Cannabis-basierte Medikamente: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Nabilon kann als Add-on bei therapiefraktaerer Chemotherapie-induzierter Uebelkeit bei Erwachsenen erwogen werden.
- •Cannabis-basierte Medikamente sollen Erwachsenen nicht zur Behandlung chronischer Schmerzen angeboten werden (Ausnahme: CBD in klinischen Studien).
- •Bei MS-bedingter Spastik wird ein 4-woechiger Therapieversuch mit THC:CBD-Spray empfohlen, sofern andere Therapien versagen.
- •Cannabidiol ist unter strengen Kriterien als Add-on bei schweren, therapieresistenten Epilepsie-Syndromen (z. B. Dravet, Lennox-Gastaut) indiziert.
- •Die Erstverordnung muss durch einen im Fachregister eingetragenen Spezialisten erfolgen; Shared Care ist im Verlauf moeglich.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie (NG144) regelt die Verordnung von Cannabis-basierten Medikamenten. Dazu gehoeren gesetzlich definierte medizinische Cannabisprodukte, zugelassene Praeparate (Sativex, Nabilon), pflanzliche Cannabinoide (z. B. reines CBD) sowie synthetische Cannabinoide (z. B. Dronabinol).
Indikationen und Empfehlungen
Die Leitlinie bewertet den Einsatz bei vier Hauptindikationen:
| Indikation | Wirkstoff | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Chemotherapie-induzierte Uebelkeit | Nabilon | Erwaegen (als Add-on) | Nur bei Erwachsenen, wenn optimierte konventionelle Antiemetika versagen. |
| Chronische Schmerzen | THC, CBD, Nabilon, Dronabinol | Nicht anbieten | CBD nur im Rahmen klinischer Studien. Bestandsschutz fuer laufende NHS-Therapien. |
| Spastik bei MS | THC:CBD-Spray | 4-Wochen-Versuch | Bei moderater bis schwerer Spastik, wenn andere Medikamente versagen. Fortsetzung nur bei ≥20 % Symptomreduktion. |
| Schwere Epilepsie | Cannabidiol (CBD) | Add-on-Therapie | Bei tuberoeser Sklerose, Lennox-Gastaut- oder Dravet-Syndrom (ab 2 Jahren). Abbruch, wenn Anfallsfrequenz nicht um ≥30 % sinkt. |
Spezifische Therapiehinweise
Uebelkeit und Erbrechen
- Nabilon kann bei Erwachsenen mit persistierender Chemotherapie-induzierter Uebelkeit erwogen werden.
- Wichtig: Potenzielle Arzneimittelinteraktionen beachten, insbesondere mit ZNS-daempfenden und anderen zentral wirksamen Medikamenten.
Spastik bei Multipler Sklerose
- Ein 4-woechiger Therapieversuch mit THC:CBD-Spray wird empfohlen.
- Voraussetzung: Andere pharmakologische Behandlungen waren unwirksam.
- Die Behandlung muss von einem Arzt mit spezieller Expertise fuer MS-Spastik eingeleitet und ueberwacht werden.
Schwere therapieresistente Epilepsie
- Cannabidiol wird als Add-on empfohlen, wenn Anfaelle durch mindestens 2 Antiepileptika nicht ausreichend kontrolliert werden.
- Die Anfallsfrequenz muss alle 6 Monate ueberprueft werden.
Verordnung und Shared Care
Die Verordnung von medizinischem Cannabis unterliegt strengen Regeln:
| Phase | Zustaendigkeit | Voraussetzungen |
|---|---|---|
| Erstverordnung | Spezialist (Facharztregister) | Besonderes Interesse an der Erkrankung. Bei Kindern: tertiaerer Paediatrie-Spezialist. |
| Folgeverordnungen | Anderer Arzt (z. B. Hausarzt) | Im Rahmen eines Shared Care Agreements. Patient muss klinisch stabil sein. |
Ein Shared Care Agreement muss Verantwortlichkeiten, Monitoring-Frequenz, Abbruchkriterien, Management von Nebenwirkungen und Finanzierung klar regeln. Die Dosisanpassung und Evaluation bleibt Aufgabe des initiierenden Spezialisten.
Wichtige Faktoren bei der Verordnung
Vor und waehrend der Verordnung muessen folgende Aspekte beruecksichtigt werden:
- Aktueller und frueherer Cannabiskonsum (inkl. frei verkaeuflicher Produkte).
- Vorgeschichte von Substanzmissbrauch und Potenzial fuer Abhaengigkeit (besonders bei THC).
- Psychiatrische und medizinische Begleiterkrankungen (Leber-/Niereninsuffizienz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen).
- Interaktionen (ZNS-Daempfer, Antiepileptika, hormonelle Kontrazeptiva).
- Schwangerschaft und Stillzeit (Sativex und Nabilon sind in der Stillzeit kontraindiziert).
Bei Kindern und Jugendlichen ist zusaetzlich besonders auf die potenziellen Auswirkungen auf die psychologische, emotionale und kognitive Entwicklung sowie die strukturelle Hirnentwicklung zu achten.
💡Praxis-Tipp
Raten Sie Patienten bei der Verordnung von medizinischem Cannabis dringend dazu, die Einnahme von nicht verschriebenem, frei verkaeuflichem oder illegalem Cannabis zu beenden, um unvorhersehbare Interaktionen zu vermeiden.