Screening auf Diabetes: Leitlinie (Diabetes Canada)
📋Auf einen Blick
- •Ein routinemäßiges Screening auf Typ-1-Diabetes wird mangels präventiver Maßnahmen nicht empfohlen.
- •Ein Screening auf Typ-2-Diabetes sollte bei allen Personen ab 40 Jahren alle 3 Jahre erfolgen.
- •Bei Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren ist ein früheres oder häufigeres Screening (alle 6-12 Monate) indiziert.
- •Als primäre Screening-Tests werden Nüchternblutzucker (FPG) und/oder HbA1c empfohlen.
- •Ein 75-g-oGTT kann bei grenzwertigen Befunden zur weiteren Abklärung erwogen werden.
Hintergrund
Das Screening auf Diabetes zielt darauf ab, asymptomatische Personen zu identifizieren, die an Diabetes oder Prädiabetes erkrankt sind. Da der Beginn eines Typ-2-Diabetes oft 4 bis 7 Jahre vor der klinischen Diagnose liegt, ermöglicht eine frühzeitige Erkennung Interventionen, die das Fortschreiten der Erkrankung verzögern und das Risiko für diabetesbedingte Komplikationen senken können.
Screening auf Typ-1-Diabetes
Ein routinemäßiges Screening auf Typ-1-Diabetes wird nicht empfohlen. Zwar kann das Risiko durch Familienanamnese und den Nachweis von Inselautoantikörpern (z. B. GADA, IA-2A) abgeschätzt werden, es gibt jedoch derzeit keine ausreichende Evidenz für Interventionen, die den Ausbruch eines Typ-1-Diabetes verhindern oder verzögern könnten.
Screening auf Typ-2-Diabetes
Die Leitlinie empfiehlt ein gezieltes Screening basierend auf Alter und Risikofaktoren. Die folgenden Empfehlungen gelten für Erwachsene:
- Jährliche Evaluation: Das Risiko für Typ-2-Diabetes sollte bei allen Personen jährlich anhand demografischer und klinischer Kriterien evaluiert werden [Grade D, Consensus].
- Reguläres Screening: Ein Screening mit Nüchternblutzucker (FPG) und/oder HbA1c sollte alle 3 Jahre bei Personen $\ge$ 40 Jahren oder bei Personen mit hohem Risiko laut Risikorechner (33 % Wahrscheinlichkeit über 10 Jahre) durchgeführt werden [Grade D, Consensus].
- Intensiviertes Screening: Ein früheres und/oder häufigeres Screening (alle 6 bis 12 Monate) sollte bei Personen mit sehr hohem Risiko oder zusätzlichen Risikofaktoren erwogen werden [Grade D, Consensus].
Diagnostik und Grenzwerte
Für das Screening und die Diagnose werden dieselben Tests verwendet. Bei asymptomatischen Patienten sind in der Regel zwei auffällige Testergebnisse erforderlich, um die Diagnose zu sichern.
| Parameter | Diagnosekriterium | Indikation für 75-g-oGTT |
|---|---|---|
| Nüchternblutzucker (FPG) | $\ge$ 7,0 mmol/L (in 2 Tests) | 6,1–6,9 mmol/L (oder 5,6–6,0 mmol/L bei hohem Verdacht) |
| HbA1c | $\ge$ 6,5 % (in 2 Tests) | 6,0–6,4 % (oder 5,5–5,9 % bei hohem Verdacht) |
Ein 75-g-oraler Glukosetoleranztest (oGTT) ist besonders nützlich bei unerklärlichen mikrovaskulären Komplikationen, diagnostischer Unsicherheit (z. B. wenn der HbA1c-Wert ungenau sein könnte) oder zur weiteren kardiovaskulären Risikostratifizierung.
Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes
Das Vorliegen folgender Faktoren rechtfertigt ein früheres oder häufigeres Screening:
| Kategorie | Risikofaktoren |
|---|---|
| Demografie & Genetik | Alter $\ge$ 40 Jahre, Verwandte 1. Grades mit Typ-2-Diabetes, Hochrisiko-Populationen (z. B. asiatische, afrikanische, hispanische Abstammung) |
| Anamnese | Prädiabetes (IGT, IFG oder HbA1c 6,0-6,4 %), Gestationsdiabetes, Geburt eines makrosomen Kindes |
| Vaskulär & Metabolisch | Hypertonie, Übergewicht, abdominelle Adipositas, HDL <1,0 mmol/L (Männer) bzw. <1,3 mmol/L (Frauen), Triglyceride $\ge$ 1,7 mmol/L |
| Begleiterkrankungen | PCOS, Pankreatitis, nicht-alkoholische Fettleberhepatitis (NASH), obstruktive Schlafapnoe, Schizophrenie, bipolare Störung, HIV, Mukoviszidose |
| Medikamente | Glukokortikoide, atypische Antipsychotika, Statine, HAART, Immunsuppressiva |
Risikorechner
Zur systematischen Erfassung des Risikos wird die Nutzung validierter Risikorechner empfohlen. In Kanada wird hierfür der CANRISK-Fragebogen genutzt, der für multiethnische Populationen validiert ist. Es ist jedoch zu beachten, dass dieser für Personen unter 40 Jahren nicht validiert ist und in dieser Altersgruppe mit Vorsicht angewendet werden sollte.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei grenzwertigen Befunden (Nüchternblutzucker 6,1–6,9 mmol/L oder HbA1c 6,0–6,4 %) großzügig den 75-g-oGTT. Der HbA1c-Wert allein übersieht in Studien etwa die Hälfte der Patienten mit einer gestörten Glukosetoleranz (IGT).