Bluttransfusion: Leitlinie zur Indikation (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Für die meisten Patienten gilt ein restriktiver Hb-Transfusionstrigger von 70 g/l (Zielwert: 70–90 g/l).
- •Bei akutem Koronarsyndrom (ACS) wird ein höherer Schwellenwert von 80 g/l empfohlen.
- •Erythrozytenkonzentrate sollen bei nicht-blutenden Patienten als Einzelgabe transfundiert werden, gefolgt von einer klinischen Reevaluation.
- •Tranexamsäure ist bei chirurgischen Eingriffen mit einem erwarteten Blutverlust von >500 ml indiziert.
- •Prophylaktische Thrombozytengaben erfolgen bei Werten <10x10^9/l, vor invasiven Eingriffen meist bei Werten >50x10^9/l.
Hintergrund
Diese Leitlinie behandelt die Indikationsstellung und das Management von Bluttransfusionen bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern über einem Jahr. Ziel ist es, unnötige Transfusionen zu vermeiden, die Patientensicherheit zu erhöhen und den evidenzbasierten Einsatz von Blutprodukten und deren Alternativen zu fördern.
Alternativen zur Bluttransfusion bei Operationen
Vor und während chirurgischer Eingriffe sollten blutsparende Maßnahmen (Patient Blood Management) ausgeschöpft werden:
- Erythropoetin: Soll nicht routinemäßig zur Reduktion von Transfusionen angeboten werden. Ausnahmen gelten für Patienten, die Blutprodukte aus religiösen oder anderen Gründen ablehnen, oder wenn aufgrund von Antikörpern kein passendes Blut verfügbar ist.
- Eisen: Bieten Sie Patienten mit Eisenmangelanämie vor und nach der Operation orales Eisen an. Intravenöses Eisen ist zu erwägen bei Unverträglichkeit/Malabsorption von oralem Eisen, funktionellem Eisenmangel oder wenn das Zeitfenster bis zur Operation für orales Eisen zu kurz ist.
- Tranexamsäure (TXA): Bieten Sie Erwachsenen vor Operationen mit einem erwarteten Blutverlust von >500 ml TXA an. Bei Kindern ist TXA ab einem erwarteten Blutverlust von >10 % des Blutvolumens zu erwägen.
- Cell Salvage (Maschinelle Autotransfusion): Soll nicht routinemäßig ohne den Einsatz von Tranexamsäure verwendet werden. Bei sehr hohem erwartetem Blutverlust (z. B. Herzchirurgie, komplexe Gefäßchirurgie) ist intraoperatives Cell Salvage in Kombination mit TXA zu erwägen.
Erythrozytenkonzentrate (EK)
Bei der Gabe von Erythrozytenkonzentraten wird ein restriktives Vorgehen empfohlen. Für Patienten mit chronischer Anämie, die regelmäßige Transfusionen benötigen, sollten individuelle Schwellen- und Zielwerte festgelegt werden.
| Patientengruppe | Schwellenwert | Zielwert nach Transfusion |
|---|---|---|
| Standard (ohne akute Blutung / chronische Anämie) | < 70 g/l | 70–90 g/l |
| Akutes Koronarsyndrom (ACS) | < 80 g/l | 80–100 g/l |
Dosierung: Bei Erwachsenen ohne aktive Blutung ist die Einzelgabe (Single-Unit-Transfusion) zu erwägen. Nach jedem EK müssen der klinische Zustand und der Hb-Wert reevaluiert werden, bevor weitere Transfusionen erfolgen.
Thrombozytenkonzentrate (TK)
Die Indikation zur Thrombozytentransfusion richtet sich nach der Blutungsneigung, geplanten Eingriffen und der Grunderkrankung. Bei chronischem Knochenmarkversagen, Autoimmunthrombozytopenie, HIT oder TTP sollen prophylaktische TK-Gaben nicht routinemäßig erfolgen.
| Indikation | Schwellenwert |
|---|---|
| Klinisch signifikante Blutung (WHO Grad 2) | < 30 x 10^9/l |
| Schwere Blutung (WHO Grad 3/4) oder kritische Lokalisation (ZNS/Auge) | bis zu 100 x 10^9/l |
| Prophylaktisch (ohne Blutung/Eingriff) | < 10 x 10^9/l |
| Vor invasiven Eingriffen / Operationen | > 50 x 10^9/l |
| Hochrisiko-Eingriffe | 50–75 x 10^9/l |
| Eingriffe an kritischen Lokalisationen (ZNS/Auge) | > 100 x 10^9/l |
Dosierung: Routinemäßig soll nicht mehr als eine Einzeldosis Thrombozyten transfundiert werden (Ausnahme: schwere Thrombozytopenie mit Blutung an kritischer Lokalisation). Nach jeder Gabe ist eine Reevaluation (Klinik und Thrombozytenzahl) erforderlich.
Fresh Frozen Plasma (FFP) und Kryopräzipitat
FFP und Kryopräzipitat dürfen nicht zur Volumensubstitution oder bei fehlender Blutungsneigung (ohne geplanten Eingriff) eingesetzt werden. FFP ist zudem nicht zur Antagonisierung von Vitamin-K-Antagonisten indiziert.
| Präparat | Indikation | Laborparameter |
|---|---|---|
| FFP | Signifikante Blutung (ohne Massivblutung) | Abnorme Gerinnung (z. B. PT/aPTT-Ratio > 1,5) |
| Kryopräzipitat | Signifikante Blutung (ohne Massivblutung) | Fibrinogen < 1,5 g/l |
| Kryopräzipitat | Prophylaxe vor invasiven Eingriffen | Fibrinogen < 1,0 g/l |
Dosierung Kryopräzipitat: Die Erwachsenendosis beträgt 2 Pools (bei Kindern 5–10 ml/kg bis maximal 2 Pools). Auch hier gilt: Nach der Gabe klinische Reevaluation und Laborkontrolle.
Prothrombinkomplex-Konzentrat (PPSB)
PPSB ist indiziert zur sofortigen Notfall-Antagonisierung von Warfarin (Vitamin-K-Antagonisten) bei:
- Schweren Blutungen
- Schädel-Hirn-Trauma mit Verdacht auf intrazerebrale Blutung
- Notfalloperationen (in Abhängigkeit von Antikoagulationsgrad und Blutungsrisiko)
Der INR-Wert muss überwacht werden, um die ausreichende Antagonisierung zu bestätigen.
Patientensicherheit und Aufklärung
- Überwachung: Vitalparameter müssen vor, während und nach der Transfusion überwacht werden, um akute Transfusionsreaktionen frühzeitig zu erkennen.
- Identifikation: Der Einsatz elektronischer Patientenidentifikationssysteme wird empfohlen, um Verwechslungen zu vermeiden.
- Aufklärung: Patienten müssen mündlich und schriftlich über Gründe, Risiken, Nutzen und Alternativen der Transfusion aufgeklärt werden. Es muss zwingend darauf hingewiesen werden, dass sie nach einer Bluttransfusion nicht mehr als Blutspender in Frage kommen.
💡Praxis-Tipp
Transfundieren Sie bei nicht-blutenden Patienten Erythrozytenkonzentrate immer als Einzelgabe (Single-Unit-Transfusion). Kontrollieren Sie danach zwingend den klinischen Zustand und den Hb-Wert, bevor Sie ein weiteres Konzentrat anordnen.