Hintere Kreuzbandruptur (HKB): Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Die AWMF-Leitlinie behandelt die Diagnostik und Therapie der hinteren Kreuzbandruptur (HKB-Ruptur) bei Erwachsenen. Diese Verletzung entsteht häufig durch eine dorsale Translation des Unterschenkels, typischerweise durch einen ventralen Anprall in Beugung, wie bei der sogenannten "Dashboard-Injury".
Oft tritt die HKB-Ruptur nicht isoliert auf, sondern ist mit Verletzungen der posterolateralen Strukturen, Meniskusläsionen oder Patellafrakturen vergesellschaftet. Bei Polytraumata oder Schaftfrakturen der unteren Extremität wird die Verletzung laut Leitlinie aufgrund der instabilen Knochenverhältnisse häufig übersehen.
Das hintere Kreuzband besteht aus einem anterolateralen und einem posteromedialen Bündel. Die Leitlinie betont, dass die Heilungspotenz des hinteren Kreuzbandes aufgrund einer günstigeren Blutversorgung grundsätzlich höher ist als die des vorderen Kreuzbandes.
Klinischer Kontext
Die Ruptur des hinteren Kreuzbandes (HKB) ist deutlich seltener als die des vorderen Kreuzbandes und macht etwa drei bis zwanzig Prozent aller Kniebandverletzungen aus. Häufig sind junge, sportlich aktive Menschen oder Unfallopfer im Rahmen von Hochrasanztraumata betroffen.
Der Verletzungsmechanismus beruht meist auf einer direkten Gewalteinwirkung auf die proximale Tibia bei flektiertem Kniegelenk, wie es typischerweise beim Dashboard-Injury (Armaturenbrett-Verletzung) auftritt. Dies führt zu einer pathologischen posterioren Translation der Tibia gegenüber dem Femur und einer Überlastung der Bandstrukturen.
Eine unbehandelte oder chronische HKB-Insuffizienz kann zu einer veränderten Biomechanik des Kniegelenks mit konsekutiver Überlastung des patellofemoralen und medialen Kompartiments führen. Langfristig begünstigt dies die Entstehung einer frühzeitigen Gonarthrose und Meniskusschäden.
Die klinische Diagnose stützt sich vor allem auf spezifische Tests wie den hinteren Schubladentest und das Gravity-Sign (Durchhangtest). Zur Bestätigung der Diagnose, zur Beurteilung des Ausmaßes der posterioren Translation und zum Ausschluss von Begleitverletzungen ist die Magnetresonanztomographie der Goldstandard.
Wissenswertes
Die Entscheidung zwischen konservativem und operativem Vorgehen hängt von der Ausprägung der Instabilität, dem Aktivitätsniveau des Patienten und eventuellen Begleitverletzungen ab. Isolierte Rupturen mit geringer Instabilität werden oft erfolgreich konservativ behandelt, während komplexe Verletzungen eher operativ versorgt werden.
Der hintere Schubladentest wird am liegenden Patienten bei 90 Grad gebeugtem Knie und fixiertem Fuß durchgeführt. Der Untersucher übt einen nach dorsal gerichteten Druck auf die proximale Tibia aus, um das Ausmaß der posterioren Translation im Seitenvergleich zu beurteilen.
Bei der sogenannten Dashboard-Injury prallt das flektierte Knie beispielsweise bei einem Autounfall gegen das Armaturenbrett. Die dabei entstehende starke Kraft drückt die Tibia nach dorsal und führt typischerweise zu einer Ruptur des hinteren Kreuzbandes.
Die Magnetresonanztomographie besitzt eine sehr hohe Sensitivität und Spezifität für die Diagnose von HKB-Rupturen. Sie ist zudem essenziell, um häufige Begleitverletzungen an Menisken, Knorpel oder anderen Bandstrukturen wie den posterolateralen Ecken zu identifizieren.
Eine HKB-Ruptur Grad 3 beschreibt eine vollständige Zerreißung des Bandes mit einer posterioren Translation der Tibia von mehr als 10 Millimetern im Seitenvergleich. Klinisch zeigt sich dabei oft, dass das Tibiaplateau hinter die Femurkondylen zurücktritt.
Spezielle HKB-Orthesen üben einen permanenten Druck auf die dorsale Wade aus und schieben die Tibia nach ventral. Dies entlastet das heilende hintere Kreuzband und verhindert ein dorsales Durchhängen des Unterschenkels während der Rehabilitationsphase.
Ärzte fragen zu diesem Thema
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt ausdrücklich davor, gehaltene Stressaufnahmen in den Wochen 3 bis 12 nach der Verletzung beziehungsweise während der konservativen Therapie durchzuführen, da es sich hierbei um eine vulnerable Phase handelt. Zudem wird darauf hingewiesen, dass eine begleitende HKB-Ruptur bei Frakturen von Femur, Tibia oder Patella aufgrund der initialen knöchernen Instabilität häufig übersehen wird und die Bandstabilität daher intraoperativ geprüft werden sollte.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie ist die konservative Therapie bei isolierten Läsionen des hinteren Kreuzbandes, bei geringer Instabilität sowie bei nicht dislozierten knöchernen Ausrissen indiziert. Voraussetzung für den Erfolg ist eine frühzeitige Diagnosestellung und die zeitnahe Einleitung einer adäquaten Orthesenbehandlung.
Es wird empfohlen, die spezielle HKB-Orthese für insgesamt mindestens 12 Wochen zu tragen. In den ersten 6 Wochen erfolgt laut Leitlinie meist eine Fixierung auf 0° oder eine Limitierung auf 0/0/20° Beugung.
Die Leitlinie beschreibt als häufigstes Verfahren die Verwendung eines freien mehrsträngigen Sehnentransplantats aus der Pes-anserinus-Gruppe, also der Semitendinosus- oder Gracilissehne. Von der Verwendung der Patella- oder Quadrizepssehne wird eher abgeraten, da dies die Agonisten des hinteren Kreuzbandes schwächt.
Häufig ist die HKB-Ruptur mit Läsionen des posterolateralen Kapsel-Bandapparates, Meniskusläsionen oder Patellafrakturen vergesellschaftet. Bei Knieluxationen wird zudem auf das hohe Risiko von Gefäß- und Nervenverletzungen hingewiesen.
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Quelle: Hintere Kreuzbandruptur (AWMF). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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