Sichelzellkrise: Leitlinie zur Schmerztherapie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Eine akute Sichelzellkrise ist als medizinischer Notfall zu behandeln.
- •Analgetika müssen zwingend innerhalb von 30 Minuten nach Vorstellung verabreicht werden.
- •Bei starken Schmerzen ist ein starkes Opioid als Bolus indiziert; Pethidin ist kontraindiziert.
- •Zusätzlich sollen Paracetamol und NSAR (außer bei Kontraindikationen) gegeben werden.
- •Pulsoximetrie kann bei dunkler Hautfarbe die Sauerstoffsättigung fälschlicherweise zu hoch anzeigen.
Hintergrund
Die Sichelzellkrankheit ist eine lebenslange, erbliche Störung der Hämoglobinbildung. Akute Schmerzkrisen (Sichelzellkrisen) entstehen durch die Blockade kleiner Blutgefäße durch veränderte rote Blutkörperchen, was zu Gewebeinfarkten führt. Auslösende Faktoren können Dehydration, Hypoxie oder Fieber sein, oft treten Krisen jedoch ohne klaren Auslöser auf.
Eine akute Sichelzellkrise ist als akuter medizinischer Notfall zu behandeln. Der Patient (oder sein Betreuer) sollte stets als Experte für seine eigene Erkrankung betrachtet werden.
Initiale Beurteilung und Monitoring
Jeder Patient muss klinisch beurteilt werden. Die Schmerzerfassung erfolgt mit einem altersgerechten Instrument. Folgende Vitalparameter sind zu überwachen:
- Blutdruck
- Sauerstoffsättigung (unter Raumluft)
- Pulsfrequenz
- Atemfrequenz
- Körpertemperatur
Fällt die Sauerstoffsättigung auf 95 % oder darunter, ist eine Sauerstofftherapie anzubieten.
Wichtiger Hinweis zur Pulsoximetrie: Pulsoximeter können die Sauerstoffsättigung über- oder unterschätzen, insbesondere bei grenzwertigen Werten. Eine Überschätzung wird häufig bei Menschen mit dunkler Hautfarbe beobachtet.
Schmerztherapie (Analgesie)
Das primäre Ziel ist eine schnelle und sichere Schmerzkontrolle. Analgetika müssen innerhalb von 30 Minuten nach Vorstellung verabreicht werden.
| Schmerzintensität | Definition (VAS) | Empfohlene Initialtherapie |
|---|---|---|
| Moderat (ohne Vortherapie) | 4 - 7 | Schwaches Opioid erwägen |
| Moderat (mit Vortherapie) | 4 - 7 | Starkes Opioid (Bolus) |
| Schwer | > 7 | Starkes Opioid (Bolus) |
Zusätzlich zur Opioid-Therapie gilt:
- Basismedikation: Allen Patienten regelmäßig Paracetamol und NSAR anbieten (sofern nicht kontraindiziert, z. B. NSAR im 3. Trimenon der Schwangerschaft vermeiden).
- Kontraindikation: Pethidin darf nicht zur Schmerzbehandlung einer Sichelzellkrise eingesetzt werden.
- Kortikosteroide: Bei einer unkomplizierten Krise nicht verwenden.
Reevaluation und Begleitmedikation
Die Wirksamkeit der Schmerzlinderung muss engmaschig überprüft werden:
- Alle 30 Minuten, bis eine zufriedenstellende Schmerzlinderung erreicht ist.
- Danach mindestens alle 4 Stunden.
Bestehen weiterhin starke Schmerzen, ist ein zweiter Bolus eines starken Opioids indiziert. Werden innerhalb von 2 Stunden wiederholte Boli benötigt, sollte eine patientenkontrollierte Analgesie (PCA) erwogen werden.
| Begleitmedikation bei Opioidgabe | Indikation / Rhythmus |
|---|---|
| Laxanzien | Regelmäßig |
| Antiemetika | Bei Bedarf |
| Antipruriginosa (gegen Juckreiz) | Bei Bedarf |
Das Monitoring von Patienten unter starken Opioiden (einschließlich Sedierungsscore) erfolgt in den ersten 6 Stunden stündlich, danach mindestens alle 4 Stunden.
Komplikationen
Während des gesamten Aufenthalts muss auf Anzeichen akuter Komplikationen geachtet werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem akuten Thoraxsyndrom, das durch folgende Symptome gekennzeichnet ist:
- Abnormale respiratorische Zeichen/Symptome
- Thoraxschmerz
- Fieber
- Hypoxie (Sättigung ≤ 95 % oder steigender Sauerstoffbedarf)
Weitere mögliche Komplikationen umfassen akuten Schlaganfall, aplastische Krisen, Infektionen, Osteomyelitis und Milzsequestration.
💡Praxis-Tipp
Verabreichen Sie die erste Analgesie zwingend innerhalb von 30 Minuten nach Eintreffen des Patienten. Verlassen Sie sich bei Patienten mit dunkler Hautfarbe nicht blind auf die Pulsoximetrie, da diese die Sauerstoffsättigung überschätzen kann.