Dekubitus-Prophylaxe & Therapie: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Risiko- und Haut-Assessments sind bei Aufnahme und klinischen Veränderungen obligatorisch.
- •Umlagerung bei Erwachsenen mit Risiko mindestens alle 6 Stunden, bei hohem Risiko alle 4 Stunden.
- •Hautmassagen zur Dekubitusprophylaxe sind explizit kontraindiziert.
- •Zur Druckentlastung sollen hochspezifizierte Schaumstoffmatratzen verwendet werden.
- •Systemische Antibiotika sind nur bei klinischer Sepsis, Phlegmone oder Osteomyelitis indiziert.
- •Gaze-Verbände (Mull) sollen bei der Dekubitusbehandlung nicht verwendet werden.
Hintergrund
Ein Dekubitus entsteht durch anhaltenden Druck, der die Durchblutung der Haut und des darunterliegenden Gewebes beeinträchtigt. Die vorliegende NICE-Leitlinie fasst evidenzbasierte Empfehlungen zur Prävention und Behandlung von Druckgeschwüren für alle Altersgruppen zusammen.
Risikoeinschätzung und Diagnostik
Jeder Patient hat ein potenzielles Dekubitusrisiko. Ein formelles Assessment muss bei Aufnahme in die stationäre Versorgung oder bei Vorliegen von Risikofaktoren (z. B. Immobilität, Sensibilitätsverlust, Mangelernährung) erfolgen.
| Altersgruppe | Empfohlene Assessment-Tools (Beispiele) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Erwachsene | Braden-Skala, Waterlow-Score, Norton-Skala | Klinisches Urteil ist stets maßgeblich |
| Kinder & Jugendliche | Braden Q-Skala | Spezifische Prädilektionsstellen (z. B. Hinterkopf) beachten |
Bei Patienten mit hohem Risiko muss ein Haut-Assessment durch geschultes Personal erfolgen. Rötungen sind mittels Fingerdruck oder Diaskopie daraufhin zu prüfen, ob sie wegdrückbar sind (Erythem) oder nicht (Hinweis auf Gewebeschaden).
Prophylaxe-Maßnahmen
Die Basis der Prävention bildet die regelmäßige Druckentlastung. Hautmassagen oder starkes Reiben zur Prophylaxe sind kontraindiziert.
Umlagerungsintervalle
| Patientengruppe | Risikostufe | Empfohlenes Intervall |
|---|---|---|
| Erwachsene | Gefährdet | Mindestens alle 6 Stunden |
| Erwachsene | Hohes Risiko | Mindestens alle 4 Stunden |
| Neugeborene & Kinder | Gefährdet | Mindestens alle 4 Stunden |
| Neugeborene & Kinder | Hohes Risiko | Häufiger als alle 4 Stunden |
Hilfsmittel zur Druckentlastung
- Erwachsene: Einsatz von hochspezifizierten Schaumstoffmatratzen bei hohem Risiko oder stationärer Aufnahme.
- Kinder: Hochspezifizierte Schaumstoffmatratzen oder -auflagen.
- Fersen: Gezielte Freilagerung der Fersen in den individuellen Pflegeplan aufnehmen.
- Rollstuhlfahrer: Hochspezifizierte Kissen zur Druckverteilung nutzen.
Wundmanagement und Therapie
Wundbeurteilung
Die Oberfläche jedes Dekubitus muss dokumentiert werden (z. B. durch Fotografie oder Folientracing). Die Tiefe und das Vorhandensein von Unterminierungen sind zu schätzen. Das Volumen eines Dekubitus soll nicht routinemäßig gemessen werden. Zur Klassifikation ist ein validiertes System (z. B. NPUAP-EPUAP) zu verwenden.
Debridement
- Bevorzugt autolytisches Debridement unter Verwendung geeigneter Verbände.
- Scharfes Debridement erwägen, wenn der autolytische Prozess zu lange dauert.
- Nicht routinemäßig empfohlen: Madentherapie (nur bei Kontraindikationen für scharfes Debridement) oder enzymatisches Debridement.
Infektionskontrolle und Verbände
| Maßnahme | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Systemische Antibiotika | Klinische Sepsis, Phlegmone (Cellulitis), Osteomyelitis | Nicht zur reinen Wundheilung oder bei bloßer bakterieller Besiedelung |
| Topische Antiseptika | Nicht routinemäßig empfohlen | - |
| Wundverbände | Dekubitus Kategorie 2, 3 und 4 | Feuchtwarmes Wundmilieu fördern. Keine Gaze-Verbände verwenden! |
Weitere Therapien
Unterdruck-Wundtherapie (NPWT) soll nicht routinemäßig eingesetzt werden, es sei denn, die Anzahl der Verbandswechsel muss reduziert werden (z. B. bei starker Exsudation). Elektrotherapie und hyperbare Sauerstofftherapie werden zur Dekubitusbehandlung nicht empfohlen.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie zur Überprüfung von Rötungen konsequent den Fingerdrucktest oder ein Diaskop. Verzichten Sie bei der Wundversorgung vollständig auf trockene Gaze-Verbände und setzen Sie stattdessen auf ein feuchtwarmes Wundmilieu.