Häusliche Gewalt & Partnergewalt: Leitlinie (RACGP)
📋Auf einen Blick
- •Ein routinemäßiges Screening auf Partnergewalt wird nicht für alle Patienten empfohlen.
- •Schwangere Frauen sollten hingegen routinemäßig auf häusliche Gewalt gescreent werden.
- •Bei klinischen Warnzeichen (z.B. Depression, Angst, chronische Schmerzen) muss gezielt nach Gewalt gefragt werden.
- •Die Erstversorgung bei Offenlegung sollte nach dem LIVES-Ansatz (Zuhören, Fragen, Validieren, Sicherheit, Unterstützung) erfolgen.
Hintergrund
Häusliche Gewalt und Partnergewalt (Intimate Partner Abuse and Violence, IPAV) sind ein häufiges, oft verborgenes Gesundheitsproblem. Weltweit erfährt eine von drei Frauen im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Partner. Die aktuelle RACGP-Leitlinie (White Book) bietet Hausärzten und medizinischem Fachpersonal evidenzbasierte Empfehlungen zur Identifikation und Erstversorgung von betroffenen Patienten.
Formen der Gewalt
Gewalt in der Partnerschaft geht weit über rein physische Übergriffe hinaus und zielt oft auf Macht und Kontrolle ab.
| Gewalttyp | Beispiele und Merkmale |
|---|---|
| Körperlich | Schlagen, Treten, Würgen, Waffengebrauch |
| Emotional | Einschüchterung, ständige Herabwürdigung, Belästigung |
| Sexuell | Erzwungener Geschlechtsverkehr, sexuelle oder reproduktive Nötigung |
| Zwangskontrolle (Coercive Control) | Isolation von Familie/Freunden, Überwachung, finanzielle Kontrolle, Drohungen |
Screening und Identifikation
Die Leitlinie gibt klare Vorgaben, wann ein Screening auf häusliche Gewalt im klinischen Alltag angebracht ist:
- Starke Empfehlung: Fragen Sie alle Patienten, die klinische Indikatoren (z. B. Depressionen, Angstzustände) aufweisen, nach möglichen Erfahrungen mit IPAV.
- Starke Empfehlung: Führen Sie ein routinemäßiges Screening auf IPAV bei allen schwangeren Frauen durch, die eine Praxis oder Klinik aufsuchen.
- Starke Empfehlung gegen die Maßnahme: Es wird nicht empfohlen, alle Patienten routinemäßig auf IPAV zu screenen.
Klinische Warnzeichen
Patienten berichten oft nicht spontan von Gewalterfahrungen. Medizinisches Personal sollte bei folgenden Symptomen hellhörig werden:
| Kategorie | Symptome und Indikatoren |
|---|---|
| Körperlich | Offensichtliche Verletzungen, chronische Becken- oder Bauchschmerzen, chronische Kopfschmerzen, unerklärliche Müdigkeit |
| Psychologisch | Depressionen, Angstzustände, Panikstörungen, PTBS, Suizidgedanken, Substanzmissbrauch |
| Verhalten | Verzögerte Behandlungssuche, inkonsistente Erklärungen für Verletzungen, übermäßig aufmerksamer Partner |
| Schwangerschaft | Suboptimale Gewichtszunahme, Frühgeburt, Niereninfektionen, späte Inanspruchnahme der Schwangerschaftsvorsorge |
Erstversorgung und Management
Die Erstversorgung von Patienten, die IPAV offenlegen, sollte strukturiert erfolgen. Die Leitlinie empfiehlt hierfür den LIVES-Ansatz (Praktischer Punkt):
- Listen (Zuhören ohne zu urteilen)
- Inquire (Nach Bedürfnissen und Sorgen fragen)
- Validate (Die Offenlegung validieren und bestätigen)
- Enhance safety (Sicherheit erhöhen und Risiken abschätzen)
- Support (Unterstützung und Überweisungen anbieten)
Zudem wird das 8-R-Modell für Gesundheitspersonal empfohlen, um die eigene Handlungsfähigkeit zu strukturieren:
- Ready (Bereit sein, das Thema anzusprechen)
- Recognise (Symptome erkennen)
- Respond (Empathisch reagieren)
- Risk (Risiko und Sicherheit bewerten)
- Review (Follow-up planen)
- Refer (An Fachstellen überweisen)
- Reflect (Eigene Haltung reflektieren)
- Respect (Respektvoller Umgang mit dem Patienten)
💡Praxis-Tipp
Achten Sie auf subtile klinische Zeichen wie chronische Schmerzen, wiederkehrende Kopfschmerzen oder Depressionen. Sprechen Sie Schwangere routinemäßig auf häusliche Gewalt an, da Gewalt in der Schwangerschaft oft beginnt oder eskaliert.