) oder ELF-Test | LSM <8.0 kPa: Geringes Risiko. LSM ≥8.0 kPa: Hohes Risiko (B). |
| 3. Spezialist | Überweisung an Hepatologen/Gastroenterologen | Bei hohem Risiko für signifikante Fibrose (≥F2) (B). |
Therapie der MASLD/MASH
- Lebensstil: Gewichtsverlust (mindestens 5%, idealerweise ≥10%) durch strukturierte Ernährung und Bewegung (B).
- Pharmakotherapie:
- GLP-1-RA (z.B. Semaglutid) werden zur Gewichtsreduktion und bei bioptisch gesicherter MASH oder hohem Fibroserisiko bevorzugt (A).
- Pioglitazon kann ebenfalls zur Blutzuckersenkung bei MASH erwogen werden (B).
- Kombinationstherapien (Pioglitazon + GLP-1-RA) sind möglich (B).
- Metabolische Chirurgie: Kann bei geeigneten Kandidaten mit Adipositas zur Behandlung der MASH erwogen werden (B).
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie den FIB-4-Score zur initialen Risikostratifizierung bei allen Patienten mit Typ-2-Diabetes, um eine metabolische Dysfunktion-assoziierte Steatohepatitis (MASH) frühzeitig zu erkennen, noch bevor die Leberenzyme ansteigen.