Gewalt gegen Frauen (RESPECT): WHO-Leitlinie 2025
📋Auf einen Blick
- •Weltweit sind fast 30 % der Frauen von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen.
- •55 bis 95 % der Überlebenden suchen keine Hilfe oder Unterstützung auf.
- •Die WHO definiert 7 evidenzbasierte Präventionsstrategien im RESPECT-Rahmenwerk.
- •Risiko- und Schutzfaktoren müssen auf individueller, interpersoneller, kommunaler und gesellschaftlicher Ebene adressiert werden.
- •Humanitäre Krisen verschärfen bestehende Gewalt und erfordern spezifische Schutzmaßnahmen.
Hintergrund
Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem der öffentlichen Gesundheit, eine Menschenrechtsverletzung und ein Hindernis für nachhaltige Entwicklung. Weltweit haben fast 30 % der Frauen körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch einen Intimpartner oder sexuelle Gewalt durch andere Täter erfahren.
- 25 % der Frauen (ab 15 Jahren) mit Partnererfahrung erlebten in ihrem Leben Gewalt durch diesen.
- Fast 30 % der weiblichen Mordopfer werden durch einen Intimpartner getötet.
- 55-95 % der Überlebenden suchen keine Hilfe auf.
Besonders gefährdet sind heranwachsende Mädchen, Frauen mit Behinderungen, Transfrauen sowie Frauen mit HIV oder aus Minderheiten. Zunehmend verlagert sich die Gewalt auch in den digitalen Raum (technologiegestützte geschlechtsspezifische Gewalt).
Risiko- und Schutzfaktoren
Die Leitlinie unterteilt die Faktoren, die Gewalt begünstigen oder verhindern, in vier ökologische Ebenen:
| Ebene | Risikofaktoren | Schutzfaktoren |
|---|---|---|
| Individuell | Gewalterfahrung in der Kindheit, geringe Bildung, Alkohol-/Drogenabusus, psychische Erkrankungen | Sekundarbildung für Frauen und Männer, geschlechtergerechte Einstellungen |
| Interpersonell | Männliche Kontrolle, Ungleichheit in der Beziehung, multiple Sexualpartner des Mannes | Geteilte Entscheidungsfindung, gewaltfreie Familienverhältnisse |
| Kommunal | Armut, hohe Kriminalität, Verfügbarkeit von Waffen/Alkohol | Normen für Gewaltfreiheit, Förderung positiver Männlichkeit |
| Gesellschaftlich | Diskriminierende Gesetze, fehlende Strafverfolgung, Geschlechterdiskriminierung in Institutionen | Gesetze zur Gleichstellung, Frauenförderung im Beruf |
Die 7 RESPECT-Strategien
Das Akronym RESPECT steht für sieben evidenzbasierte Handlungsfelder zur Prävention von Gewalt gegen Frauen. Die Maßnahmen weisen unterschiedliche Evidenzgrade auf (hier fokussiert auf hohe Evidenz):
| Buchstabe | Strategie | Maßnahmen mit hoher Evidenz |
|---|---|---|
| R | Relationship skills strengthened | Gruppenworkshops für Frauen und Männer zur Förderung egalitärer Beziehungen |
| E | Environments made safe | Schulweite Präventionsprogramme |
| S | Services ensured | Überlebendenzentrierte Dienste, psychologische Unterstützung, Advocacy für Überlebende |
| P | Poverty reduced | Wirtschaftliche Transfers (Bargeld/Gutscheine) kombiniert mit psychosozialer Unterstützung |
| E | Empowerment of women | Empowerment-Training, Mikrofinanzierung kombiniert mit Gender-Training |
| C | Child and adolescent abuse prevented | Erziehungsprogramme (Parenting interventions) |
| T | Transformed attitudes, beliefs, norms | Community-Mobilisierung, Gruppenbildung mit Männern und Jungen |
Humanitäre Krisen
In Konflikt- und Katastrophensituationen treten zusätzliche Risiken auf, wie der Zusammenbruch der Rechtsstaatlichkeit, systematische Vergewaltigungen, erzwungene Ehen und eine Zunahme von kontrollierendem Verhalten.
Spezifische Schutzmaßnahmen in Krisen:
- Verbesserung der Lagersicherheit und Zugang zu humanitärer Hilfe für Frauen.
- Integration von Mindeststandards für Überlebende in die Notfallplanung.
- Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und Beendigung der Straflosigkeit.
- Priorisierung der Prävention von sexueller Ausbeutung und Missbrauch (PSEA).
Leitprinzipien für die Praxis
- Sicherheit zuerst: Do-no-harm-Prinzip anwenden und Vertraulichkeit wahren, um Backlash durch Familie oder Gemeinde zu vermeiden.
- Intersektionalität: Mehrfachdiskriminierung (Alter, Ethnie, Behinderung, sexuelle Orientierung) zwingend berücksichtigen.
- Multisektoraler Ansatz: Koordination zwischen Gesundheits-, Justiz- und Sozialsektor fördern.
- Lebenslauf-Ansatz: Frühzeitige Interventionen bei Kindern und Jugendlichen implementieren.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie im klinischen Alltag proaktiv auf indirekte Zeichen von Gewalt, da bis zu 95 % der Betroffenen nicht von sich aus Hilfe suchen. Bieten Sie eine überlebendenzentrierte, absolut vertrauliche Umgebung und vernetzen Sie sich mit lokalen Hilfsangeboten.