Diagnostik von Diabetes & Prädiabetes: Leitlinie (Canada)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose eines Diabetes mellitus kann ab einem Nüchternblutzucker ≥ 7,0 mmol/L, einem HbA1c ≥ 6,5 % oder einem 2-h-Wert im oGTT ≥ 11,1 mmol/L gestellt werden.
- •Bei asymptomatischen Patienten ist ein zweiter Bestätigungstest an einem anderen Tag zwingend erforderlich.
- •Prädiabetes ist definiert durch eine gestörte Nüchternglukose (6,1-6,9 mmol/L), eine gestörte Glukosetoleranz (7,8-11,0 mmol/L) oder einen HbA1c von 6,0-6,4 %.
- •Ein Neugeborenen-Diabetes (Manifestation < 6 Monate) erfordert immer eine genetische Testung, da eine Therapie mit Sulfonylharnstoffen möglich sein kann.
Hintergrund
Diabetes mellitus ist eine heterogene Stoffwechselerkrankung, die durch chronische Hyperglykämie gekennzeichnet ist. Diese führt langfristig zu mikrovaskulären Komplikationen (Retinopathie, Nephropathie, Neuropathie) und einem erhöhten kardiovaskulären Risiko. Die diagnostischen Grenzwerte basieren primär auf der Schwelle, ab der das Risiko für eine Retinopathie signifikant ansteigt.
Klassifikation des Diabetes
Die Erkrankung wird in verschiedene Hauptkategorien unterteilt. Die Unterscheidung kann klinisch herausfordernd sein, ist aber für die Therapieentscheidung essenziell.
| Merkmal | Typ-1-Diabetes | Typ-2-Diabetes | Monogener Diabetes |
|---|---|---|---|
| Manifestationsalter | Meist < 25 Jahre (nie < 6 Monate) | Meist > 25 Jahre (zunehmend bei Jugendlichen) | Meist < 25 Jahre (Neugeborenen-Diabetes < 6 Monate) |
| Körpergewicht | Meist schlank (Adipositas möglich) | > 90 % übergewichtig/adipös | Ähnlich der Allgemeinbevölkerung |
| Inselzell-Autoantikörper | Meist vorhanden | Fehlend | Fehlend |
| C-Peptid | Nicht nachweisbar / niedrig | Normal / hoch | Normal |
| Therapie der 1. Wahl | Insulin | Nicht-insulinotrope Antidiabetika | Subtyp-abhängig |
| Familienanamnese | Selten (5-10 %) | Häufig (75-90 %) | Multigenerationell, autosomal-dominant |
| Ketoazidose (DKA) | Häufig | Selten | Selten (außer Neugeborenen-Diabetes) |
Diagnostik des Diabetes
Die Diagnose kann durch verschiedene Parameter gestellt werden. Jeder Test hat spezifische Vor- und Nachteile.
| Parameter | Diagnostischer Grenzwert | Bemerkung |
|---|---|---|
| Nüchternplasmaglukose (FPG) | ≥ 7,0 mmol/L | Nüchtern = keine Kalorienzufuhr für mind. 8 Stunden |
| HbA1c | ≥ 6,5 % | Nur bei Erwachsenen; validierter Assay; nicht bei Verdacht auf Typ-1-Diabetes |
| 2-h-Plasmaglukose (oGTT) | ≥ 11,1 mmol/L | Im 75-g-oralen Glukosetoleranztest |
| Gelegenheitsglukose | ≥ 11,1 mmol/L | Unabhängig von der letzten Mahlzeit |
Wichtige diagnostische Regeln:
- Bei Vorliegen von Hyperglykämie-Symptomen reicht ein einzelner Wert im diabetischen Bereich für die Diagnosestellung aus.
- Bei asymptomatischen Patienten muss ein einzelner auffälliger Wert an einem anderen Tag durch einen zweiten Labortest bestätigt werden (bevorzugt derselbe Test).
- Bei Verdacht auf Typ-1-Diabetes (jung, schlank, symptomatisch, Ketonurie/Ketonämie) darf der Therapiebeginn nicht für Bestätigungstests verzögert werden, um eine rasche metabolische Entgleisung zu vermeiden.
Prädiabetes
Der Begriff Prädiabetes beschreibt Zustände, die mit einem hohen Risiko für die Entwicklung eines manifesten Diabetes und kardiovaskulärer Erkrankungen einhergehen.
| Kategorie | Parameter | Grenzwert |
|---|---|---|
| Gestörte Nüchternglukose (IFG) | Nüchternplasmaglukose | 6,1 - 6,9 mmol/L |
| Gestörte Glukosetoleranz (IGT) | 2-h-Wert im 75-g-oGTT | 7,8 - 11,0 mmol/L |
| Prädiabetes (HbA1c) | HbA1c | 6,0 - 6,4 % |
Metabolisches Syndrom
Das Metabolische Syndrom ist eine Konstellation von Risikofaktoren. Für die Diagnose müssen mindestens 3 der folgenden Kriterien erfüllt sein:
| Parameter | Grenzwert (Männer) | Grenzwert (Frauen) |
|---|---|---|
| Bauchumfang | ≥ 102 cm (Europäer/Kanada) | ≥ 88 cm (Europäer/Kanada) |
| Triglyceride | ≥ 1,7 mmol/L (oder medikamentöse Therapie) | ≥ 1,7 mmol/L (oder medikamentöse Therapie) |
| HDL-Cholesterin | < 1,0 mmol/L | < 1,3 mmol/L |
| Blutdruck | ≥ 130 systolisch und/oder ≥ 85 diastolisch (oder Therapie) | ≥ 130 systolisch und/oder ≥ 85 diastolisch (oder Therapie) |
| Nüchternglukose | ≥ 5,6 mmol/L (oder medikamentöse Therapie) | ≥ 5,6 mmol/L (oder medikamentöse Therapie) |
💡Praxis-Tipp
Verzögern Sie bei Verdacht auf einen Typ-1-Diabetes (junge, schlanke Patienten mit Ketonurie) niemals den Insulin-Therapiebeginn, nur um auf einen zweiten Bestätigungstest zu warten. Bei Säuglingen mit Diabetes-Manifestation vor dem 6. Lebensmonat muss immer eine genetische Testung erfolgen.