Geschlechterspezifische Kardiologie: DGK-Positionspapier
📋Auf einen Blick
- •Frauen weisen bei akuten Koronarsyndromen häufiger atypische Symptome auf und haben ein deutlich höheres Risiko für MINOCA und SCAD.
- •Kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Rauchen wiegen bei Frauen schwerer; zudem müssen frauenspezifische Risiken (z.B. Schwangerschaftskomplikationen) beachtet werden.
- •Bei der Herzinsuffizienz dominiert bei Frauen die HFpEF (2:1 im Vergleich zu Männern), während Männer häufiger an HFrEF erkranken.
- •Frauen haben ein höheres Risiko für medikamentös induzierte QT-Zeit-Verlängerungen und Torsades de Pointes.
- •Die pulmonalarterielle Hypertonie (PAH) betrifft Frauen häufiger, sie zeigen jedoch ein besseres Überleben (Östrogenparadox).
Hintergrund
Kardiovaskuläre Erkrankungen manifestieren sich bei Frauen und Männern nicht immer identisch. Sie unterscheiden sich in Anatomie, Pathophysiologie, Symptomatik sowie im Therapieansprechen. Das Positionspapier der DGK fasst die aktuelle Evidenz zusammen, um eine fundierte Grundlage für eine personalisierte, geschlechtersensible Behandlung zu schaffen.
Risikofaktoren und Prävention
Klassische Risikofaktoren wirken sich zum Teil geschlechtsspezifisch aus. So ist das kardiovaskuläre Risiko durch Rauchen bei Frauen höher als bei Männern. Zudem existieren spezifische Risikofaktoren in verschiedenen Lebensphasen der Frau, die in der Anamnese oft vernachlässigt werden.
| Lebensphase | Frauenspezifische Risikofaktoren | Bemerkung |
|---|---|---|
| Prämenopausal | Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCO), Schwangerschaftskomplikationen (Präeklampsie, Gestationsdiabetes), frühe Menarche | Erfordern regelmäßiges Screening auf Hypertonie und Diabetes |
| Postmenopausal | Frühe Menopause, Östrogenabfall, Zunahme des viszeralen Fetts | Führt zu ungünstigeren Lipidprofilen und erhöhtem Risiko |
| Lebenslang | Autoimmunerkrankungen, Mammakarzinom (und Therapien) | Erhöhen das kardiovaskuläre Gesamtrisiko |
Zur Risikostratifizierung werden die SCORE2-Modelle der ESC empfohlen, auch wenn diese junge Hochrisikofrauen (< 40 Jahre) oft noch unzureichend erfassen.
Akute und chronische Koronarsyndrome
Frauen klagen bei einem akuten Koronarsyndrom (ACS) häufiger über Luftnot, Leistungsschwäche, Müdigkeit, Übelkeit und Schmerzen im Oberbauch oder Nacken. Der Begriff des atypischen Brustschmerzes soll laut Leitlinien zugunsten von wahrscheinlich kardialen Symptomen verlassen werden.
| Krankheitsbild | Besonderheiten bei Frauen |
|---|---|
| INOCA / ANOCA | Häufiger bei Frauen; Ischämie ohne flusslimitierende Stenosen. |
| MINOCA | Macht 10,5 % aller ACS bei Frauen aus (vs. 3,4 % bei Männern). |
| SCAD (Spontandissektion) | Verursacht ca. 35 % aller Herzinfarkte bei Frauen < 50 Jahre. |
Herzklappenerkrankungen
Bei der Aortenklappenstenose (AS) reagiert das weibliche Myokard auf die Druckbelastung eher mit einer konzentrischen Hypertrophie, während Männer eher eine exzentrische Hypertrophie entwickeln. Frauen weisen daher häufiger kleinere linke Ventrikel, eine erhaltene LVEF und eine paradoxe low-flow low-gradient AS auf.
Herzinsuffizienz
Es zeigen sich deutliche epidemiologische und therapeutische Unterschiede bei der Herzinsuffizienz:
| Parameter | Frauen | Männer |
|---|---|---|
| Häufigster Phänotyp | HFpEF (Verhältnis ca. 2:1) | HFrEF |
| Medikamenten-Wirkspiegel | Oft schon bei niedrigeren Dosen erreicht | Standarddosierungen |
| Device-Therapie (ICD/CRT) | Seltener versorgt, höhere Komplikationsraten | Häufiger leitliniengerecht versorgt |
Herzrhythmusstörungen
Frauen haben eine höhere basale Herzfrequenz und eine längere kardiale Repolarisation (QT-Zeit).
- Long-QT-Syndrom: Frauen sind stärker gefährdet für medikamentös induzierte QT-Zeit-Verlängerungen und Torsades de Pointes (z.B. durch Amiodaron, Sotalol).
- Vorhofflimmern (VHF): Frauen sind bei Erstdiagnose älter, haben mehr Symptome und eine stärkere Reduktion der Lebensqualität. Sie erhalten seltener und später eine Katheterablation.
- AVNRT: Die Inzidenz ist bei Frauen 2- bis 3-fach erhöht.
Pulmonale Hypertonie (PH)
Die pulmonalarterielle Hypertonie (PAH) betrifft Frauen deutlich häufiger (weibliche Prädominanz). Dennoch ist das weibliche Geschlecht bei der PAH mit einem signifikant besseren Überleben assoziiert (Östrogenparadox). Von einer Schwangerschaft wird bei PAH-Patientinnen aufgrund der weiterhin hohen mütterlichen Sterblichkeit (11-25 %) dringend abgeraten.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei der Verordnung von QT-Zeit-verlängernden Medikamenten (z.B. Amiodaron, Sotalol) besonders bei Frauen auf EKG-Kontrollen, da sie ein deutlich höheres Risiko für Torsades de Pointes haben. Erheben Sie zudem immer eine gynäkologische Anamnese (Präeklampsie, Gestationsdiabetes, PCO) zur kardiovaskulären Risikostratifizierung.