Wohnverhältnisse und Gesundheit: WHO-Leitlinie 2018
📋Auf einen Blick
- •Strategien zur Prävention und Reduzierung von Überbelegung (Crowding) werden stark empfohlen.
- •Eine sichere Raumtemperatur von mindestens 18 °C wird für gemäßigte und kalte Klimazonen stark empfohlen.
- •Die Installation und Nachrüstung von Wärmedämmung wird in kalten Klimazonen bedingt empfohlen.
- •Überbelegung ist mit einem signifikant erhöhten Risiko für Tuberkulose und Gastroenteritis assoziiert.
Hintergrund
Die Qualität der Wohnverhältnisse hat erhebliche Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit. In einkommensstarken Ländern verbringen Menschen etwa 70 % ihrer Zeit in Innenräumen. Demografische Veränderungen (wie die Alterung der Bevölkerung) und der Klimawandel machen sicheres Wohnen zunehmend zu einer Priorität für die öffentliche Gesundheit.
Schlechte Wohnbedingungen tragen weltweit zur Krankheitslast bei. So sind beispielsweise unzureichende Wasser- und Sanitärversorgung, Luftverschmutzung in Innenräumen, strukturelle Mängel sowie unzureichender Schutz vor extremen Temperaturen mit Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionen und Verletzungen assoziiert.
Empfehlungen im Überblick
Die WHO formuliert basierend auf systematischen Übersichtsarbeiten folgende Kernempfehlungen:
| Bereich | Empfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Überbelegung | Strategien zur Prävention und Reduzierung von Überbelegung sollten entwickelt und implementiert werden. | Stark |
| Raumtemperatur | Die Innentemperatur sollte hoch genug sein, um vor gesundheitlichen Schäden durch Kälte zu schützen (vorgeschlagen: 18 °C). | Stark |
| Wärmedämmung | In Klimazonen mit kalter Jahreszeit sollte effiziente und sichere Wärmedämmung in Neu- und Altbauten installiert werden. | Bedingt |
Überbelegung (Household Crowding)
Überbelegung entsteht, wenn die Anzahl der Bewohner die Kapazität des verfügbaren Wohnraums übersteigt. Dies führt zu negativen physischen und psychischen Gesundheitsfolgen und ist oft ein Indikator für Armut.
Gesundheitliche Risiken der Überbelegung:
- Tuberkulose (TB): Hohe Evidenz für ein erhöhtes Risiko.
- Gastroenteritis und Durchfallerkrankungen: Hohe Evidenz für ein erhöhtes Risiko.
- Atemwegsinfektionen (außer TB): Moderate bis hohe Evidenz.
- Psychische Gesundheit: Moderate bis niedrige Evidenz für vermehrten Stress und psychische Probleme.
Es gibt verschiedene Messinstrumente zur Erfassung von Überbelegung, die je nach Kontext angewendet werden können:
| Messinstrument | Definition von Überbelegung |
|---|---|
| UN-Habitat | Mehr als 3 Personen pro bewohnbarem Raum. |
| American Crowding Index | Mehr als 1 Person pro Raum (schwere Überbelegung: >1,5 Personen). |
| Eurostat | Fehlende Mindestanzahl an Räumen (z. B. 1 Raum pro Paar/Erwachsenem). |
Niedrige Innentemperaturen und Wärmedämmung
Kalte Raumluft kann die Lunge reizen, die Durchblutung hemmen und das Risiko für Atemwegserkrankungen (wie Asthma oder COPD) sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen (wie ischämische Herzkrankheit oder Schlaganfall) erhöhen.
Kernaussagen zu Kälte und Dämmung:
- Für Länder mit gemäßigtem oder kaltem Klima wird eine Innentemperatur von 18 °C als sichere und ausgewogene Temperatur zum Schutz der Allgemeinbevölkerung vorgeschlagen.
- Kalte Wohnungen tragen signifikant zur Übersterblichkeit und Morbidität im Winter bei, insbesondere bei älteren Menschen und Kindern.
- Die Nachrüstung von Wärmedämmung (Weatherization) reduziert den Wärmeverlust, verbessert die thermische Behaglichkeit und kann die gesundheitlichen Auswirkungen kalter Wohnverhältnisse abmildern.
💡Praxis-Tipp
Erfragen Sie bei Patienten mit rezidivierenden Atemwegsinfekten oder Tuberkulose gezielt die Wohnverhältnisse (Überbelegung, unzureichende Heizung) und ziehen Sie bei Bedarf den Sozialdienst hinzu.