Typ-2-Diabetes bei Kindern: Leitlinie (Diabetes Canada)
📋Auf einen Blick
- •Ein systematisches Screening wird für Risikokinder ab 8 Jahren (präpubertär) bzw. ab Pubertätseintritt alle 2 Jahre empfohlen.
- •Der Ziel-HbA1c-Wert liegt für die meisten Kinder und Jugendlichen bei ≤7,0 %.
- •Metformin ist die medikamentöse Basistherapie; Insulin ist bei einem HbA1c ≥9,0 % oder metabolischer Entgleisung indiziert.
- •Ein jährliches Screening auf mikro- und makrovaskuläre Komplikationen muss direkt ab Diagnosestellung erfolgen.
- •Bis zu 20 % der klinisch als Typ-2-Diabetes diagnostizierten Kinder haben tatsächlich einen Typ-1-Diabetes (Autoantikörper-Testung empfohlen).
Hintergrund
Die Inzidenz des Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen ist in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit gestiegen. Die Erkrankung ist stark erblich bedingt (90 % der Betroffenen haben Verwandte ersten oder zweiten Grades mit Typ-2-Diabetes) und betrifft überproportional häufig bestimmte ethnische Gruppen sowie Kinder aus einkommensschwachen Familien. Adipositas ist der wichtigste modifizierbare Risikofaktor.
Prävention
Zur Prävention wird eine umfassende Anpassung des Lebensstils empfohlen. Dazu gehören:
- Körperliche Aktivität: Täglich mindestens 60 Minuten moderate bis intensive Bewegung.
- Bildschirmzeit: Begrenzung auf maximal 2 Stunden pro Tag.
- Ernährung: Reduktion von zuckergesüßten Getränken.
- Schlaf: Ausreichende Schlafdauer und -qualität.
Pharmakotherapie (Metformin oder Orlistat) zur reinen Gewichtsreduktion wird bei präpubertären Kindern nur im Rahmen von Studien und bei Jugendlichen nur nach strenger interdisziplinärer Evaluation empfohlen. Bariatrische Chirurgie kann bei Jugendlichen mit schwerer Adipositas (BMI ≥35 kg/m² mit schweren Komorbiditäten oder ≥40 kg/m² mit leichteren Komorbiditäten) nach Abschluss des Längenwachstums erwogen werden.
Screening und Diagnostik
Da mikrovaskuläre Komplikationen oft schon bei Diagnosestellung vorliegen, ist ein systematisches Screening von Risikopatienten essenziell.
Screening-Kriterien:
- Präpubertäre Kinder: Ab 8 Jahren bei Vorliegen von ≥3 Risikofaktoren.
- Pubertäre Kinder: Bei Vorliegen von ≥2 Risikofaktoren.
- Intervall: Alle 2 Jahre.
| Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes im Kindesalter |
|---|
| Adipositas (BMI ≥95. Perzentile) |
| Hochrisiko-Ethnie (z. B. afrikanisch, asiatisch, hispanisch, indigen) |
| Verwandte 1. Grades mit Typ-2-Diabetes oder in-utero-Exposition gegenüber Hyperglykämie |
| Zeichen der Insulinresistenz (Acanthosis nigricans, Hypertonie, Dyslipidämie, NAFLD) |
| Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS) |
| Gestörte Nüchternglukose (IFG) oder gestörte Glukosetoleranz (IGT) |
| Einnahme atypischer Antipsychotika |
Diagnostische Tests: Empfohlen wird eine Kombination aus HbA1c und Nüchternblutzucker (FPG) oder Gelegenheitsblutzucker. Bei Diskrepanzen oder ≥3 Risikofaktoren kann ein oraler Glukosetoleranztest (OGTT; 1,75 g/kg, max. 75 g) durchgeführt werden.
Klassifikation
Die Unterscheidung zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes kann klinisch schwierig sein. Bei allen Kindern mit klinischer Diagnose eines Typ-2-Diabetes sollte eine Testung auf Inselautoantikörper erfolgen, da 10-20 % der Patienten autoantikörperpositiv sind. Bei starker Familienanamnese ohne Zeichen einer Insulinresistenz sollte eine genetische Testung auf monogenen Diabetes erwogen werden.
Therapie
Die Betreuung muss durch ein interprofessionelles pädiatrisches Diabetesteam erfolgen. Der Ziel-HbA1c liegt bei ≤7,0 %. Ein Erreichen von <6,0 % in den ersten 6 Monaten kann das Risiko eines Therapieversagens senken.
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Lebensstilintervention + Metformin | Start: 500 mg/Tag für 7 Tage, wöchentliche Titration bis max. 2x 1.000 mg/Tag. |
| 2 | Basalinsulin | Indiziert, wenn metabolische Ziele nach 3-6 Monaten nicht erreicht werden. |
| 3 | Prandiales Insulin | Indiziert, wenn Metformin + Basalinsulin nicht ausreichen. |
Ausnahme: Bei schwerer metabolischer Entgleisung (DKA), schweren Symptomen oder einem HbA1c ≥9,0 % muss initial eine Insulintherapie begonnen werden. Diese kann oft nach Erreichen der Zielwerte wieder ausgeschlichen werden.
Komplikationen und Komorbiditäten
Jugendliche mit Typ-2-Diabetes haben ein signifikant höheres Risiko für frühe und schwere Komplikationen als Jugendliche mit Typ-1-Diabetes. Ein regelmäßiges Screening ist zwingend erforderlich:
| Komplikation / Komorbidität | Screening-Zeitpunkt und Intervall | Diagnostik |
|---|---|---|
| Neuropathie | Ab Diagnose, jährlich | Klinik, Vibrationsempfinden, Reflexe |
| Retinopathie | Ab Diagnose, jährlich | Fundusfotografie oder Funduskopie |
| Nephropathie | Ab Diagnose, jährlich | Urin-Albumin-Kreatinin-Quotient (ACR) im Morgenurin |
| Dyslipidämie | Ab Diagnose, jährlich | Nüchtern-Lipidprofil |
| Hypertonie | Ab Diagnose, mind. 2x jährlich | Blutdruckmessung |
| NAFLD | Ab Diagnose, jährlich | ALT und/oder Ultraschall |
| PCOS | Ab Diagnose (pubertäre Mädchen), jährlich | Klinik (Oligo-/Amenorrhö, Hirsutismus, Akne) |
| Obstruktive Schlafapnoe (OSA) | Ab Diagnose, jährlich | Klinische Symptome (Schnarchen, Tagesmüdigkeit) |
| Depression / Essstörungen | Ab Diagnose, mind. 2x jährlich | Klinisches Assessment (Binge-Eating, Stimmung) |
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie bei der Erstdiagnose eines vermeintlichen Typ-2-Diabetes im Kindesalter immer auch Inselautoantikörper. Bis zu 20 % der klinisch als Typ 2 eingestuften Kinder haben tatsächlich einen Typ-1-Diabetes.