Rezidivierende Harnwegsinfekte: Prophylaxe und Therapie
Hintergrund
Rezidivierende Harnwegsinfektionen (HWI) umfassen sowohl untere als auch obere Infektionen (akute Pyelonephritis). Sie können durch einen Rückfall mit demselben Erreger oder eine Reinfektion mit einem neuen Bakterienstamm verursacht werden.
Die Erkrankung tritt besonders häufig bei Frauen sowie bei Transmännern und nicht-binären Personen mit weiblichem Harnsystem auf. Die NICE-Leitlinie NG112 fokussiert sich auf Strategien zur Prävention dieser wiederkehrenden Infektionen.
Ziel der Empfehlungen ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und gleichzeitig den Einsatz von Antibiotika durch alternative Prophylaxe-Strategien zu reduzieren. Dazu gehören unter anderem Methenaminhippurat oder lokale Östrogene.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Prävention:
Basis- und Selbstmaßnahmen
Laut Leitlinie wird empfohlen, Betroffene über Verhaltens- und Hygienemaßnahmen aufzuklären. Zudem können Selbstpflegemaßnahmen wie D-Mannose oder Cranberry-Produkte ausprobiert werden. Es wird geraten, dabei auf den Zuckergehalt dieser Produkte zu achten.
Vaginale Östrogene
Für Personen in oder nach der Menopause wird die Anwendung von vaginalem Östrogen empfohlen, wenn Basismaßnahmen nicht ausreichen. Die Leitlinie rät ausdrücklich davon ab, systemische Hormonersatztherapien (HRT) spezifisch zur HWI-Prophylaxe einzusetzen.
Nicht-antibiotische Prophylaxe mit Methenaminhippurat
Als Alternative zur täglichen Antibiotikaprophylaxe wird Methenaminhippurat empfohlen, sofern eine aktuelle Infektion adäquat behandelt wurde. Bei der Anwendung ist Folgendes zu beachten:
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Frei verkäufliche, den Urin alkalisierende Mittel dürfen nicht gleichzeitig eingenommen werden.
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Bei Schwangeren, Kindern oder Personen mit rezidivierenden oberen HWI sollte vorab fachärztlicher Rat eingeholt werden.
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Eine Überprüfung der Therapie wird innerhalb von 6 Monaten und danach jährlich empfohlen.
Antibiotikaprophylaxe
Wenn andere Maßnahmen nicht wirksam oder ungeeignet sind, kann eine Antibiotikaprophylaxe erwogen werden. Die Leitlinie unterscheidet hierbei zwei Ansätze:
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Single-Dose-Prophylaxe: Eine Einmaldosis bei Exposition gegenüber einem bekannten Auslöser (z. B. Geschlechtsverkehr).
-
Tägliche Prophylaxe: Eine kontinuierliche Einnahme, die mindestens alle 6 Monate überprüft werden sollte.
Überweisung und fachärztliche Abklärung
Gemäß der Leitlinie wird eine Überweisung oder das Einholen von fachärztlichem Rat in bestimmten Fällen empfohlen. Dazu gehören:
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Männer sowie Transfrauen und nicht-binäre Personen mit männlichem Urogenitalsystem.
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Personen mit rezidivierenden oberen HWI oder unklarer Ursache.
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Schwangere und Kinder unter 16 Jahren.
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Personen mit Verdacht auf eine Krebserkrankung.
Dosierung
Die Leitlinie gibt folgende Dosierungsempfehlungen für die Prophylaxe. Die Auswahl sollte nach Möglichkeit auf Basis aktueller Kultur- und Resistenztests erfolgen.
Erwachsene (ab 16 Jahren)
| Wirkstoff | Indikation/Prophylaxe | Dosierung |
|---|---|---|
| Methenaminhippurat | Antiseptische Prophylaxe | 1 g zweimal täglich |
| Trimethoprim | 1. Wahl (oral) | 200 mg als Einmaldosis bei Trigger-Exposition ODER 100 mg zur Nacht |
| Nitrofurantoin | 1. Wahl (oral, eGFR ≥ 45 ml/min) | 100 mg als Einmaldosis bei Trigger-Exposition ODER 50-100 mg zur Nacht |
| Amoxicillin | 2. Wahl (oral) | 500 mg als Einmaldosis bei Trigger-Exposition ODER 250 mg zur Nacht |
| Cefalexin | 2. Wahl (oral) | 500 mg als Einmaldosis bei Trigger-Exposition ODER 125 mg zur Nacht |
Kinder und Jugendliche (unter 16 Jahren - Auswahl)
| Wirkstoff | Altersgruppe | Dosierung |
|---|---|---|
| Methenaminhippurat | 6 bis 12 Jahre | 500 mg zweimal täglich |
| Methenaminhippurat | 12 bis 15 Jahre | 1 g zweimal täglich |
| Trimethoprim | 6 Monate bis 11 Jahre | 2 mg/kg zur Nacht (max. 100 mg) ODER 25-50 mg zur Nacht |
| Nitrofurantoin | 3 Monate bis 11 Jahre | 1 mg/kg zur Nacht |
| Cefalexin | 3 Monate bis 15 Jahre | 12,5 mg/kg zur Nacht (max. 125 mg) |
Kontraindikationen
Die Leitlinie nennt spezifische Kontraindikationen und Warnhinweise für die eingesetzten Medikamente:
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Trimethoprim: Es besteht ein teratogenes Risiko im ersten Trimester der Schwangerschaft (Folsäureantagonist).
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Nitrofurantoin: Darf am Ende der Schwangerschaft nicht angewendet werden, da es eine neonatale Hämolyse auslösen kann. Zudem ist es bei einer eGFR unter 45 ml/min zu vermeiden.
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Systemische Hormonersatztherapie (HRT): Sollte nicht spezifisch zur Reduktion des Risikos rezidivierender HWI eingesetzt werden.
💡Praxis-Tipp
Ein wichtiger Praxishinweis der Leitlinie betrifft die Kombinationstherapie bei der Prophylaxe. Es wird nachdrücklich darauf hingewiesen, dass Personen unter Methenaminhippurat keine frei verkäuflichen, urinalkalisierenden Mittel (wie Kaliumcitrat-Sachets) einnehmen dürfen. Diese Präparate heben die antiseptische Wirkung des Medikaments auf und machen die Prophylaxe unwirksam.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt eine Überweisung oder fachärztliche Beratung unter anderem bei Männern, Schwangeren, Kindern unter 16 Jahren sowie bei rezidivierenden oberen HWI. Auch bei unklarer Ursache oder Verdacht auf eine Krebserkrankung sollte eine weitere Abklärung erfolgen.
Laut Leitlinie ist die Evidenz für den Nutzen von Cranberry-Produkten unsicher. Dennoch können Frauen und (nach fachärztlicher Rücksprache) Kinder diese als Selbstpflegemaßnahme ausprobieren, wobei der Zuckergehalt der Produkte berücksichtigt werden sollte.
Es wird empfohlen, eine tägliche Antibiotikaprophylaxe mindestens alle 6 Monate zu überprüfen. Bei dieser Kontrolle sollte der Erfolg bewertet und über eine Fortsetzung, Beendigung oder Änderung der Prophylaxe entschieden werden.
Als orale Antibiotika der ersten Wahl werden Trimethoprim oder Nitrofurantoin empfohlen. Die Auswahl sollte sich nach lokalen Resistenzdaten sowie vorherigen Urinkulturen und Empfindlichkeitstests richten.
Ja, die Leitlinie empfiehlt die Anwendung von vaginalem Östrogen für Personen in oder nach der Menopause, wenn Basismaßnahmen nicht ausreichen. Eine Überprüfung der Therapie sollte innerhalb von 12 Monaten erfolgen.
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Quelle: NG112: HIV testing: encouraging uptake (NICE, 2024). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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