Gedeihstörung bei Kindern: Diagnostik und Therapie
Hintergrund
Der Begriff Gedeihstörung beschreibt eine langsamere Gewichtszunahme im Kindesalter, als es für das jeweilige Alter und Geschlecht zu erwarten wäre. In den ersten Lebenstagen ist ein gewisser Gewichtsverlust bei Neugeborenen physiologisch, jedoch können anhaltende oder starke Gewichtsverluste auf Probleme bei der Nahrungsaufnahme hindeuten.
Bei älteren Säuglingen und Kindern entsteht eine Gedeihstörung meist dann, wenn die Nahrungsaufnahme den spezifischen Energiebedarf nicht deckt. Dies zeigt sich durch eine relativ langsame Gewichtszunahme und ein Abfallen über die Gewichtsperzentilen der Wachstumskurven.
Die Ursachen für Gedeihstörungen ohne spezifische Grunderkrankung sind meist komplex und multifaktoriell. Die Leitlinie betont, dass Vernachlässigung eine seltene Ursache darstellt und signifikante Zusammenhänge mit sozioökonomischen Faktoren nicht eindeutig belegt sind.
Empfehlungen
Die NICE-Leitlinie (NG75) formuliert folgende Kernempfehlungen zur Erkennung und Behandlung von Gedeihstörungen:
Gewichtsverlust in den ersten Lebenstagen
Ein Gewichtsverlust in den ersten Lebenstagen ist laut Leitlinie häufig und stoppt meist nach 3 bis 4 Tagen. Es wird erwartet, dass die meisten Säuglinge ihr Geburtsgewicht im Alter von 3 Wochen wieder erreicht haben.
Bei einem Gewichtsverlust von mehr als 10 % des Geburtsgewichts wird eine klinische Beurteilung auf Dehydratation oder zugrunde liegende Erkrankungen empfohlen. Zudem sollte eine detaillierte Ernährungsanamnese erhoben und eine direkte Beobachtung der Nahrungsaufnahme durch geschultes Personal erwogen werden.
Schwellenwerte für Gedeihstörungen
Für die Definition einer Gedeihstörung nach den ersten Lebenstagen empfiehlt die Leitlinie die Beobachtung der WHO-Wachstumskurven. Folgende Abfälle über Perzentilen-Räume gelten als Schwellenwerte für eine nähere Abklärung:
| Geburtsgewicht-Perzentile | Kritischer Abfall (Perzentilen-Räume) |
|---|---|
| Unter der 9. Perzentile | 1 oder mehr Räume |
| Zwischen 9. und 91. Perzentile | 2 oder mehr Räume |
| Über der 91. Perzentile | 3 oder mehr Räume |
| Unabhängig vom Geburtsgewicht | Aktuelles Gewicht unter der 2. Perzentile |
Bei Kindern über 2 Jahren wird zusätzlich die Bestimmung des BMI empfohlen. Ein BMI unter der 2. Perzentile kann auf Unterernährung oder einen zierlichen Körperbau hinweisen, während ein BMI unter der 0,4. Perzentile als wahrscheinliche Unterernährung gewertet wird.
Diagnostik und Assessment
Bei Verdacht auf eine Gedeihstörung wird eine umfassende klinische, entwicklungsbezogene und soziale Beurteilung empfohlen. Die Leitlinie rät zu einer detaillierten Ernährungsanamnese und der Beobachtung von Mahlzeiten.
Weitere Untersuchungen sollten nur bei klinischer Indikation erfolgen. Es wird empfohlen, gezielt auf Harnwegsinfektionen oder Zöliakie (falls glutenhaltige Kost eingeführt wurde) zu untersuchen. Die Leitlinie weist darauf hin, dass blinde Screening-Untersuchungen bei ansonsten unauffälligen Kindern selten eine zugrunde liegende Erkrankung aufdecken.
Interventionen und Therapie
Es wird empfohlen, gemeinsam mit den Eltern einen Managementplan mit spezifischen Zielen zu erstellen. Die Leitlinie rät dazu, eine entspannte Atmosphäre bei den Mahlzeiten zu fördern, feste Essenszeiten zu etablieren und Zwangsmaßnahmen bei der Nahrungsaufnahme zu vermeiden.
Bei Bedarf sollte eine Ernährungsberatung zur Optimierung der Energie- und Nährstoffdichte erfolgen. Eine kurzfristige diätetische Anreicherung durch energiedichte Lebensmittel oder die Vorstellung bei einer pädiatrischen Ernährungsfachkraft werden als mögliche Schritte genannt.
Der Einsatz von oralen flüssigen Nahrungsergänzungsmitteln sollte laut Leitlinie als Versuch erwogen werden, wenn andere Interventionen erfolglos bleiben. Eine enterale Sondenernährung wird nur bei gravierenden Bedenken hinsichtlich der Gewichtszunahme und nach multidisziplinärer Beurteilung empfohlen.
Monitoring
Die Leitlinie empfiehlt, das Gewicht bei Bedenken hinsichtlich des Gedeihens in altersentsprechenden Intervallen zu kontrollieren. Ein zu häufiges Wiegen sollte vermieden werden, da dies die elterliche Angst durch kurzfristige Schwankungen verstärken kann.
| Alter des Kindes | Maximale Wiegehäufigkeit |
|---|---|
| Unter 1 Monat | Täglich |
| 1 bis 6 Monate | Wöchentlich |
| 6 bis 12 Monate | Alle zwei Wochen |
| Ab 1 Jahr | Monatlich |
Längen- oder Höhenmessungen sollten laut Leitlinie maximal alle 3 Monate durchgeführt werden.
Überweisung
Eine Überweisung an eine pädiatrische Fachabteilung wird in folgenden Fällen empfohlen:
-
Symptome, die auf eine zugrunde liegende Erkrankung hinweisen
-
Fehlendes Ansprechen auf primärärztliche Interventionen
-
Langsames Längenwachstum oder unerklärlicher Kleinwuchs
-
Rascher Gewichtsverlust oder schwere Unterernährung
-
Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie warnt davor, dass ein übermäßiger Konsum von energiedichten Getränken, einschließlich Kuhmilch, den Appetit des Kindes auf andere feste Nahrungsmittel verringern kann. Zudem wird darauf hingewiesen, dass die Zufütterung von Säuglingsnahrung bei gestillten Kindern zwar die Gewichtszunahme fördern kann, dies jedoch in der Praxis häufig zum vorzeitigen Abstillen führt.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt die Bestimmung des BMI anhand von Wachstumskurven. Ein BMI unter der 0,4. Perzentile deutet auf eine wahrscheinliche Unterernährung hin, die eine Intervention erfordert.
Laut Leitlinie sollten keine blinden Routineuntersuchungen durchgeführt werden, wenn das Kind ansonsten gesund erscheint. Gezielte Untersuchungen auf Harnwegsinfektionen oder Zöliakie werden nur bei entsprechendem klinischem Verdacht empfohlen.
Es wird eine klinische Beurteilung empfohlen, wenn der Gewichtsverlust in den ersten Lebenstagen mehr als 10 % des Geburtsgewichts beträgt. Auch wenn das Geburtsgewicht nach 3 Wochen nicht wieder erreicht ist, sollte laut Leitlinie eine Reevaluation erfolgen.
Die Leitlinie empfiehlt für Kinder im Alter von 6 bis 12 Monaten eine Gewichtskontrolle maximal alle zwei Wochen. Häufigeres Wiegen wird nicht empfohlen, um unnötige elterliche Ängste durch kurzfristige Schwankungen zu vermeiden.
Die Leitlinie stellt klar, dass Vernachlässigung eine seltene Erklärung für Gedeihstörungen ist. Meist sind die Ursachen komplex und multifaktoriell, weshalb eine wertfreie und unterstützende Anamnese empfohlen wird.
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Quelle: NICE Guideline on Faltering Growth in Children (NICE, 2017). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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